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26.5.2002 | Von:
Klaus Hurrelmann

Warum die junge Generation politisch stärker partizipieren muss

Deutschland steht wie andere westliche Industriegesellschaften vor einem gewichtigen Problem: Die ältere Generation wird zahlenmäßig immer stärker.

I. Veraltete Muster der Gestaltung des Lebenslaufs

Ein Grundmuster, am Ende des 19. Jahrhunderts durch das bis heute geltende Modell der Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung und das dichte Gewebe von bildungs- und arbeitsrechtlichen Regelungen kodifiziert, prägt in Deutschland den Lebenslauf der Menschen. Es gliedert das Leben in drei Phasen: In der ersten werden die Menschen betreut, gebildet, ausgebildet und auf die zweite Lebensphase vorbereitet, die des Erwachsenen- und Erwerbsalters. In dieser sind sie Vollmitglied der Gesellschaft, können politisch mitbestimmen, erwirtschaften materielle Werte und tragen durch Familiengründung zur Reproduktion der Gesellschaft bei. In der dritten Lebensphase treten sie wieder aus dem Erwerbsleben aus, wobei sie ihre politischen Gestaltungsrechte behalten.

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  • Kindheit und Jugend sind nach diesem Muster eine Art Wartezeit auf das "eigentliche" gesellschaftliche (Erwachsenen-)Leben. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus:

    - Der "Ernst des Lebens" beginnt für Kinder mit dem Eintritt in die Grundschule. Ein gesellschaftlicher Schonraum existiert nicht mehr, Kinder sind wie Erwachsene allen medialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Einflüssen ausgesetzt.

    - Die Lebensphase Jugend beginnt so früh wie nie zuvor, die Pubertät ist von 1900 bis 2000 um mehr als zwei Jahre nach vorn gerückt. Sie liegt bei den meisten Mädchen heute bei 11,5 und den Jungen bei 12,5 Jahren.

    - Weil Arbeitsplätze im hoch reglementierten Erwerbssystem immer knapper und die Anforderungen an intellektuelle und soziale Kompetenzen im Beruf immer höher werden, verschiebt sich der Übergang ins Erwachsenenleben immer weiter.

    - Jugendliche sind soziokulturell sehr früh mündig; sie können sich in vielen Bereichen (Medien und Konsum, Freundschaft und Liebesbeziehungen) wie Erwachsene bewegen. Sozioökonomisch sind sie unmündig, weil sie sich (noch) nicht in einer existenzsichernden Berufsposition befinden.

    Das traditionelle Muster der Dreiteilung des Lebenslaufs ist auch aus demographischen Gründen nicht mehr sinnvoll. Durch die Verlängerung des Lebens und die geringe Kinderzahl wird der Anteil der Angehörigen der älteren Generation immer größer, der der jungen Menschen immer kleiner. Die Zahl der Jugendlichen unter 20 Jahren wird von heute 17 auf knapp 10 Millionen im Jahre 2050 sinken, die Zahl der über 60-Jährigen von 18 auf 28 Millionen Menschen anwachsen. Auffällig ist nach diesen Prognosen die Zunahme des Anteils der sehr alten Menschen. Im Jahr 2050 werden in Deutschland mehr Menschen über 80 als Menschen unter 20 Jahren leben.

    Die Situation der drei Generationen ist angesichts dieser Entwicklung unbefriedigend. Die junge Generation fällt in Zukunft quantitativ kaum ins Gewicht; sie wird ihre Interessen schwer durchsetzen können. Auf der mittleren Generation lastet die Hauptverantwortung; sie muss die Interessen der Angehörigen sowohl der jungen als auch der älteren Generation vertreten. Letztere werden in die Rolle überflüssiger Müßiggänger gedrängt.