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26.5.2002 | Von:
Karlheinz Wöhler

Tourismus und Nachhaltigkeit

V. Nachhaltige Tourismusprodukte als Luxusgüter

Da letztlich der Tourist bzw. Urlauber über die Marktgängigkeit von Produkten entscheidet, müsste er - also die Nachfrage - eigentlich zum "Königsmacher" eines nachhaltigen Tourismus stilisiert werden. Tourismusanbieter argumentieren, dass ihnen das Absatzrisiko für nachhaltige Tourismusprodukte zu hoch sei, weil die Nachfrage ihre Investitionen in Umwelt- bzw. Naturschutzmaßnahmen nicht preislich honoriere. Zwar liege ein hohes Umweltbewusstsein vor, doch der Tourist sei nicht zahlungsbereit. Ein Tourist gehe bei seinen Entscheidungen von Low- und nicht von High-Cost-Bedingungen aus. [23]

Selbstverständlich lassen sich umweltverträgliche Angebote, die sich nicht wesentlich im Preis von anderen, vergleichbaren Angeboten unterscheiden, gut verkaufen. Gelingt einem umweltverträglichen Anbieter dieses Kalkulationskunststück, dann kann er durchaus der Konkurrenz trotzen und Wettbewerbsvorteile erzielen. Ansonsten steht er wie ein Fünf-Sterne-Hotel vor der Aufgabe, real existierende Touristen unter den vielen umweltbewussten Reisenden herauszufinden, die bereit sind, für umweltschonende Leistungen mehr zu bezahlen. Und es gibt sie wirklich: Es kristallisiert sich ein derartiges Potenzial heraus, das um die 20 Prozent umfasst. Diese ökologischen Touristen reden nicht nur vom Wasser (sprich: der intakten Umwelt), sie trinken auch tatsächlich keinen Wein: Sie legen mehr Geld für eine umweltverträgliche Leistungsbereitstellung hin. Damit ist ein Anfang gemacht - den Pionieren folgt bekanntlich die Mehrheit. Man muss nur abwarten. Es ist jedoch Skepsis angezeigt und zu fragen, ob dieses Öko-Potenzial wirklich der Umwelt dienen will und nicht nur einen qualitätsvollen Konsum schätzt, den sich nicht jedermann leisten kann. Denn dieses zeichnet auch diese Öko-Touristen aus: Sie verbinden ein hohes Einkommen mit Umweltbewusstsein. Ein umweltverträgliches Tourismusprodukt wäre demnach ein teures Positionsgut, das einem Besitzer Ansehen verleiht. "Nachhaltiges" Reisen wäre dann endlich wieder ein Luxusgut, mit dem man sich gegenüber anderen abgrenzen kann. [24] Wer es sich leisten kann, muss fortan nicht länger mit diesen "Neckermännern" reisen. Das "demokratische Gut" Reisen/Urlaub war ihnen ja schon immer zuwider! Jetzt ist man wieder unter sich - wie zu Zeiten der "Grand Tour". Nun, man sollte es pragmatisch sehen. Selbst wenn umweltverträgliche bzw. nachhaltige Angebote Luxusgüter sein sollten, so kommen sie doch der Umwelt zugute. Und wenn die Erfolgsgeschichte des Wohlfahrtsstaates anhält, dann wachsen immer mehr Nachfrager nach, die sich auch dieses Luxusgut leisten können. Dafür sorgen schon die serielle "Tourismusproduktion" und die Technik. Wir bekämen dann einen massenhaften umweltverträglichen Tourismus. Doch ist das nicht ein Paradoxon? Masse und umweltverträglicher bzw. nachhaltiger Tourismus! Beginnt dann, wenn alles ökologisch saniert ist, nicht wieder alles von vorne?

Fußnoten

23.
Vgl. K. Wöhler/A. Saretzki (Anm. 1), S. 21 ff., S. 124 ff.
24.
Vgl. Karlheinz Wöhler, Internalisierungsbereitschaft externer Kosten umweltverträglicher Angebote, in: Gottfried Langer/Klaus Weiermair (Hrsg.), Tourismus und Landschaftsbild. Nutzen und Kosten der Landschaftspflege, Thaur-Wien-München 1993.