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26.5.2002 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Islamismus in der Bundesrepublik Deutschland

Ursachen, Organisationen, Gefahrenpotenzial

II. Islamismus - Inhaltliche Definition und demokratie- theoretische Bewertung

Wie lässt sich der Begriff "Islamismus" definieren? Worin besteht seine ablehnende Haltung gegenüber der Demokratie? Der von den Anhängern selbst genutzte Terminus steht für eine Doktrin, die auch als islamischer Fundamentalismus bezeichnet wird. Ähnliche Phänomene lassen sich in anderen Religionen ausmachen, [7] daher handelt es sich nicht nur um eine Besonderheit der islamischen Welt. All diesen Fundamentalismen ist die Ablehnung der "westlichen Moderne" eigen, womit Demokratie, Individualisierung, Marktwirtschaft, Menschenrechte, Pluralismus und Säkularisierung gemeint sind. [8] Die damit verbundene Frontstellung belässt es aber nicht bei der Idealisierung vergangener gesellschaftlicher Zustände mit einer stärker religiösen Orientierung. Hierin unterscheiden sich die Fundamentalisten meist von orthodoxen und traditionalistischen Vertretern der jeweiligen Religionen. Auch nutzen sie im Unterschied zu diesen bewusst die technischen Errungenschaften der Moderne - um deren weltanschauliche Prinzipien gleichzeitig zu negieren. [9] Zum Ausdruck kommt darin eine konkrete Zukunftsorientierung, die auf eine fundamentale Änderung der Gesellschaftsordnungen abzielt.

Dabei nehmen die Anhänger des Fundamentalismus im Allgemeinen und des Islamismus im Besonderen bewusst eine politische Deutung ihrer religiösen Glaubensgrundlage vor. Es handelt sich also um einen typischen Akt der Ideologiebildung, der nur partiell etwas mit dem religiösen Gehalt des Islam zu tun hat. Eine Gleichsetzung aller Muslime mit den Islamisten verbietet sich von daher. Hinzu kommt: Sowohl in den meisten islamisch geprägten Ländern als auch unter den muslimischen Ausländern in westlichen Ländern stellen Islamisten nur Minderheiten dar. Zwar können sie sich in ihren Einstellungen und Handlungen teilweise auf Aussagen des Koran berufen. Darin enthaltene dogmatische und inhumane Auffassungen finden sich aber ebenfalls in Grundlagenwerken anderer Religionen. Auch im Namen der Bibel wurden im Laufe der Geschichte die schändlichsten Verbrechen begangen. Inwieweit solche Deutungen theologisch legitim sein könnten, bleibt zunächst von sekundärer Bedeutung. Entscheidend für den hier zu erörternden Zusammenhang ist, dass es solche ideologisierenden Vereinnahmungen religiöser Aussagen zu politischen Zwecken gibt und dass sie mobilisierende Wirkung entfalten.

Die ideologische Instrumentalisierung geht im Fall des Islamismus zunächst von einer Krisensituation aus. Gefragt wird dabei, warum die muslimisch geprägten Länder gegenüber den westlichen Ländern sozial und wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten seien. Die konstatierten Probleme und Schwächen der islamischen Staaten führen die Anhänger des Fundamentalismus auf eine Abkehr vom "wahren Glauben" oder eine Verfälschung des "göttlichen Willens" zurück. Weder Kapitalismus noch Kommunismus seien daher eine Lösung, folge doch aus deren Materialismus Dekadenz, Elend und Unglaube. Stattdessen fordert man die Rückkehr zu den Grundlagen des Islam, die sich allerdings nicht nur auf das persönliche Alltagsverhalten oder entsprechende individuelle Einstellungen beziehen solle. Auch das politische System müsse einer Re-Islamisierung unterzogen, die Trennung von Politik und Religion aufgehoben werden. Dies bedeutet in der Konsequenz die Errichtung einer Theokratie, also einer Herrschaftsform, in der die Staatsgewalt allein religiös legitimiert wird und in der die Regierenden nach dem Willen Allahs und den Vorschriften des Koran herrschen.

Da es aber weder unter den Muslimen noch unter den Islamisten eine einheitliche theologische Lehrmeinung gibt und ein Gott nicht unmittelbar in die Politik eingreift, obliegt die Deutungs- und Entscheidungskompetenz den jeweiligen Interpreten der religiösen Vorgaben. Der von welcher Instanz auch immer anerkannte Gottesgelehrte wird somit zum eigentlichen Herrscher. Dogmatismus und Willkür prägen dann die Legitimation der eigenen Politik, denn in einer solchen Sichtweise muss jeder Andersdenkende als verderblicher Ungläubigen gelten. Darüber hinaus führt eine solche Gesellschaftsauffassung zur Ablehnung von tragenden Prinzipien demokratischer Verfassungsstaaten: Herrschaft legitimiert sich nicht mehr durch den Willen des Volkes, sondern durch die Berufung auf die Vorschriften des Koran. Das Vorhandensein unterschiedlicher Meinungen im Sinne eines Pluralismus widerspricht in dieser Sicht dem unbedingten Anspruch des göttlichen Willens. Auch spielen individuelle Menschenrechte keine Rolle mehr, erhält der Einzelne doch seinen rechtlichen Status durch die Zugehörigkeit zur islamischen Gemeinschaft.

Fußnoten

7.
Vgl. u. a. Klaus Kienzler, Der religiöse Fundamentalismus. Christentum - Judentum - Islam, München 1996; Martin E. Marty/R. Scott Appleby, Herausforderung Fundamentalismus. Radikale Christen, Moslems und Juden im Kampf gegen die Moderne, Frankfurt/M. 1996; Thomas Meyer (Hrsg.), Fundamentalismus in der modernen Welt. Die Internationale der Unvernunft, Frankfurt/M. 1989.
8.
Neben der offenen Ablehnung besteht auch die Strategie der Umdeutung von Werten, etwa wenn von einem gesonderten "islamischen Menschenrechtsverständnis" ausgegangen wird.
9.
Vgl. Thomas Meyer, Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne, Reinbek 1989; Bassam Tibi, Islamischer Fundamentalismus, moderne Wissenschaft und Technologie, Frankfurt/M. 1992.