APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Karlheinz Wöhler

Tourismus und Nachhaltigkeit

III. Ökologische Konstruktion

Was ein Akteursnetzwerk beispielsweise in einem Fremdenverkehrsort als ein "nachhaltiges Tourismuskonzept" hervorbringt, ist völlig offen, und dies bedeutet, dass die Natur bzw. Ökosphäre nicht das Resultat vorgibt. Wo auch immer derartige nachhaltige Konzepte für die Tourismuswelt entwickelt und durchgesetzt werden - sie unterscheiden sich hinsichtlich der jeweiligen Akteurs- und Interessenkonstellation. [11] Die Natur bzw. Ökosphäre ist nur ein Akteur, dessen Merkmale und "Aussagen" (Wirkungen) ebenso der Interpretation unterliegen wie die der anderen Akteure. Jegliche Form eines nachhaltigen Tourismus ist daher eine Vergesellschaftung (= Touristifizierung) der Natur. Was naturwüchsig abläuft, ist die Entwicklung eines derartigen Konzepts, d. h., niemand kann vorhersagen, wie und in welchem Umfang dabei die Grenzen zur Natur überschritten oder gar ignoriert werden und welche Hybriden - Nachhaltigkeitskonzepte - konstruiert werden. [12] Wie in der Vormoderne produziert man mit einem nachhaltigen Tourismus ein symbolisches "Ganzheitliches" und integriert Ökologie (Natur), Ökonomie (vom Verkehr über das Gastgewerbe bis zum Konsum), Politik, Kultur, Ästhetik, Wissenschaft und Moral in ein "Gesamtkonzept". Wie ehedem verpflichten sich alle Akteure zur Nachhaltigkeit bzw. zur Natur (Bekenntnis zur gottgegebenen Mutter Natur). In diesem Sinne sind "wir nie modern gewesen", [13] d. h., mit Nachhaltigkeit wird die Unterscheidung von Gesellschaft (Tourismus) und Natur flüssig bzw. hybrid, und es wird die moderne Unterscheidung zwischen diesen beiden Polen aufgegeben, die ja gerade das Signum der Modernen sein will.

Wird die Natur mit den Hybriden wie der Nachhaltigkeit vermittelt, wofür nicht zuletzt das hohe Umweltbewusstsein ("Leben mit der Natur", "Im Einklang mit der Natur handeln") der Touristen und Tourismusanbieter als ein Indikator anzusehen ist, [14] so geht mit dieser Vermittlung eine umfassende Reinigungs- und Standardisierungsarbeit einher. [15] Diese Reinigungsarbeit ist eine Selbsttäuschung, glaubt man doch zu guter Letzt, dass hier eine "moderne", bisweilen "reflexiv moderne" Arbeit geleistet werde, die klar die Grenzen von Gesellschaft (Tourismus) und Natur offen legt. [16] Es kommt indes eine Ineinssetzung wie beispielsweise "qualitatives Wachstum" oder eine "ökologische Ökonomie" heraus. Diese Reinigungs- und Standardisierungsarbeit lässt sich nach verschiedenen Phasen systematisieren. [17] Was als nachhaltig betrachtet wird, wird von der Umwelt ab- und ausgegrenzt, nicht Passendes wird eliminiert, in sich geschlossene Beschreibungen werden erstellt, Akteure werden verpflichtet, und die Nachhaltigkeitskonzeption wird stabilisiert.

Blickt man auf die Geschichte des Reisens, dann entdeckt man, dass seit geraumer Zeit eine (Neu-)-Konstruktion touristischer Ziele stattfindet, die schon seit den ersten Pilgerfahrten nach einem bekannten Muster abläuft - jetzt unter einem ökologischen Vorzeichen. Das Ergebnis dieser Neuschaffung bzw. Konstruktion ist eine Mythisierung eines Ortes, einer Region, eines Hotels, einer Gaststätte usw. - kurz eines Raumes, der sowohl für die verschiedenen Anbieter von Räumen (Leistungsträger) als auch für Nachfrager (Touristen) eine ökologische, sinnhafte Welt darstellt und somit die eingangs erwähnten Kontinuitätssehnsüchte befriedigt. Damit wird der Raum in einen sakralen Stand gehoben, was erneut dafür spricht, dass die Moderne vormodern geblieben ist.

Der Prozess der ökologischen bzw. nachhaltigen Konstruktion touristischer Ziele läuft wie folgt ab: Zunächst steht eine ökologische Purifikation an. Was zum Beispiel einen Fremdenverkehrsort ökologisch verunreinigt und nicht authentisch ist, wird eliminiert und durch ökologisch "Reines" ersetzt. Das fängt beispielsweise beim landestypischen Baustil und dem Wandern ohne Gepäck an, setzt sich über die regionaltypische Küche fort und endet bei althergebrachten Festen, touristisch verwertbaren Bräuchen, Handwerksweisen usw., dem autofreien Ort sowie der umweltgerechten Hygiene und Büroausstattung. All dies soll den Ort ökologisch reinigen und sowohl die Einheimischen als auch die Touristen im Namen des Ökosphären- bzw. Naturschutzes einen/vereinen. Mehr noch - im übertragenen Sinne werden auch Menschen "vertrieben", die den Ort ökologisch verunreinigen: Indem das Angebot umweltverträglich bzw. nachhaltig gestaltet wird, was eine vorherige Purifikation voraussetzt, spricht man nur derart ökoaffine Urlauber an. Danach wird der Fremdenverkehrsort sakralisiert, d. h., er wird als nachhaltig ausgelobt, und dies bedeutet zugleich, sich von anderen, "harten" Fremdenverkehrsorten abzusetzen. Diese Sakralisierung beinhaltet selbstverständlich, dass sich die örtlichen Angebote und Leistungsträger als umweltverträglich markieren. Sichtbare Zeichen sind hierfür diverse Signale (Gütesiegel), die dem Fremden anzeigen, dass er es hier mit "Öko-Produkten" zu tun hat. Für diese Reinigung und Markierung erhofft man sich einen Marktsegen, sprich einen Wettbewerbsvorteil.

Parallel hierzu verläuft die Einrahmung. Sowohl für Anbieter/Leistungsträger als auch für Touristen werden Regeln aufgestellt (z. B. Ökobilanzen, Umwelttipps, Broschüren, Mitarbeiterschulungen), spezifische Zugangswege festgelegt (Bahn, Fahrrad, Parkplätze außerhalb des Ortskerns usw.), Preise und Gebühren festgesetzt und schließlich sogar "Regel-" bzw. "Raumwächter" ("Ökoranger" u. ä.) angestellt. Man will sichergehen, dass das einmal ökologisch Geweihte nicht erneut verunreinigt wird. Und letztendlich wird der Fremdenverkehrsort vermarktet, in gewissem Sinne "reproduziert": Indem für jede Vor-, Neben- und Hauptsaison immer wieder Anstrengungen unternommen werden, "richtige" Gäste zu rekrutieren, wird die umweltverträgliche bzw. nachhaltige Reputation weiter verbreitet. Nicht selten ist ein derartiger Fremdenverkehrsort auch bereit, "ökologische" Pilger zu empfangen, die dann nachahmend versuchen, auch ihren Ort nachhaltig umzurüsten. Ein nachhaltig deklarierter Fremdenverkehrsort ist zu einer "heiligen Stätte" geworden: Er ist in sich homogen und kontinuierlich. [18]

Interessanterweise können bei einem erfolgreichen Verlauf dieser ökosozialen Konstruktion die Gemeinschaft der Bereisten bzw. die Bürger eines Ortes gestärkt werden. Da "nachhaltig" oder "umweltverträglich" politisch gewollte Eigenschaften umschreiben, muss ein umweltverträglicher Tourismus diskursiv durchgesetzt werden. Im Rahmen dieses Diskurses (vgl. "Runder Tisch", "Offenes Forum Tourismus", "Arbeitsgruppen", "Ideen-Börse", "Leitbildmanagement" u. a. m.) entsteht eine neuartige Einheit und ein neues Ortsbewusstsein. Mögen anfangs noch viele skeptisch oder gar miteinander entzweit gewesen sein, auf der symbolischen Ebene "Umweltverträglichkeit" bzw. "Nachhaltigkeit" können sich die Bürger (harmonisch) treffen. Diese soziale Reproduktion stärkt den Ort und/oder die Region in vielerlei Hinsicht: (Rück-)Gewinnung einer eigenen Identität, erfolgreicher Widerstand gegen nahe und entfernte Bürokratien sowie gegen Globalisierung, Selbstbezug auf eigene Entwicklungsmöglichkeiten und schließlich Herbeiführung eines qualitativen bzw. nachhaltigen Wachstums. [19]

Fußnoten

11.
Vgl. etwa für den Mittelmeerraum Dimitri Ioannides/ Yorghos Apostolopoulos/Sevil Sonmez (Hrsg.), Mediterranean Islands and Sustainable Tourism Development, London - New York 2001.
12.
Wenn Nachhaltigkeit nach der Naturnutzung differenziert wird, dann sind quasi unzählige Konzepte denkbar. Vgl. zu diesem Vorgehen Lars Aronsson/Klas Sandell, Ort, Tourismus und Nachhaltigkeit, in: Tourismus Journal, 3 (1999) 3, S. 357-378.
13.
B. Latour (Anm. 4), S. 65.
14.
Vgl. K. Wöhler/A. Saretzki (Anm. 1), S. 17 ff.
15.
Vgl. zur Vermittlungs- und Reinigungsarbeit bei der Produktion von Hybriden B. Latour (Anm. 4). Man könnte auch von "Staging" oder Inszenierung sprechen und inte"ressante Parallelen zu Dean MacCannell, The Tourist. A New Theory of the Leisure Class, New York 1989², finden.
16.
Vgl. Scott Lash/John Urry, Economies of Signs and Space, London - Thousand Oaks - New Delhi 1994, S. 252 ff.
17.
Nach Karlheinz Wöhler, Was läuft bei umweltverträglichem Tourismus ab? Eine andere Bestandsanalyse, in: Informationen zur Umweltverträglichkeitsprüfung und Öko-Audit, 8 (1994) 5, S. 292-294.
18.
Vgl. Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen, Frankfurt/M. - Leipzig 1998 (zuerst 1964).
19.
Vgl. hierzu kritisch Allan M. Williams/Armando Montanari, Sustainability and Self-Regulation: Critical Perspectives, in: Tourism Geographies, 1 (1999) 1, S. 26-40.