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26.5.2002 | Von:
Karlheinz Wöhler

Tourismus und Nachhaltigkeit

IV. Nachhaltige Tourismusprodukte

Die Konstruktion eines nachhaltigen Fremdenverkehrsortes oder touristischen Produkts sagt nun beileibe nicht, hierbei sei Fiktives, nichts Materielles entstanden. Die Konstruktion (Prozess) bringt Produkte (Wirklichkeiten) hervor, [20] d. h. hier, dass im Rahmen der jeweils akteursspezifischen Interessenkonstellationen weltweit tourismusbedingte Umweltschäden in den Blick genommen und Schadensverringerungen durch Nachhaltigkeitskonzepte bewirkt werden. Die soziale Konstruktion einer touristischen Nachhaltigkeit will demgegenüber den Blick auf die Beliebigkeit bzw. Kontingenz ("es kann auch anders sein") von Nachhaltigkeitskonzepten und somit auch von "Um-weltschäden" lenken.

So kommt es einem Zynismus gleich, beispielsweise einem Taxifahrer in einem Entwicklungsland die hohen CO2-Emissionen seines alten Autos vorzuhalten und ihm die Anschaffung eines schadstoffarmen Autos aufzuerlegen. Weil er mit "Touristenfahren" seine Familie ernährt, stellen diese Emissionen "Überlebens-Emissionen" dar. Es liegen jedoch "Luxus-Emissionen" vor, wenn ein Urlauber tagtäglich mit einem Jeep mehrmals eine Ferieninsel durchquert. Hier sind etwa verkehrsreduzierende Maßnahmen und ein Fahrverbot angesagt. Gefordert ist also eine differenzierte Vorgehensweise, die das Ziel Gerechtigkeit vor das Ökosphärenschutzziel stellt.

Auch die Umsetzung einer nachhaltigen Tourismusentwicklung ist bei weitem nicht überall möglich. In einer massentouristisch genutzten Destination lassen sich zwar der Energieverbrauch und Abfall reduzieren, doch es dürfte unmöglich sein, weitere Nachhaltigkeitsforderungen zu erfüllen, wie beispielsweise einen hohen regionalen Selbstversorgungsstand nur mit lokalen Produkten herbeizuführen. In Regionen ohne Massentourismus ist dies jedoch genauso realisierbar wie der Aufbau bestimmter Verwertungsnetze, bei denen in einem Verbund Landwirtschaft, Gewerbe, Handel und Tourismusbetriebe zusammenarbeiten und sich ergänzen. Derartige Vernetzungen wirken nicht nur umweltschützend, sondern sie tragen auch zur regionalen Wohlfahrt bei, etwa indem sie Arbeitsplätze schaffen oder erhalten. Von großen Tourismusunternehmen kann dagegen erwartet werden, dass sie den jeweiligen "Stand der Technik" kennen und daher durch Erneuerungsmaßnahmen kontinuierlich den Energieverbrauch und den Abfallanfall senken sowie eine umweltschonende Entsorgung oder Wiederverwendbarkeit von Materialien sicherstellen. Ein solcher Anspruch lässt sich dagegen für Entwicklungsländer nicht durchgängig formulieren. [21]

Wenn es ein Wesenzug einer nachhaltigen Tourismusentwicklung ist, "Gerechtigkeit" gelten zu lassen, dann müssen auch die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen in Rechnung gestellt werden. Im Namen des Umweltschutzes sind nur jene anzuprangern, die trotz vorhandener Fähigkeiten nichts oder zu wenig gegen tourismusbedingte Umweltschäden unternehmen. Leisten hingegen alle auf der Grundlage ihrer spezifischen ökonomischen und sozialen Bedingtheiten einen maximalen Umweltschutzbeitrag, dann sind sie nicht im Licht der "reinen Umweltverträglichkeitslehre" mit dem Hinweis zu denunzieren, dass dies nur "Peanuts" seien. Auch aufgrund dieser Bedingtheiten und der Unvollkommenheit des Menschen müssen wir uns leider mit einer Welt der zweitbesten, eben konstruktivistischen Lösungen begnügen. Bei realistischer Betrachtung gibt es aufgrund dieser Bedingtheiten ein Spektrum verschiedener umweltschonender Maßnahmen, die den Tourismus in die Rolle versetzen, einen Beitrag für eine allgemeine nachhaltige Entwicklung auf der nationalen und internationalen Ebene zu leisten. Verkürzt lassen sich diese Ansätze wie folgt zusammenfassen. [22]

1. Produktorientierter Umwelttourismus



Im Vordergrund steht das Ziel, bestehende Angebote weiterhin marktfähig zu erhalten und mit umweltverträglichen Erneuerungen ein Marktwachstum einzuleiten. Erst an zweiter Stelle steht die Umwelt. Der Anstoß, sich umweltverträglich zu engagieren, kommt von unterschiedlichen Interessengruppen (Öffentlichkeit, Mitarbeiter, Bevölkerung, Medien, Gesetzgeber, Touristen) und durch die Wettbewerbssituation. Seien es touristische Leistungsträger wie das Gastgewerbe und Transportunternehmer oder Tourismusdestinationen - sie leiten ein ökonomisches Risiko von veränderten Akzeptanzschwellen des Umweltzustands ab. Sind Regionen relativ stark tourismusabhängig oder stellen sie bestimmte Hauptzielgebiete von Reiseveranstaltern dar, so kann die Wahrnehmung von Umweltschäden dazu führen, dass umweltverträgliche Maßnahmen ergriffen werden, die sowohl der Ästhetik und dem Erholungswert der Landschaft zugänglich sind als auch das natürliche Ökosystem entlasten.

Die Diskussion über die Tourismusabhängigkeit von Regionen kann überdies dazu führen, dass Möglichkeiten weiterer Wirtschaftsaktivitäten gefunden werden (z. B. Landwirtschaft, Gewerbe). Auf diese Weise entwickeln sich Regionen breiter, was ganz im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung ist. Mallorca ist neben den unzähligen deutschen Tourismusorten das Paradebeispiel dafür, wie man sich durch umweltverträgliche Angebote längerfristig marktfähig halten will.

2. Natur- und kulturraumbezogener Tourismus



Im Gegensatz zum produktorientierten Ansatz liegt das primäre Augenmerk bei diesem Ansatz auf der Erhaltung der Ökosysteme sowie der kulturellen Eigenart. Beide stellen hier das "Kapital des Tourismus" dar. Zugleich ist dieser natürliche Kapitalstock der Faktor, den Regionen als touristische Attraktion vermarkten können. Wasser- und Energieressourcen werden effizient genutzt; die Materialwahl ist auf Abfallvermeidung und Recyclingfähigkeit ausgerichtet. Was die Touristen benötigen, wird mit gegebenen Mitteln sichergestellt. Dieser Tourismus stellt eher eine Entwicklungschance als den Entwicklungsmotor dar. Nepal mag mit Abstrichen, Eritrea wohl noch gänzlich und Teile der Antarktis sowie Zyperns mögen hier vollkommen einzuordnen sein.

3. Naturschutzorientierter Tourismus



Um den Reichtum der ursprünglichen Natur, die Artenvielfalt und charakteristische Formationen der Landschaft zu erhalten, werden immer mehr Regionen als Naturschutzgebiete oder auch Naturparks und Biosphärenreservate ausgewiesen. Da in einer intensiv von Touristen genutzten Region der Anteil der geschützten Flächen nicht beliebig steigen kann, liegt es an den Verantwortlichen, derartige Flächen auszuweisen oder aber nur bestimmte "Tourismusmengen" (Zufahrten, Parkplätze oder Übernachtungen) zuzulassen. Ziel ist es, den Tourismus nicht in eine unkontrollierte Wachstumsphase eintreten zu lassen.

4. "Reparaturbezogener" Umwelttourismus



Umweltverträglicher Tourismus soll schließlich auch "die Dinge wieder in Ordnung bringen". Es liegen hier zum einen massive, vom Tourismus nicht zu verantwortende Umweltschäden vor (etwa in Russland), oder man sieht zum anderen im Tourismus eine Alternative zu anderen Wirtschaftsaktivitäten. Diese Regionen sind zwar touristisch nicht attraktiv, aber um die Landschaft zu retten, ist ein solcher Tourismus dem weiteren Verlust an natürlichen Ressourcen vorzuziehen.

Diese vier Ansätze dokumentieren, dass die "nachhaltige Tourismuswirklichkeit" nur zweitbeste Lösungen kennt, d. h., die jeweiligen Akteurskonstellationen und raumspezifischen Bedingungen definieren Nachhaltigkeit. Nichtsdestoweniger sind dies Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung. Es gibt keinen Königsweg in Sachen Umwelt- bzw. Ökosphärenschutz. Eine allseits verbindende Umweltethik für den Tourismus reklamieren hieße daher, Ungerechtigkeit zu predigen.

Fußnoten

20.
Vgl. Ian Hacking, Was heißt "soziale" Konstruktion? Zur Konjunktur einer Kampfvokabel in den Wissenschaften, Frankfurt/M. 1999, S. 63 ff.
21.
Vgl. Nina Rao, Die CSD aus der Sicht des Südens, in: Tourismus Journal, 3 (1999) 4, S. 489-499.
22.
Vgl. hierzu auch Richard W. Butler, Sustainable Tourism: A State-of-the-Art Review, in: Tourism Geographies, 1 (1999) 1, S. 7-25; K. Wöhler/A. Saretzki (Anm. 1), S. 84 ff.