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26.5.2002 | Von:
Jörg Baur

Mehr Nutzen aus Staudamm-Großprojekten?

Zum Bericht der World Commission on Dams

II. Abschnitt

So wie am Narmada wird seit einigen Jahren um fast jedes große Staudammprojekt gestritten. Denn Staudämme werden einerseits in vielen Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens zur Stromerzeugung und Bewässerung dringend benötigt, andererseits führt ihr Bau zu riesigen Stauseen, denen Tausende, im Fall des chinesischen Drei-Schluchten-Staudamms sogar weit über eine Million Menschen weichen müssen. Oft verlieren sie durch die Umsiedlung weg von den fruchtbaren Flusstälern ihre gesamte Lebensgrundlage in Ackerbau oder Fischerei. Manchmal entstehen durch die Wasserregulierung Brutstätten für Krankheitserreger, die zu einer sprunghaften Verbreitung von Erkrankungen wie zum Beispiel Malaria oder Bilharziose führen. Bei Erdbeben werden Staudämme zur Gefahr, und die ökologischen Folgen eines großen Staudamms sind kaum absehbar. Ein aufgestauter Fluss verändert sich völlig, unter anderem, weil an die Stelle eines periodischen Wechsels zwischen Hochwasser und Wasserarmut ein fast gleichmäßiger Abfluss tritt. Flora und Fauna können sich nicht immer anpassen, einigen Arten werden die Lebensgrundlagen entzogen, andere breiten sich aus. Und für Fische stellt ein Staudamm ein unüberwindbares Hindernis dar. Die Verteilung des aufgestauten Wassers kann erheblichen sozialen Sprengstoff bergen. Ein Staudamm kann zu Konflikten zwischen Regionen und Nationen beitragen, wenn den Unterliegern ein Teil des Wassers entzogen wird, um das Reservoir aufzufüllen oder um weiter flussaufwärts landwirtschaftliche Bewässerung betreiben zu können.

Doch nicht nur die Probleme, sondern auch die Vorteile eines großen Staudamms können enorm sein. Eine günstige und verlässliche Versorgung mit Trinkwasser und Strom ist für Millionen von Menschen in den Großstädten der Entwicklungsländer, die oft unterhalb der Armutsgrenze leben müssen, ein Segen. Wenn Wasserkraftwerke alte Kohlekraftwerke ersetzen, dient dies nicht nur dem Klimaschutz, sondern trägt vor allem wesentlich zur Verbesserung der Luftqualität in den Städten bei. Die Landwirtschaft profitiert von Bewässerungsmöglichkeiten selbst in Dürreperioden und kann so eine gleichmäßigere Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen. Und schließlich erwirtschaften Staudämme Staatseinnahmen, die zum Aufbau sozialer Infrastruktur genutzt werden können.

Die erwarteten Vorteile sind so verlockend, dass heute weltweit ungefähr die Hälfte aller Flüsse durch mindestens einen großen Damm gestaut wird. 45 000 Großstaudämme mit mehr als 15 Metern Höhe sind in Betrieb, weitere 1 700 befinden sich derzeit in Bau. Nach Schätzung der World Commission on Dams (WCD) sind zwischen 40 und 80 Millionen Menschen durch den Bau dieser Staudämme vertrieben oder umgesiedelt worden, die meisten ohne angemessene Entschädigung. Nicht nur ökologisch und sozial sind Staudämme oft Megaprojekte. Auch ökonomisch sind sie mit Investitionskosten von mehreren hundert Millionen Mark in vielen Ländern die mit Abstand größten Infrastrukturmaßnahmen. Weltweit werden rund 20 Prozent des Stroms aus Wasserkraft gewonnen; 24 Staaten, darunter Brasilien, Kongo, Sambia und Norwegen, decken über 90 Prozent ihres Strombedarfs aus Wasserkraft. Zwischen 12 und 16 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion beruhen auf der Bewässerung aus Stauseen.