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26.5.2002 | Von:
Jörg Baur

Mehr Nutzen aus Staudamm-Großprojekten?

Zum Bericht der World Commission on Dams

IV. Abschnitt

Tatsächlich schafften es die 12 Kommissionsmitglieder, in der vorgegebenen Zeit einen einstimmigen, über 300 Seiten starken Abschlussbericht [2] vorzulegen. Als sie am 16. November 2000 in London ihre Unterschriften darunter gesetzt hatten, war es an Nelson Mandela, ihnen für die Arbeit zu danken und den Blick nach vorn zu richten. "Es ist eine Sache, die Fehler in einem existierenden System zu finden", sagte er, "aber es ist etwas völlig anderes und viel schwerer, es durch eine bessere Herangehensweise zu ersetzen." Beides, sowohl die gründliche Analyse als auch die Empfehlungen für künftige Staudammprojekte, ist Bestandteil des WCD-Berichtes. Es steht damit ein Katalog von Empfehlungen zur Verfügung, deren Einhaltung dazu führen soll, dass nur noch sinnvolle Staudammprojekte ausgewählt werden und dass bei ihrer Durchführung negative Nebenwirkungen sozialer, ökologischer und ökonomischer Art auf ein erträgliches Maß reduziert werden. Das Besondere daran ist, dass diese Empfehlungen gemeinsam von Staudamm-Befürwortern wie -Gegnern erarbeitet wurden.

Bei der Analyse bestehender Großdämme musste die WCD feststellen, dass viele von ihnen die selbst gesetzten Ziele der Stromerzeugung und Bewässerung nicht erreicht hatten. Ursache dafür waren nicht nur falsche Berechnungen, unerwartete technische Schwierigkeiten oder auch Verzögerungen durch massive Proteste. Bei einer durchschnittlichen Kostenüberschreitung der untersuchten Dämme von 56 Prozent drängte sich darüber hinaus der Verdacht auf, dass knappe Kalkulationen bewusst eingesetzt wurden, um die Akzeptanz der Projekte zu erhöhen. Doch nicht nur das Kosten-Nutzen-Verhältnis war häufig unbefriedigend. Bei den meisten Dammprojekten traten negative ökologische Folgen in unerwartet hohem Ausmaß auf. So wirken sich manche in den Tropen gelegene Großdämme zum Beispiel negativ auf das Klima aus, oder sie führen - wie am südafrikanischen Oranje - zu einer Schädlingsepidemie, die immense Schäden in der Viehwirtschaft verursacht. Es zeigte sich auch, dass mögliche Alternativen zu den Großdamm-Projekten in den Bereichen Energie, Wasser und Nahrungsmittelproduktion nicht ausreichend geprüft worden waren. In manchen Fällen hätte eine Kombination aus innovativen Stromerzeugungstechnologien, Einsparmaßnahmen oder Verbesserungen der landwirtschaftlichen Anbaumethoden zu besseren Ergebnissen geführt als ein neuer Staudamm.

Alle am gravierendsten erwiesen sich in der WCD-Analyse jedoch die Mängel bei der Entscheidungsfindung, Planung sowie der Beteiligung der Bevölkerung. So wurden die negativen Folgen eines Staudamms für die in den Flusstälern lebenden Menschen noch in den neunziger Jahren oft überhaupt nicht berücksichtigt. Und je größer das Ausmaß der Vertreibung, desto weniger wahrscheinlich war es, dass die Lebensgrundlagen selbst der unmittelbar betroffenen Gemeinschaften wiederhergestellt werden konnten. Bei Staudammprojekten werde die betroffene Bevölkerung "nicht als Partner mit eigenen Rechten bei der Planung wahrgenommen", heißt es im WCD-Bericht, "geschweige denn in die Lage versetzt, sich an diesen Prozessen zu beteiligen". Schon aus diesem Grund sei es kein Wunder, dass Staudamm-Planungen immer wieder zu schweren Konflikten führten.

Fußnoten

2.
Vgl. Dams and Development: A New Framework for Decision Making (http://www.dams.org).