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26.5.2002 | Von:
Norbert Suchanek

Die dunklen Seiten des globalisierten Tourismus

Zu den ökologischen, ökonomischen und sozialen Risiken des internationalen Tourismus

VI. Zum UN-Jahr des Ökotourismus

Während der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) 1997 sagte der Umwelt-Direktor des inzwischen größten Reisekonzerns der Welt, der TUI, Wolf Michael Iwand: "Aber was ist die ,Mission' des Tourismus? Größe allein reicht nicht aus. Das haben wir längst für unser Unternehmen gelernt. Wenn ich das Potenzial von Naturerhaltung und Wertschöpfung zum Maßstab nehme, dann, so denke ich, hat Tourismus das Potenzial, die bessere Alternative für die Zukunft, für eine notwendige nachhaltige Entwicklung zu sein." Diesen und anderen Sonntagsreden zum Trotz: Global agierende Tourismuskonzerne wollen wie alle Unternehmen Profit machen, möglichst jedes Jahr mehr Profit. Klarer als Michael Iwand äußerte sich der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft, Erich Kaub, in seiner Festrede zur Eröffnung der ITB 2001, auf der er sich vehement für die Abschaffung der Ökosteuer und für den Ausbau von Flughäfen einsetzte. Kaub: "Es liegt in der Natur des Menschen, neue Ziele zu suchen. So wie die Autoindustrie neue Autos entwickelt, so entwickeln wir neue Destinationen."

Destinationen - touristische Zielgebiete - sind für die Reisebranche wie eine natürliche Ressource, wie Luft und Wasser. Da heutige und zukünftige Urlaubsziele ein noch ausreichend vorhandenes Allgemeingut sind, sind sie praktisch kostenlos zu haben. Das Angebot regelt die Nachfrage. Solange es irgendwo auf der Welt - oder neuerdings auch im Weltraum - ein noch nicht entwickeltes Zielgebiet gibt, sind die Tourismuskonzerne nicht abhängig von den einzelnen Reiseländern. Ist ein Urlaubsziel kaputtentwickelt oder ist die Gewinnmaximierung gänzlich ausgeschöpft, zieht die Karawane der Tourismusentwickler in ein neues Zielgebiet weiter - wie Goldgräber, die von Claim zu Claim wandern und dabei eine Spur der sozialen und ökologischen Verwüstung hinterlassen. Macht ein kleiner Inselstaat den großen Touristikkonzernen unbequeme Auflagen, ziehen die Unternehmen einfach ab. Die Kreuzfahrtschiffe und Urlaubsjets steuern in der nächsten Saison einen anderen Hafen an. Das betroffene Urlaubsland bleibt auf seinen Weltbankschulden sitzen, die es aufgenommen hatte, um touristische Infrastrukturpojekte (Häfen, Straßen, Golfplätze usw.) zu finanzieren. Die Abhängigkeit der Zielgebiete des Südens von den Tourismuskonzernen spiegelt sich ebenso in der Gewinnverteilung wider. Studien ergaben, dass nur weniger als ein Drittel der Einnahmen aus dem Tourismus normalerweise in den Kassen des bereisten Entwicklungslandes landen. [19] Auch im Ländervergleich wird das Nord-Süd-Gefälle im Tourismus deutlich. Während Europa 1997 rund 218 Milliarden Dollar aus dem Tourismus einnahm, musste sich die gesamte Region Ostasien und Pazifik mit 83 Milliarden Dollar zufrieden geben. Noch weniger profitierte Afrika. [20] Der Schwarze Kontinent bekam 1997 mit 8,7 Milliarden Dollar nur einen sehr kleinen Teil der Tourismuseinnahmen. Das bevorstehende UN-Jahr des Ökotourismus (International Year of Ecotourism) wird kaum etwas daran ändern - im Gegenteil. Vor allem NGOs aus den Entwicklungsländern und indigene Völker befürchten, dass es dadurch zu einem weiteren Ausverkauf ihrer Gebiete und natürlichen Ressourcen kommt. Das UN-Engagement im "Ecotourism" würde mehr Biodiversität zerstören und mehr einheimischen Gemeinschaften Schaden zufügen. [21] Deshalb fordern NGOs wie das Third World Network das UN-Umweltprogramm (UNEP) auf, den internationalen Ökotourismus nicht blind zu fördern, sondern stattdessen seine negativen Folgen und Risiken zu untersuchen.  

Internetadressen des Autors zum Thema Tourismus und Tourismuskritik

- www.tourismconcern.org.uk (Tourism Concern, United Kingdom)

- www.twnside.org.sg/title/iye.htm und twnside.org.sg/tour.htm (Tourism Investigation and Monitoring Team, Thailand)#

- www.akte.ch (Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung, Schweiz)

- www.ecotourism.org (The International Ecotourism Society, USA)

- www.itf.org.uk (Cruise Ship Campaign von International Transport Workers Federation [ITF])

- www.child-hood.com (Internet platform against the sexual exploitation of children in tourism) 

- www.ecpat.de (ECPAT Deutschland/Organisation gegen die sexuelle Ausbeutung und den Handel von Kindern)

- www.iz3w.org/fernweh (Fernweh-Forum Tourismus und Kritik, Deutschland)

- www.rethinkingtourism.org (Rethinking Tourism Project, Protecting and Preserving Indigenous Lands and Cultures, USA)

- www.studienkreis.org (Studienkreis für Tourismus und Entwicklung Deutschland)#

- www.tourism-watch.org (Tourism-Watch, Deutschland)

- www.world-tourism.org (World Tourism Organisation - WTO)

- www.wttc.org (World Travel and Tourism Council - WTTC)

Fußnoten

19.
Vgl. John Madely, Foreign exploits: Transnationals and tourism, Catholic Institute for International Relations (CHR), London 1966; Katrina Brandon, Ecotourism and Conservation: A Review for Key Issues, The World Bank, Environment Department "Papers, No. 033, 1996: Jörg Seifert-Grazin/D. Samuel Jesupatham, Tourism at the Crossroads - Challenges to Developing Countries by the New World Trade Order, epd-Entwicklungspolitik, Materialien IV/99, Frankfurt/M. 1999; Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V., Tourismus in Entwicklungsländern, Ammerland 2000.
20.
Vgl. Tourism Market Trends, South Asia 1998 WTO; Tourism Statistics, 25 Years of sustainable Development of Tourism, Ministry of Tourism Republic of Maldives, 1998.
21.
Vgl. Internationales UN-Jahr des Ökotourismus 2002: UNEP und NROs uneinig über Ökotourismusjahr, Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (Akte) Kurznachrichten 3/2001; Tourism Investigation and Monitoring Team. Open letter to UNEP regarding the IYE, Thailand 2001.