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26.5.2002 | Von:
Karlheinz Wöhler

Tourismus und Nachhaltigkeit

II. Nachhaltigkeit als offenes Konzept

Überträgt man diese Überlegungen auf den Tourismus, dann ist zunächst einmal festzuhalten, dass Reisen und somit der Aufenthalt in vom Herkunftsraum entfernten Fremdräumen Natur nicht nur per se in je spezifischer, historisch bedingter Weise konstituierte und konstituiert. [5] Nach wie vor werden bei der "Neuentdeckung" neuer und der Auslobung bestehender Reisedestinationen (Zielräume und -orte) Grenzen zwischen Natur und Gesellschaft gezogen: Der Tourismus lebt und nährt sich von den Unterscheidungen zwischen dem normalen Alltag (Gesellschaft) und dem authentischen wirklichen Lebensraum (Natur). [6] Es gäbe schlechterdings keinen Tourismus, wenn es nicht möglich wäre, den Heimat- vom Fremdraum zu trennen. Im Zuge dieser Trennung bzw. Grenzziehung wird der Fremdraum stets naturalisiert. Nicht nur die Landschaft erscheint als Natur bzw. als natürlich(er), sondern auch der Fremde. Darüber hinaus - und dies ist wesentlich - wird dem Aufenthalt im touristischen Fremdraum die Fähigkeit zugeschrieben, dass er die Besucher naturalisiert, d. h., dass man dadurch etwa gesünder, glücklicher, ausgeglichener, wirklicher usw. - eben natürlicher - wird. [7] Der ferne bzw. fremde Naturraum, der also auch den Menschen respektive Einheimischen einschließt, wird als Ressource für Wohlbefinden und Glück(serlebnisse) instrumentalisiert und ausgebeutet - touristifiziert (siehe auch die Abbildungen 1 und 2).

Mit der fortschreitenden Touristifizierung des Globus (und neuerdings auch des Weltalls) gerät die Natur immer umfassender in den gesellschaftlichen Zugriff. Was dem Touristen als fremd und natürlich geboten wird, weitet sich aus und wird in die soziale Welt des Tourismus einbezogen, die unbemerkt zu einem integralen Teil des Alltags und des Nahraums mutiert. In diesem anhaltenden Prozess der Touristifizierung verschieben sich ständig die Grenzen zwischen dem, was wie und in welchem Umfang an Natur angeeignet oder nicht angeeignet werden kann. Das Angeeignete wandert in den gesellschaftlichen Bestand - es gehört zum touristischen Angebot. Das Ausgeschlossene gehört zum touristischen Potenzial. [8] Die Vergesellschaftung von Natur im Zuge der Touristifizierung der Welt bringt demnach immer neue Verschmelzungen von Natur und Gesellschaft hervor. Nicht nur, dass die Touristen davon profitieren (siehe Wohlbefinden), sondern es erhöht sich auch die Wohlfahrt (Erträge, Einkommen und Arbeitsplätze) derjenigen, die im Herkunftsland der Touristen und im Ankunftsland touristische Angebote bereitstellen. [9] Alle Akteure im Tourismusgeschehen sind infolgedessen auf Definitionen angewiesen, wonach der Tourismus nicht als ökologieschädlich erscheint.

Was anfänglich vor 30 Jahren als sanfter, dann als umwelt- und sozialverträglicher Tourismus thematisiert wurde [10] und heute als nachhaltiger (sustainable) Tourismus firmiert, stellt eine Idee dar, die einen vagen Idealtyp eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus umfasst. Nachhaltiger Tourismus ist ein Grenzobjekt, das zwischen den Dichotomie-Polen Natur und Gesellschaft (Tourismus) vermittelt, der Kommunikation zwischen den Tourismusakteuren dient und symbolische Kooperation ermöglicht. Weil alle Akteure weiterhin am Tourismusgeschehen teilhaben wollen, liegt es nicht in ihrem Interesse, die Dichotomie Natur und Tourismus zu schließen bzw. im Namen eines Pols aufzuheben. Das Konzept eines nachhaltigen Tourismus eignet sich vielmehr bestens, das prekäre Verhältnis des Tourismus zur Natur für strategische Diskurspolitik zu benutzen. Dabei werden die Grenzen dessen, was der Ökosphäre im Namen der Lebenschancen und der wirtschaftlichen Entwicklung noch zugemutet werden kann, permanent im normativen und materiellen Interesse verschoben.

Ein nachhaltiger Tourismus ist daher ein offenes Konzept, das ein Akteursnetzwerk hervorbringt. Diese Akteure umfassen nicht nur die Vielfalt der Tourismusanbieter und deren Faktorlieferanten, sondern auch die Touristen. Wenn Nachhaltigkeit auf der tourismuspolitischen Agenda steht, dann gesellt sich die Natur als einer von vielen möglichen Stakeholdern (Bewohner, Verbände, Politiker, Wissenschaftler, Medien) insofern hinzu, als sie durch ihre Eigenschaften (z. B. verschmutztes Wasser) handelt und folglich dadurch wie die anderen Akteure auf das Netzwerk einwirkt. Es ist mehr als fraglich, ob sich angesichts der damit verbundenen Interessengegensätze die drei nachhaltigen Ziele durchsetzen lassen. Statt "Interessenbildung" wäre wohl eher "Normenbildung" angezeigt, die jedoch in anderen Arenen (Familie, Schule, Nachbarschaft, Alltag) als gerade im Tourismus ansetzen müsste.

Fußnoten

5.
Vgl. Raimund Rodewald, Sehnsucht Landschaft. Landschaftsgestaltung unter ästhetischem Gesichtspunkt, Zürich 1999.
6.
Vgl. hierzu Karlheinz Wöhler, Pflege der Negation. Zur Produktion negativer Räume als Reiseauslöser, in: Alexander G. Keul/Reinhard Bachleitner/H. Jürgen Kagelmann (Hrsg.), Gesund durch Erleben? Beiträge zur Erforschung der Tourismusgesellschaft, München 2000.
7.
Reisen enthält einen religiösen Charakter, es transzendiert den Menschen in Paradiese. Reisen ist Erlösung von der Gesellschaft. Vgl. hierzu Boris Vukonic, Tourism and Religion, Oxford - New York - Tokio 1996.
8.
Oftmals werden diesbezügliche "Parks" ausgewiesen, die selbst in China touristisch erschlossen werden sollen; vgl. dazu Erlet A. Cater, Tourism in the Yunnan Great Rivers National Parks System Project: Prospects for Sustainability, in: Tourism Geography, 2 (2000) 4, S. 472-489.
9.
Gerade wenn Natur als "Ökotourismus" angeboten wird; vgl. als eine kritische Untersuchung für Südafrika Rael M. Loon/Daniel Polakow, Ecotourism Ventures. Rags or Riches?, in: Annals of Tourism Research, 28 (2001) 4, S. 892-907.
10.
Vgl. das hierzu lesbare Bändchen von Jost Krippendorf/Peter Zimmer/Hans Glauber (Hrsg.), Für einen anderen Tourismus. Probleme - Perspektiven - Ratschläge, Frankfurt/M. 1988.