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26.5.2002 | Von:
Norbert Suchanek

Die dunklen Seiten des globalisierten Tourismus

Zu den ökologischen, ökonomischen und sozialen Risiken des internationalen Tourismus

I. Fernreisen

Immer mehr Touristen nutzen die Billigangebote von Neckermann, Lufthansa und TUI, um für ein paar Tage in die Karibik, nach Kenia oder Südostasien zu fliegen. Kohlendioxidausstoß oder der naturzerstörerische Verbrauch von strategischen und energieintensiven Rohstoffen wie Aluminium für den Flugzeugbau, der notwendige Bau neuer und der Ausbau bestehender Flughäfen spielen praktisch keine Rolle. So wuchs der interkontinentale Ferntourismus zwischen 1985 und 1996 um 73 Prozent, Tendenz weiterhin steigend. Unternahmen 1996 noch 3,5 Prozent der Weltbevölkerung eine Fernreise, werden es bis 2020 mehr als doppelt so viele sein, rechnet das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags (TAB). Laut der Delphi-Studie "Fernreisen 2005" werden wahrscheinlich ab 2005 allein die Deutschen jährlich rund elf Millionen mal in ein fernes Urlaubsland fliegen. [2] Eine Grenze dieses Fernflug-Wachstums ist nicht in Sicht.

Was bedeutet diese Steigerung des internationalen Flugverkehrs für die Umwelt? Was bedeutet es für unsere Atmosphäre, unser Klima, wenn laut WTO im 21. Jahrhundert jede dritte Urlaubsreise weltweit per Flugzeug unternommen wird? Zahlen des von den Vereinten Nationen eingesetzten Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zufolge betrug der vom Flugverkehr verursachte Kohlendioxidausstoß 1992 nur etwa zwei Prozent des weltweit durch Industrie, Haushalte und Verkehr in die Atmosphere eingebrachten Kohlendioxids (CO2). [3] Dennoch kann der Flugverkehr nicht als vernachlässigbare Größe angesehen werden. Zum einen produzieren die Triebwerke neben CO2 noch weitere Schadstoffe, die ebenfalls einen Einfluss auf Atmosphäre und Klima haben. Werden diese Abgase insgesamt berücksichtigt, erhöht sich, so die Modellrechnungen des Forschungsprogramms "Schadstoffe in der Luftfahrt", der rechnerische Beitrag des internationalen Luftverkehrs zum von Menschen verursachten Klimaeffekt auf etwa vier Prozent. Doch das Entscheidende ist: Der Flugverkehr nimmt stark zu. So rechnet das IPCC mit einer jährlichen Steigerung der Flugverkehr-Abgase von drei Prozent. Wer glaubt, eine jährliche Zunahme von drei Prozent sei wenig, der sollte an das Gleichnis mit dem Reiskorn und dem Schachspiel denken oder sich die exponentielle Entwicklung der Weltbevölkerung (1,75 Prozent Wachstum werden hier bereits als "Bevölkerungsexplosion" bezeichnet!) vor Augen führen. Drei Prozent jährliche Zunahme von Abgasen bedeutet, dass sich die Schadstoffmengen alle 23 Jahre verdoppeln werden, aus 1 wird 2, dann 4, 8, 16, 32, 64, 128, . . . Dies hält keine Atmosphäre aus. Deshalb fordern weltweit Forscher und Umweltschutzorganisationen wie Friends of the Earth wirkungsvolle Maßnahmen zur Eindämmung der Flugreisen. Airlines wie die Lufthansa (LH) sind indes anderer Meinung. Zwar wolle auch die LH die innerdeutschen Flüge verringern, das Wachstum im Fernflugtourismus aber stelle für das Unternehmen kein zu bekämpfendes Problem dar. Im Gegenteil: Die LH hält den Ferntourismus offensichtlich sogar für notwendig, um die vom Nahtourismus belasteten Regionen innerhalb Deutschlands zu entlasten. Zitat aus dem LH-Umweltbericht 1997/98: "Die Alternativen Schwarzwald statt Seychellen oder Rügen statt Mallorca stellen sich nur in der grauen Theorie. Denn schon heute ist in vielen klassischen Urlaubsregionen wie dem Wattenmeer, den Alpen oder in den Naherholungsgebieten der Ballungsräume die Belastungsgrenze der Natur sichtbar. Wenn Millionen Fernreisende dorthin umgeleitet würden, könnte die Natur dies kaum verkraften."

Das LH-Management sieht also den Ferntourismus als Retter der einheimischen Umwelt. Der Teufel soll mit dem Belzebub ausgetrieben werden. Bereits jetzt sind die Belastungsgrenzen vieler Fernreiseziele längst erreicht. Bei den gegenwärtigen Wachstumsraten ist es nur eine Frage der Zeit, wann auch das letzte Fleckchen Natur in der entferntesten Region am Tourismus erstickt. Der LH-Ansatz, die vorhandenen Belastungsprobleme in unseren eigenen letzten unverbauten Landschaften durch Verlagerung der Tourismusströme auf andere Regionen, vor allem in die südlichen Länder der Dritten Welt, zu lösen, ist deshalb unseriös. Er vernachlässigt darüber hinaus den vom Flugverkehr verursachten Schadstoffausstoß und Treibhauseffekt. Dabei sind gerade die beliebten Fernreiseziele Hauptopfer des Klimawandels. So hält der 1997 veröffentlichte IPCC-Report über die regionalen Auswirkungen des Klimawandels die tropischen und subtropischen Urlaubsinseln für extrem gefährdet durch Klimawandel und Meeresspiegelanstieg. Die Menschen wie der Tourismus der Inselstaaten der Karibik sowie des Pazifischen und Indischen Ozeans würden auf vielfältige Weise unter den Auswirkungen des künstlich erhöhten Treibhauseffektes leiden. "Der Verlust von Stränden aufgrund von Erosion und Überschwemmung, die Versalzung von Trinkwasserquellen, erhöhter Umweltstress auf die Küstenökosysteme, Beschädigung der Infrastruktur durch tropische Stürme und ein großer Verlust an natürlichen, landschaftlichen Reizen bedrohen die Überlebensfähigkeit und Nachhaltigkeit der Tourismusindustrie vieler kleiner Inseln", warnen die Wissenschaftler. [4] Auch die Urlaubsziele in Ost- und Südafrika würden unter dem Klimawandel besonders leiden. Diese Erkenntnisse der Forscher bedeuten konkret: Je mehr Urlauber per Flugzeug in die Urlaubsparadiese fliegen, desto schneller werden unsere beliebten Reiseziele Opfer des Treibhauseffekts: Wir töten, was wir lieben.

Fußnoten

2.
Vgl. Delphi-Studie Fernreisen 2005, Studienkreis für Tourismus und Entwicklung, Ammerland 1997.
3.
Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Aviation and the Global Atmosphere, Cambridge 1999.
4.
Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Special Report. The Regional Impacts of Climate Change: An Assessment of Vulnerability. Summary for "Policymakers, November 1997.