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26.5.2002 | Von:
Armin Pfahl-Traughber

Islamismus in der Bundesrepublik Deutschland

Ursachen, Organisationen, Gefahrenpotenzial

V. Schlussbemerkung: Zur Problematik der Einschätzung des Gefahrenpotenzials

Wie lässt sich bilanzierend das Gefahrenpotenzial der islamistischen Organisationen einschätzen? Auch bei der Beantwortung dieser Frage gilt es, die Erscheinungsformen nach ihrem Handlungsstil zu unterscheiden. Die gewaltbereiten Gruppierungen machen zwar quantitativ nur einen geringen Anteil des politischen Islamismus aus. Darüber hinaus beschränken sie sich meist auf propagandistische Aktivitäten und verzichten hierzulande weitgehend auf die Anwendung von Gewalt. Diese Zurückhaltung ist allerdings primär taktisch motiviert: Zum einen nutzen die Anhänger der erwähnten Gruppierungen die Bundesrepublik Deutschland als Rückzugs- und Ruheraum; sie wollen sich die damit verbundenen Vorzüge nicht durch militantes Agieren verderben. Zum anderen gilt die Bundesrepublik Deutschland bei den "Mutterorganisationen" in den jeweiligen Herkunftsländern aufgrund ihrer ausgleichenden oder zurückhaltenden Außenpolitik nicht als zentrales Feindbild. In einer anderen weltpolitischen Konstellation könnte sich diese Einstellung allerdings zugunsten der aktiven Anwendung von Gewalt durchaus ändern.

Während in den genannten Fällen das Gefahrenpotenzial in möglichen Anschlägen besteht, muss es bei den legalistisch vorgehenden Islamisten in dem Maß der langfristigen Wirkung ihrer Politisierung gesehen werden. Sie führt aus mehreren Gründen zu einer Störung des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und religiöser Orientierung: Die islamistische Orientierung verhindert die Integration in unsere Gesellschaft und lässt eine von ihr abgeschottete Parallelgesellschaft entstehen. Da eine rigide Abgrenzung allerdings nicht für alle Lebensbereiche umsetzbar ist, kommt es automatisch zu Konflikten und Spannungen. Diese können generell zu einem konstruktiven Wandel in der Gesellschaft führen, stoßen in diesem Fall aber auf Absolutheitsansprüche und Fanatismus. In islamistisch geprägten Parallelgesellschaften besteht weder Offenheit noch Pluralismus, denn hier will man die eigene, als einzig wahr geltende Religion über alle anderen Werte des Gastlandes - auch die Grund- und Menschenrechte - stellen. Eine ausschließende politische Anlehnung an einen selektiv interpretierten Islam führt dann in der Konsequenz zur Herausbildung eines antidemokratischen Potenzials.

Die damit aufkommende Gefahr kann nicht als Ausdruck eines "Kampfes der Kulturen" [49] angesehen werden, unterstellt doch die damit verbundene populäre These die Geschlossenheit von Kulturen. Von einer solchen Annahme lässt sich weder bezogen auf die Kulturen der Welt noch auf die Muslime in Deutschland sprechen. So besteht auch bei ihnen ein unterschwelliger Dissens zwischen den Anhängern eines fundamentalistischen und eines privatisierten Religionsverständnisses. An einer offenen Diskussion über dieses Spannungsfeld scheint es in Deutschland allerdings zu mangeln. Ebenso wie sich die deutsche Bevölkerung mit ihren extremistischen Potenzialen selbstkritisch auseinandersetzen muss, muss sich auch die muslimische Bevölkerung selbstkritisch mit ihren islamistischen Potenzialen auseinandersetzen. Ein solcher Prozess kann durch das kritische Interesse der Öffentlichkeit der Mehrheitsgesellschaft und die Entwicklung einer konzeptionell angelegten und wertgebundenen Integrationspolitik vorangetrieben werden. Das damit möglich werdende tolerante Zusammenleben schließt allerdings den Fundamentalismus aus. [50]

Fußnoten

49.
Vgl. Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München 1996; kritisch dazu: Thomas Meyer, Identitäts-Wahn. Die Politisierung des kulturellen Unterschieds, Berlin 1997; Harald Müller, Das Zusammenleben der Kulturen. Ein Gegenentwurf zu Huntington, Frankfurt/M. 1998.
50.
Vgl. Jürgen Habermas, Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat, in: Charles Taylor, Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, Frankfurt/M. 1993, S. 174-196, hier S. 177.