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26.5.2002 | Von:
Norbert Suchanek

Die dunklen Seiten des globalisierten Tourismus

Zu den ökologischen, ökonomischen und sozialen Risiken des internationalen Tourismus

V. Natur- oder Ökotourismus

Nun stellt sich natürlich die Frage: Kann der Natur- oder Ökotourismus, im Englischen "Ecotourism" [14] genannt, eine Alternative zum aktuellen, umweltschädlichen und sozial bedenklichen Tourismus sein? Die schlichte Antwort lautet: "Nein, unter den gegenwärtigen Strukturen und Machtverhältnissen nicht." Der "Ecotourism" wird derzeit in den Konzernetagen lediglich als ein Zusatzgeschäft betrachtet. Und auch die Regenwald-Touristen, die nach Costa Rica reisen, setzen sich nicht in Hamburg in ein kleines Segelschiff, sondern steigen in den Jet von LTU, British Airways oder einer anderen Airline. Gleichzeitig ist der gegenwärtige Natur- oder Ökotourismus nur eine zusätzliche Gefahr für die biologische und kulturelle Vielfalt unseres Planeten. Dies widerspricht freilich den Verlautbarungen und Hoffnungen von Touristikkonzernen und einigen NGOs aus den Industriestaaten, die seit den fünfziger Jahren den Naturtourismus weltweit als Retter der Serengeti, der Nashörner, der Elefanten, der Orang-Utans oder neuerdings als Retter des Regenwaldes propagieren. Dabei könnte echter, von Einheimischen kontrollierter "Öko- und Fair-Trade-Tourismus" eine tatsächliche Chance zum Schutz der Biodiversität sein. Doch nur wenn er die bestehenden Tourismusformen ersetzt und nicht wie bisher ergänzt. [15]

Derzeit ist es so, dass die Zielgebiete nur aufgeteilt werden. Ein Stück Regenwald wird abgeholzt, ein anderes für den Naturtourismus mit Hotels (Eco-Lodges) und Infrastruktur entwickelt, und an der Küste wird der Mangrovenwald in Urlaubs-Resorts und Golfplätze umgewandelt. In einer Studie des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) [16] heißt es 1995: "Es sollte aber auch beachtet werden, dass die höchsten Wachstumsraten im Naturtourismus von Nachfragegruppen ausgehen, die in Schutzgebieten lediglich außergewöhnliche Erlebnisse - häufig als zusätzliche Attraktion eines Strandurlaubers oder einer Kreuzfahrt - suchen. Die internationalen Erfahrungen mit Naturtourismus in Schutzgebieten der Entwicklungsländer zeigen überwiegend eine planlose, ungelenkte Entwicklung, die in ihrer Dynamik viel eher von der Tourismuswirtschaft als von Naturschutzbehörden bestimmt wird." Dies deckt sich mit den Erkenntnissen des australischen Tourismusforschers David B. Weaver. Seinen Forschungen zufolge wirke der "Ecotourism" lediglich als ein Vorbereiter des Massentourismus mit allen seinen negativen Folgen. Der Wissenschaftler von der Griffith University in Queensland hatte die bei Naturtouristen beliebten Reiseziele Costa Rica, die Karibik, Kenia, Nepal, Thailand und die südpazifischen Inseln untersucht und fand heraus, dass in praktisch allen tropischen Urlaubsländern der "Ecotourism" lediglich in Tagesausflügen in die "unberührte" Natur besteht. In seinem Buch "Ecotourism in the Less Developed World" kommt er 1998 zum Schluss: "Die meisten Natururlauber sind 3-S-Touristen (Sun, Sea, Sand)." Unter dem Strich leidet folglich die Umwelt unter dem international praktizierten Ökotourismus.

Seit "Erfindung" der Nationalparks sind die Opfer des "Ecotourism" aber auch traditionelle Bevölkerungsgruppen und indigene Völker wie zum Beispiel die in den ostafrikanischen Savannen beheimateten Massai. Sie wurden seit den fünfziger Jahren nach und nach aus den touristisch interessanten Gebieten verdrängt. Begonnen hatte es mit der Errichtung des Serengeti-Schutzgebiets. Die dort lebenden Massai wurden in das erheblich kleinere Gebiet des Ngorongoro-Kraters zwangsumgesiedelt. Als immer mehr tierliebende Touristen ins Land kamen, waren die Massai 1974 auch im Ngorongoro-Krater nicht mehr touristisch erwünscht. Sie wurden mit militärischem Druck aus dem Krater vertrieben. Auch Pygmäen-Völker verloren ihre angestammten Gebiete im Herzen Afrikas, um Platz für den so genannten Gorilla-Tourismus zu schaffen. [17] Dies sind keine Einzelfälle. Weltweit hatte der boomende Naturtourismus, gepaart mit der Schaffung von "künstlichen", menschenleeren Nationalparks, meist negative Folgen für indigene Völker. [18] Trotzdem sehen staatliche Entwicklungsorganisationen der Industrieländer den "Ecotourism" zunehmend als Chance für eine nachhaltige Entwicklung in den südlichen Ländern.

Das Thai Network on Tourism (TNT) indes fürchtet, dass der neue Trend zur Förderung des Ökotourismus der internationalen Industrie lediglich neue Möglichkeiten eröffnet, um Thailands natürliche und kulturelle Ressourcen ohne Rücksicht auf die lokalen Bevölkerungen zu kapitalisieren. Gleiches befürchten die Hawaiianer. Nachdem Hawaiis Ureinwohner bereits - in der Folge der US-amerikanischen Annexion im Jahre 1898 - fast ihres gesamten Landes beraubt und von der auf Sonne, Strand, Meer und Sex setzenden Urlaubsbranche ausgebeutet wurden, empfinden sie den sich jetzt ausweitenden Naturtourismus als zusätzliche Bedrohung. "Mit der wachsenden Beliebtheit des Ecotourism geht die Ausbeutung durch die Urlaubsindustrie tiefer als jemals zuvor", klagt die Vereinigung der hawaiianischen Ureinwohner, Ka Lahui Hawai'i. Camping-, Wander- und Abenteuerurlauber störten zunehmend die letzten verbliebenen Gebiete, in denen die Ureinwohner noch in traditioneller Weise lebten, jagen und fischen könnten. Die Landnutzungsrechte der Ureinwohner würden beschnitten, nur damit Ökotouristen intakte Natur erlebten.

Fußnoten

14.
Die im internationalen Tourismus seit vielen Jahren übliche Definition von "Ecotourism" ist nicht "ökologischer Tourismus", sondern "Tourismus in Naturräumen". Trotzdem hat es sich leider bei uns durchgesetzt, Ecotourism immer mit Ökotourismus zu übersetzen. Ökotourismus im Sinne von ökologischem Tourismus ist, wenn ich z. B. am Wochenende mit dem Regionalzug nach München fahre und mir dort eine regional erzeugte Öko-Weißwurst kaufe. Dies entspricht aber nicht der Definition von Ecotourism. Umgekehrt ist nach internationalem Sprachgebrauch derjenige ein "Ecotourist", der z. B. nach Costa Rica fliegt, sich dort mit einem Privatbus in einen Nationalpark fahren lässt und mit einer Seilbahn das Dach des Regenwaldes erkundet. Dies ist zwar Naturtourismus, aber ganz bestimmt nicht umweltfreundlich oder ökologisch.
15.
Vgl. auch Norbert Suchanek, Was ist Ökotourismus, in: Süddeutsche Zeitung vom 6. Juni 2000.
16.
Vgl. Arbeitsgruppe Ökotourismus, Ökotourismus als Instrument des Naturschutzes, BMZ, Bonn 1995.
17.
Vgl. Albert Kwokwo Barume, Heading Towards Extinction? - Indigenous Rights in Africa: The case of the Twa of the Kahuzi-Biega Nationalpark, Democratic of Congo, International Work Group for Indigenous Affairs (IWGIA), Document No.'101, Kopenhagen 2000.
18.
Vgl. Jean Keefe and Sue Wheat, Tourism and Human Rights, a Report prepared by Tourism Concern; vgl. auch Norbert Suchanek, Mythos Wildnis, Stuttgart 2001.