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26.5.2002 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Islamismus in der Bundesrepublik Deutschland

Ursachen, Organisationen, Gefahrenpotenzial

IV. Einige Reflexionen über die Ursachen für die Attraktivität islamistischer Organisationen

Allen vorgenannten Organisationen ist das skizzierte islamistische Politikverständnis eigen, was ihre Einordnung unter dieser Sammelbezeichnung rechtfertigt. Allerdings handelt es sich dabei weder um einen ideologisch noch strukturell einheitlichen Block. Hinsichtlich des Handlungsstils reichen die Optionen von kulturpolitisch ausgerichteten Aktivitäten zur Werbung von Anhängern bis zum geplanten Terroranschlag auf öffentliche Einrichtungen mit vielen Opfern. Allein von daher kann keine Gleichsetzung der genannten Organisationen vorgenommen werden. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Frage nach den Ursachen für die Attraktivität islamistischer Personenzusammenschlüsse nur schwer beantworten, gibt es doch je nach Organisationstyp ganz unterschiedliche Gründe für die Hinwendung zu den genannten Gruppierungen. Gleichwohl sollen hier einige sich aus den wenigen Forschungen [43] zum Thema ergebende Bedingungsfaktoren genannt werden. Die Ausführungen dazu verstehen sich daher nicht als umfassender Erklärungsansatz, sondern dienen lediglich als thesenartige Anregungen hierzu.

Das Benennen von Ursachen steht in einer emotionalisierten Debatte häufig vor dem Problem selektiver Wahrnehmung: Werden gesellschaftliche Aspekte genannt, deutet man dies mitunter als Entschuldigung für die jeweiligen Personen. Der Verweis auf die Besonderheiten in der jeweiligen Gruppe gilt demgegenüber als Entlastung der Mehrheitsgesellschaft. Beide Reaktionsweisen ignorieren dabei den Unterschied zwischen empirischer Beschreibung und normativer Rechtfertigung. Die Frage nach den Ursachen dient der Erklärung für die Herausbildung eines besonderen sozialen Prozesses und damit auch der Herausbildung von Strategien gegen eine als bedenklich geltende Entwicklung. Die hier formulierten Ausführungen beziehen sich weniger auf die in gewaltbereiten Organisationen aktiven Islamisten, liegen die Ursachen für deren Politisierung doch überwiegend in der Situation ihrer jeweiligen Heimatländer begründet. Stattdessen soll die Aufmerksamkeit auf die Gründe gerichtet werden, die islamistische Organisationen für in Deutschland aufgewachsene Jugendliche attraktiv machen.

Ansatzpunkt für darauf gerichtete Reflexionen ist die Frage, worin das werbewirksame Angebot besteht. Es kann verständlicherweise Wirkung nur entfalten, wenn eine entsprechende Nachfrage existiert. [44] Sie ergibt sich zu einem gewissen Anteil aus dem subjektiven Empfinden der eigenen Stellung in der deutschen Gesellschaft, die als ausgrenzend, benachteiligend und diskriminierend wahrgenommen wird. Ob diese Einschätzung auch der Realität sozialer Beziehungen entspricht oder durch eigene Einstellungen und Verhaltensweisen mit bedingt ist, spielt für den hier zu erörternden Zusammenhang nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist die individuelle Wahrnehmung, die in der Zuschreibung eines niedrigen Status in der Gesellschaft besteht. Hieraus erwächst das Bedürfnis nach einer Erklärung für die empfundene Stigmatisierung und nach einer Aufwertung der eigenen Identität. Sie erfolgt in islamistischen Organisationen durch die negative Bewertung der deutschen Gesellschaft, die ablehnende Haltung gegenüber einer Integration und die Betonung der Unvereinbarkeit von islamischer und westlicher Welt.

Aus dieser polarisierten Perspektive heraus entwickelt sich dann das Bedürfnis nach Identität, die in der besonderen kulturellen und politischen Deutung von Religion gesehen wird. Deren inhaltliche Akzeptanz und soziale Praxis dient der eigenen Aufwertung durch die Zugehörigkeit zur als überlegen geltenden Glaubensform und zur idealisierten islamischen Gemeinschaft. Außerdem soll sie den Anhängern Halt und Orientierung in einer als feindlich empfundenen gesellschaftlichen Umwelt geben. Da dazu die jeweiligen Kernfamilien nicht mehr in der Lage seien - so das Selbstverständnis der islamistischen Organisationen -, komme ihnen selbst die Bedeutung einer "neuen Familie" zu. [45] Zu dieser Ansicht passt auch das Vorhandensein von Einrichtungen, mit denen die Anhänger und Sympathisanten fest an die Organisation gebunden werden sollen. Exemplarisch verwiesen sei hier nur auf Freizeitaktivitäten, Kindergärten, Kulturveranstaltungen, Schulunterstützung und Sozialbetreuung. Selbst die lange Zeit als verrufen geltenden Sportklubs dienen als Mittel zur Einflussnahme auf Jugendliche im islamistischen Sinne.

Die Ursachen für die Attraktivität solcher Organisationen liegen demnach sowohl in mitgebrachten mentalen Prägungen der muslimischen Minderheit [46] als auch in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Aufnahmegesellschaft begründet. Insbesondere das Fehlen einer konzeptionell entwickelten Integrationspolitik dürfte hier seine langfristigen Folgen nach sich gezogen haben, führte es doch zu einer gegenseitigen Isolation von deutscher Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit. Die geringe Integrationsbereitschaft der einen Seite schwächte jeweils die Integrationsbereitschaft der anderen Seite. Gerade islamistischen Gruppen gestattete dies den Aufbau von Strukturen einer Parallelgesellschaft. Vor diesem Hintergrund bedarf es einer wertorientierten Integrationspolitik [47] , die allerdings nicht eine "deutsche Leitkultur" zum Kriterium machen kann. Eine solche lässt sich noch nicht einmal für die Deutschen selbst ausmachen und stellt daher allenfalls eine soziologische Fiktion dar. Angemessen und verbindlich sein können nur Normen und Verhaltensweisen, die man im Sinne eines Konsenses für die Gestaltung des gesellschaftlichen Miteinanders allen abverlangen kann.

Hierzu gehören die Minimalbedingungen eines demokratischen Verfassungsstaates in Gestalt von Konstitutionalismus, Menschenrechten, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit, Säkularität und Volkssouveränität. Säkularität fordert keineswegs von allen Gläubigen - oder hier insbesondere von den Muslimen - die Aufgabe ihres Glaubens, sondern dessen Beschränkung auf den privaten Bereich und Zurückdrängung aus der politischen Sphäre. Wenn Fundamentalismus und Islamismus als "Entprivatisierung der Religion" [48] verstanden werden, bedarf es als dagegen gerichteter Entwicklung einer Privatisierung der Religion. Diese gestattet es weiterhin, individuell wie kollektiv den Glauben zu praktizieren. Eine Privatisierung von Religion schließt deren Instrumentalisierung für politische Zwecke aus. Genau darin besteht aber das Anliegen der islamischen Organisationen, die ihre besondere Interpretation der Religion über die oben genannten Wertvorstellungen eines demokratischen Verfassungsstaates stellen wollen. Ein Säkularisierungsprozess im beschriebenen Sinne würde ihnen innerhalb der muslimischen Bevölkerung Akzeptanz und Basis nehmen.

Fußnoten

43.
Hierzu gehört auch: Wilhelm Heitmeyer/Joachim Müller/Helmut Schröder, Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland, Frankfurt/M. 1997; eine empirische Untersuchung, die trotz einer Reihe interessanter Aspekte inhaltliche und methodische Mängel aufweist. Mitunter bestätigen die erhobenen Daten nicht die formulierten Einschätzungen.
44.
Vgl Reinhard Hocker, Türkische Jugendliche im ideologischen Zugriff. Zur Einflussnahme extremistischer Gruppierungen auf jugendliche Migranten türkischer Herkunft, in: Wilhelm Heitmeyer/Rainer Dollase (Hrsg.), Die bedrängte Toleranz. Ethnisch-kulturelle Konflikte, religiöse Differenzen und die Gefahren politisierter Gewalt, Frankfurt/M. 1996, S. 426-449.
45.
Vgl. Emir Ali Sag, Üben islamisch-fundamentalistische Organisationen eine Anziehungskraft auf Jugendliche aus?, in: W. Heitmeyer/R. Dollase (Hrsg.), ebd., S. 450-473.
46.
Hierzu gehört auch eine autoritär-traditionalistische Sozialisation, die sich u. a. in einem dogmatischen Religionsverständnis, einem abwertenden Frauenbild und dem Stellenwert von Gewalt als Erziehungsstil zeigt.
47.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Kulturpluralismus statt Kulturrelativismus. Plädoyer für die Wertgebundenheit des Miteinanders von unterschiedlichen Kulturen, in: Humanismus aktuell, 4 (2000) 6, S. 17-27.
48.
Vgl. Ahmet Cigdem, Religiöser Fundamentalismus als Entprivatisierung der Religion, in: H. Bielefeldt/W. Heit-meyer (Anm. 12), S. 91-108.