Darknet: onion

10.11.2017 | Von:
Stefan Mey

"Tor" in eine andere Welt? Begriffe, Technologien und Widersprüche des Darknets

Wieso Tor?

Wieso hat sich nun ausgerechnet Tor als Anonymisierungs- und Darknet-Technologie durchgesetzt und nicht etwa die beiden anderen Lösungen? Vor allem technologische Unterschiede ließen sich als mögliche Erklärung diskutieren: Sowohl I2P als auch Freenet sind reine Darknet-Technologien und ausschließlich darauf ausgelegt, Informationen in einem geschlossenen Darknet kursieren zu lassen. Auf der anderen Seite gibt es Technologien, die ausschließlich einen anonymen Zugriff auf das klassische Web ermöglichen. Die gängigste Lösung sind kommerzielle Virtual Private Networks (VPN), bei denen Datenverkehr von einem VPN-Anbieter gebündelt und dann zur Zielseite weitergeschickt wird.

Tor dagegen vereint beide Funktionen: Mit dem Browser lässt sich anonym im klassischen Netz surfen, und .onion ist eine vollwertige Darknet-Technologie. Ein Grund, wieso Tor das Rennen gewonnen hat, dürfte die Finanzlage sein: I2P verfügt über ein kleines Budget von jährlich wenigen Tausend Euro, bei Freenet waren es 2015 rund 14.000 US-Dollar. Das Tor Project dagegen verfügte laut seinem Finanzbericht im Jahr 2015 über ein Budget von 3,3 Millionen US-Dollar. Das Geld erlaubt es, Tor kontinuierlich weiterzuentwickeln und Mitarbeiter zu Werbezwecken um die Welt reisen zu lassen. Diese Arbeit muss nicht ehrenamtlich geschehen: 2015 hatte das Tor Project zehn Festangestellte, die Spitzengehälter lagen bei jährlich 135.000 US-Dollar.[8]

Die Finanzsituation ist allerdings Segen und Fluch zugleich und geht mit einer paradoxen Abhängigkeit einher: eine wirtschaftliche Abhängigkeit von der US-Regierung, zu deren Behördenapparat auch die National Security Agency (NSA) gehört. Spätestens seit den Enthüllungen Edward Snowdens weiß man, dass die NSA einen gigantischen Aufwand betreibt, weltweit Datenverkehr abzugreifen, und bemüht ist, Werkzeuge der "digitalen Selbstverteidigung" wie Tor zu knacken.

Das Budget des Tor Project setzte sich 2015 folgendermaßen zusammen:[9]

962.055 US-Dollar (29 Prozent) kamen vom US-Außenministerium, davon 857.515 direkt über das Bureau of Democracy, Human Rights and Labor Affairs (DRL) sowie 104.540 US-Dollar über die NGO Internews. Hierbei handelte es sich aber um weitergereichte Zuschüsse des DRL.

886.724 US-Dollar (27 Prozent) erhielt das Tor Project von Radio Free Asia (RFA), einem staatlichen Auslandssender mit Fokus auf den asiatischen Raum. Das RFA wurde ursprünglich als Werkzeug im Kalten Krieg vom CIA gegründet, untersteht aber mittlerweile der eigenständigen Rundfunkbehörde Broadcasting Board of Governors.

719.500 US-Dollar (22 Prozent) steuerte das Stanford Research Institute (SRI) bei. Das SRI ist ein unabhängiges Forschungsinstitut, sein Budget speist sich aber zu etwa zwei Dritteln aus Geldern des US-Verteidigungsministeriums.

226.364 US-Dollar (7 Prozent) kamen von der National Science Foundation, die staatliche Forschungsförderung der USA.

460.298 US-Dollar (14 Prozent) waren "andere" Einnahmen wie Geschenke, Stipendien und Zuschüsse.

Die Abhängigkeit von Regierungszuwendungen ist sogar noch höher, als es die Angaben auf den ersten Blick vermuten lassen. Wie Roger Dingledine, Forschungsdirektor und öffentliches Gesicht des Tor Project, in einer die Veröffentlichung des Jahresberichts flankierenden Stellungnahme schrieb, setzte sich das Budget zu 85 bis 90 Prozent aus staatlichen Zuwendungen zusammen.[10]

Der Zusammenhang erklärt sich über die Geschichte des Softwareprojekts. Die Tor-Technologie wurde ab 1995 vom Mathematiker Paul Syverson im Naval Research Laboratory entwickelt, einer der Marine zugehörigen Forschungsabteilung des US-Verteidigungsministeriums. Die Technologie wurde jedoch auch anderen gesellschaftlichen Kreisen zugänglich gemacht. Wieso man solchen "Cover Traffic" brauche, erläuterte der später zum Projekt hinzugestoßene Roger Dingledine in einem Vortrag 2004: "Die US-Regierung kann nicht ein Anonymisierungssystem für jedermann betreiben und es dann nur selbst nutzen. Jedes Mal, wenn es eine Verbindung gibt, würden die Leute dann sagen: ‚Oh, es ist ein CIA-Agent.‘ Wenn das die Einzigen sind, die das Netzwerk nutzen."[11]

2003 wurde das Tor-Netzwerk für externe Knoten und der Quellcode der Software über eine Open-Source-Lizenz freigegeben. Seitdem ist die Software öffentlich einsehbar und frei verwendbar. 2006 wurde The Tor Project Inc. als formal unabhängige, nicht profitorientierte Organisation mit Sitz in Boston gegründet. Bei aller formaler Trennung vom Behördenapparat finanziert sich das Tor Project dennoch bis heute überwiegend über Forschungstöpfe der US-Regierung.

Das kann aus verschiedenen Gründen problematisch sein: Da Tor innerhalb der US-Verwaltung entwickelt wurde, besteht dort ein erhebliches Knowhow über die Anonymisierungstechnologie, die andere Teile des Behördenapparates, wie die NSA, zu knacken versuchen. Über die kleinteilig aufgeschlüsselten Förderanträge erhalten US-Behörden quasi frei Haus Einblicke in Vorhaben und strategische Überlegungen beim Tor Project, und sie haben einen verlässlichen Zugang zu seinen wichtigsten Protagonisten. Darüber hinaus hat die Organisation ihren formalen Sitz in den USA und wäre im Fall der Fälle juristisch dort greifbar.

Schluss

Das Darknet, das derzeit vor allem das Tor-Darknet ist, stellt nur teilweise einen digitalen Gegenentwurf dar. Unzweifelhaft ist es in entscheidenden Teilen ein Gegenmodell: Die großen Netzkonzerne spielen dort keine Rolle, gesetzliche Regelungen, wie etwa Drogenkontrollregime, haben deutlich weniger Autorität, und Geheimdiensten wird die flächendeckende Ausforschung von Nutzungsverhalten erschwert. Auf der anderen Seite gibt es starke Parallelen zum klassischen Internet: Trotz theoretischer Vielfalt von Anonymisierungs- und Darknet-Technologien dominiert die Lösung eines einzelnen Anbieters. Dieser sitzt im selben Land wie die Platzhirsche des World Wide Web Google, Facebook und Apple und steht darüber hinaus noch in einem finanziellen Abhängigkeitsverhältnis zu US-Behörden.

Wenn die Grundidee des Darknets ist, ein staatsfernes "Gegen-Internet" zu erschaffen, lässt sich argumentieren, dass Tor die für ein solches Projekt politisch und organisatorisch am wenigsten geeignete technologische Lösung ist. Paradoxerweise hat sich Tor zur Umsetzung dieses Ziels dennoch durchgesetzt. Das ist vielleicht der am wenigstens beachtete Widerspruch beim Darknet, dieser großen Projektionsfläche eines Gegen-Internets, das auf der einen Seite die Machtverhältnisse der sonstigen Welt infrage stellt und auf der anderen mehr damit gemeinsam hat, als vielen bewusst und lieb sein dürfte.

Fußnoten

8.
Siehe Stefan Mey, Anonymisierungs-Dienst Tor: Das Tor Project bleibt überwiegend regierungs-finanziert, 25.4.2017, http://www.heise.de/newsticker/meldung/Anonymisierungs-Dienst-Tor-Das-Tor-Project-bleibt-ueberwiegend-regierungs-finanziert-3693816.html«.
9.
Tor Project, Tor: Financial Reports, Fiscal Year 2015, o.D., http://www.torproject.org/about/findoc/2015-TorProject-combined-Form990_PC_Audit_Results.pdf«.
10.
Vgl. Tor Blog, Transparency, Openness, and Our 2015 Financials, 21.4.2017, https://blog.torproject.org/transparency-openness-and-our-2015-financials«. In den Finanzberichten 2012 und 2013 waren die SRI-Gelder als weitergereichte Zuschüsse des Verteidigungsministeriums deklariert. In den Berichten 2014 und 2015 fand sich keine derartige Anmerkung. Wie genau die Rechnung von Dingledine aussieht, lässt sich nicht rekonstruieren. Auf eine Presseanfrage des Autors hin, ob es sich bei den SRI-Geldern auch 2015 um weitergereichte Mittel des Pentagons handelte, antwortete der damalige Kommunikationsdirektor des Tor Project Joshua Gay lediglich: "Ja, ich glaube, es handelt sich dabei ebenfalls um weitergereichte Mittel." Siehe hierzu auch Mey (Anm. 8).
11.
Siehe Yasha Levine, Almost Everyone Involved in Developing Tor Was (or Is) Funded by the US Government, 16.7.2014, https://pando.com/2014/07/16/tor-spooks«.
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