Darknet: onion

10.11.2017 | Von:
Stefan Mey

"Tor" in eine andere Welt? Begriffe, Technologien und Widersprüche des Darknets

Das sorgt für Anonymität: Die aufgerufene Website, sei es beispielsweise die von "Spiegel Online" oder die des Bundeskriminalamts, erfährt nicht, von wem die Anfrage eigentlich ausging. Und auch der Internetanbieter, zum Beispiel die Telekom, sieht nicht, welche Website aufgerufen werden soll.

Das Prinzip der anonymisierenden Weiterleitung wird von zwei Anwendungen genutzt. Die erste ist der Tor-Browser, eine Abwandlung des bekannten, nichtkommerziellen Firefox-Browsers. Er lässt sich kostenlos herunterladen und leitet den Datenverkehr über den beschriebenen Umweg von drei Tor-Knoten. Das macht ihn langsamer als handelsübliche Browser, vor allem bei Websites mit vielen multimedialen Elementen und Werbeeinblendungen. Mit dem Tor-Browser kann man anonym im klassischen Netz surfen und Netzsperren umgehen, da er verschleiert, welche Website tatsächlich angesteuert wird. Zum anderen erlaubt er einen Zugriff auf das Tor-basierte Darknet, das für andere Browser nicht sichtbar ist.

Die zweite Anwendung ermöglicht den anonymen Betrieb von Websites unter der inoffiziellen Darknet-Endung .onion. Diese Seiten werden, da ihr Standort von der Tor-Software versteckt wird, auch hidden services genannt. Die einzelnen .onion-Adressen werden auf Basis von Zufallszahlen von der Tor-Software berechnet und bestehen in der Regel aus einer kryptisch anmutenden Folge von 16 Zeichen. So lautet beispielsweise eine Darknet-Adresse: expyuzz4wqqyqhjn.onion.

Die Kommunikation mit einer Darknet-Seite geschieht über eine Art toten Briefkasten. Sowohl die User als auch die Seitenbetreiber kommunizieren mit dieser Zwischenstation über eine jeweils eigene Route aus drei Tor-Knoten. Die Seiten haben einige Vorzüge: Sie bewahren Nutzer davor, sich aus Unwissenheit zu de-anonymisieren, da sich .onion-Seiten nur per Tor-Browser betreten lassen. Zudem können .onion-Adressen weder zensiert noch von staatlichen Stellen gelöscht werden, was bei Adressen im klassischen Netz durchaus möglich ist.

Dieser vor Überwachung und Zensur geschützte digitale Kosmos ist meist gemeint, wenn in der öffentlichen Diskussion über "das" Darknet gesprochen wird. In der Praxis gibt es allerdings auch eine breitere Definition des Tor-Darknets. Die engere Definition, die auch im Folgenden verwendet wird, umfasst ausschließlich die .onion-Seiten. Für die weitere Definition zählt zum Darknet bereits, wenn mit dem Tor-Browser anonym im klassischen Netz gesurft wird.

Hinter Tor und somit auch hinter dem .onion-Darknet steht eine nicht profitorientierte Organisation mit Hauptsitz in Seattle: The Tor Project, Inc. Diese betreut die Software und entwickelt sie weiter. Ihr steht eine ehrenamtliche Community zur Seite, die die Infrastruktur aus Tausenden Tor-Knoten zur Verfügung stellt.

Eigenschaften des Tor-Darknets

Das Tor-Darknet ist klein, und seine überschaubaren Ausmaße stehen in einem auffälligen Missverhältnis zur großen medialen Präsenz. Das Tor Project zählt etwa 50.000 einzelne .onion-Adressen (Stand Oktober 2017). Von denen enthalten allerdings, wie verschiedene Studien ergeben haben, weniger als 10.000 tatsächlich per Browser ansteuerbare Inhalte.[3]

Ähnlich sieht es bei der User-Basis des Darknets aus. Laut Tor Project nutzen etwa 2,5 Millionen Menschen täglich die Tor-Software, dabei stammen etwa acht Prozent aus der Bundesrepublik.[4] Wie viele davon mit dem Tor-Browser "nur" anonym im normalen Netz surfen oder tatsächlich im .onion-Darknet unterwegs sind, erhebt die Organisation nicht. Geschätzt wird aber, dass nur etwa 3,4 Prozent des Tor-Datenverkehrs auf die Darknet-Nutzung entfällt. Zieht man diese Zahl, in Ermangelung präziserer Angaben, für eine Schätzung der Darknet-Nutzung heran, ergibt sich ein Wert von deutlich weniger als 100.000 Usern.

Bei der Nutzung von .onion-Adressen lassen sich drei Modelle unterscheiden:

Originäre .onion-Inhalte
Orientiert man sich an der gängigen Berichterstattung über das Darknet, ließe sich nicht nur eine große Zahl an ethisch fragwürdigen, sondern auch an gesellschaftlich erwünschten, politischen Inhalten erwarten, die es so nur unter .onion-Seiten und nicht im klassischen Web gibt. Diese Erwartung wird jedoch überwiegend enttäuscht. Eine nennenswerte inhaltliche Vielfalt gibt es lediglich auf der illegalen Seite des Darknet-Kosmos. Dort findet sich eine breite Palette an professionalisierten Marktplätzen, die verschiedene "Produkte" in ihren digitalen Regalen stehen haben. Hauptsächlich werden aber Drogen verkauft. Auf der legalen Seite finden sich vor allem selbstreferenzielle Inhalte, etwa Überblickslisten zum Darknet.

.onion als Programmbaustein
Beim zweiten Modell dient die .onion-Technologie als Baustein für spezielle Darknet-Programme. Das prominenteste Bespiel ist die Software OnionShare, über die sich Dateien tauschen lassen. Die Software erzeugt auf dem Rechner ihrer Nutzer eine temporäre .onion-Adresse mit einem Download-Link. Von dieser kurzzeitig existierenden Darknet-Seite kann dann jemand anderes die zu tauschende Datei herunterladen – ohne dass Dritte zwischengeschaltet sind, wie das bei anderen Lösungen, etwa dem Versand per E-Mail oder über Anbieter wie Dropbox, der Fall ist.

Fußnoten

3.
Siehe Daniel Moore/Thomas Rid, Cryptopolitik and the Darknet, in: Survival 1/2016, S. 7–38. Die Autoren fanden zwar anfangs eine große Zahl an .onion-Adressen. Allerdings waren nur 5.205 von ihnen aktiv und live, und wiederum nur etwa die Hälfte davon (2.723) enthielten tatsächlich abrufbare Inhalte.
4.
Siehe Tor Metrics, https://metrics.torproject.org«.
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