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26.5.2002 | Von:
Jörg Baur

Mehr Nutzen aus Staudamm-Großprojekten?

Zum Bericht der World Commission on Dams

I. Abschnitt

Über 1 300 Kilometer strömt der Narmada-Fluss quer durch den indischen Subkontinent. Sein Ufer ist die Heimat, sein Wasser die Lebensgrundlage von Millionen Menschen in vier verschiedenen Bundesstaaten. Und seit 15 Jahren ist der Narmada auch Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen um den Bau gewaltiger Staudämme. Neunmal hat die Bewegung "Rettet den Narmada" (NBA [1] ) in den vergangenen zwei Jahren den Bauplatz des jüngsten Narmada-Dammprojekts in Maheshwar besetzt, die Zufahrtstraßen über Monate hinweg blockiert und vor dem Sitz der Regierung in Bhopal wochenlange Sitz- und Hungerstreiks durchgeführt. Ganze Dörfer haben verkündet, dass sie lieber ertrinken würden, als sich von den Dammbauern aus ihrer Heimat vertreiben zu lassen. 35 000 Einwohner müssen nach Angaben der NBA für das Maheshwar-Projekt umgesiedelt werden. Obwohl die Bauarbeiten schon vor Jahren begonnen wurden, ist bis heute für einen Großteil der Betroffenen noch kein Land zur Umsiedlung gefunden. Doch nachdem in diesem Jahr die Septemberregenfälle im Bundesstaat Madhya Pradesh ausgeblieben sind, hat die NBA es mit einer neuen Gruppe von Staudammbefürwortern zu tun. 50 000 Soja-Bauern, die weder Regen noch genug Strom zum Wasserpumpen haben, droht die Vernichtung der gesamten Ernte.

Der Konflikt um die Staudämme im Narmada ist keineswegs eine rein lokale Angelegenheit. Mehrmals mussten sich die höchsten indischen Gerichte mit den Projekten befassen, und auch außerhalb des Subkontinents haben die Dammbauten für reichlich Konfliktstoff gesorgt. So zog die japanische Regierung bereits 1990 nach den ersten großen Widerstandsaktionen gegen einen Dammbau im Narmada ihre Kredite zurück. Im Jahr darauf erhielt Medha Patkar, Führerin der Bewegung "Rettet den Narmada", den alternativen Nobelpreis und gelangte dadurch zu internationaler Bekanntheit. Kurz danach begann auch die Weltbank an den Staudammprojekten zu zweifeln; 1993 verzichtete Indiens Regierung auf einen 170-Millionen-US-Dollar-Kredit der Weltbank. Und schließlich erreichte der Konflikt auch Deutschland. Im April 1999 zogen die Energiekonzerne Bayernwerk und VEW ihre geplante Beteiligung am Maheshwar-Damm zurück, und im August 2000 fühlte sich Siemens nach weiteren Protesten und der kritischen Einschätzung eines vom Ministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) in Auftrag gegebenen Gutachtens veranlasst, seinen Antrag auf eine Hermes-Bürgschaft für die Maheshwar-Turbinen zu stornieren.

Fußnoten

1.
Narmada Bachao Anolan. Informationen zum Widerstand gegen das Staudammprojekt unter: http://www.narmada.org/maheshwar.html.