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26.5.2002 | Von:
Tanjev Schultz
Rosemarie Sackmann

"Wir Türken . . ." Zur kollektiven Identität türkischer Migranten in Deutschland

I. Bedeutung kollektiver Identität

Kollektive Identitäten bezeichnen spezielle Elemente von Gruppenkulturen. [2] Sie umfassen symbolische Repräsentationen, die sich auf das Selbstverständnis und den Charakter einer Gruppe beziehen, denen sich ihre Mitglieder zugehörig fühlen. Als Dimensionen kollektiver Identität, deren konkrete Ausprägung und Kombination von Gruppe zu Gruppe variieren, lassen sich grob unterscheiden:

- Kriterien der Mitgliedschaft;

- Selbstbilder der Gruppe, die Selbstzuschreibung bestimmter Eigenschaften;

- Vorstellungen über besondere Verpflichtungsgefühle gegenüber Gruppenmitgliedern, Solidarität und Vertrauen innerhalb der Gruppe;

- kollektiver Stolz und kollektive Ehre;

- Zeitbezüge (Vorstellungen über die Vergangenheit, Zukunftserwartungen für die Gruppe).

Moderne Gesellschaften bieten Raum für zahlreiche symbolische Gemeinschaften mit je eigenen kollektiven Identitäten. Individuen können dementsprechend an mehreren kollektiven Identitäten auf spezifische Weise und mit unterschiedlichem Gewicht teilhaben (z. B. zugleich als Rechtsanwältin, Bremerin, Fan eines Sportvereins, Mitglied einer Partei, Türkin, Muslimin). Mitgliedschaften können sich überlappen, ineinander verschachtelt sein oder gar keine Berührungspunkte aufweisen. Nur in einigen Fällen schließen sich verschiedene Mitgliedschaften gegenseitig aus (gleichzeitige Zugehörigkeit zu verschiedenen Religionen oder politischen Parteien) oder führen zu Loyalitätskonflikten. Angesichts mancher Kritik, die den Begriff der kollektiven Identität für allzu vage hält und ihn verdächtigt, im Dienst fragwürdiger Identitätspolitiken zu stehen, ist hervorzuheben: [3]

Auf welche Weise eine bestimmte kollektive Identität entstanden ist, lässt sich trennen von Fragen nach ihrer Existenz, ihrer Beschaffenheit und ihren Effekten. Wie kollektive Identitäten zu bewerten sind, hängt von ihren jeweiligen konkreten Merkmalen und Umständen ab. Das Konzept impliziert weder die kulturelle Homogenität einer Gruppe noch ein essenzialistisches Verständnis von Kultur. Kollektive Identitäten können nach Form und Ausprägung stark variieren. Sie können elaboriert oder eher diffus sein und die Mitglieder von Gruppen unterschiedlich stark binden.

Extreme Muster kollektiver Identität mögen u. a. Fanatismus, Chauvinismus und übersteigertes Sendungsbewusstsein beinhalten. Vorstellbar sind aber auch Formen, für die kollektive Scham, Selbstzweifel und Vorstellungen von Minderwertigkeit charakteristisch sind. Manche Elemente avancieren unter Umständen zum Gegenstand wichtiger gruppeninterner Kontroversen (man denke nur an die Debatten in Deutschland zum Umgang mit der eigenen Geschichte). Kollektive Identitäten gehen nicht notwendigerweise mit einer Abschottung gegenüber anderen Gruppen einher, und sie stilisieren auch nicht zwangsläufig die eigene Gruppe gegenüber anderen als höherwertig oder überlegen (nach dem Schema Aufwertung der ingroup, Abwertung der outgroup).

Wenn sich Gruppen durch verschiedene kollektive Identitäten voneinander abheben, sagt dies nicht unbedingt etwas über das Ausmaß an sonstiger kultureller Differenz zwischen ihnen aus. Marginale Unterschiede können im Sinne eines Narzissmus der kleinen Differenz aufgebläht werden. In anderen Fällen werden bedeutende Unterschiede möglicherweise kaum beachtet oder jedenfalls nicht als identitätsstiftende Markierungen verstanden. Grundsätzlich finden viele Elemente von Kulturen und Lebensformen ohnehin keinen Niederschlag in einer der genannten Dimensionen kollektiver Identität. Sie werden einfach verwendet, ohne für eine bewusste Gruppen- und Mitgliedschaftsvorstellung relevant zu sein. So ist es auch möglich, dass einzelne Personen zwar in vielen Aspekten den dominierenden kulturellen Gepflogenheiten einer Gruppe wie selbstverständlich folgen, sich aber kaum oder gar nicht als Teil dieser Gruppe sehen (möchten). [4] Ebenso ist denkbar, dass sich Menschen mit einer Gruppe (immer noch) sehr stark identifizieren, obwohl sie keinen besonders intensiven Kontakt zu den Mitgliedern dieser Gruppe (mehr) haben und auch deren kulturellen Mustern kaum (noch) entsprechen.

Was lässt sich nun vor diesem, hier nur kurz skizzierten, konzeptuellen Hintergrund über türkische Migranten in Deutschland sagen? Inwieweit verbindet diese heterogene Bevölkerungskategorie eine kollektive Identität - und was bedeutet das für ihre gesellschaftliche Integration?

Fußnoten

2.
Unsere Konzeption greift u. a. zurück auf: Bernhard Peters, Die Integration moderner Gesellschaften, Frankfurt./M. 1993; ders., Identity Questions, InIIS-Arbeitspapier, Nr. 10, Universität Bremen 1998; ders., "Multikulturalismus" und "Differenz". Zu einigen Kategorien der Zeitdiagnose, in: Herfried Münkler (Hrsg.), Furcht und Faszination. Facetten der Fremdheit, Berlin 1997, S. 223-255. Für eine Diskussion des Konzepts kollektiver Identität vgl. auch C. Emcke (Anm. 1) sowie Bernhard Giesen, Kollektive Identität. Die Intellektuellen und die Nation, Frankfurt/M. 1999; Reinhold Viehoff/Rien T. Segers (Hrsg.), Kultur, Identität, Europa, Frankfurt/M. 1999; Sebastian Haunss, Was in aller Welt ist "kollektive Identität"?, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 52 (2001) 5, S. 258-267.
3.
Für entsprechende Kritik vgl. etwa Lutz Niethammer, Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur, Reinbek 2000; Wolf-Dieter Narr, Identität als (globale) Gefahr. Zum Unwesen eines leeren Wesensbegriffs und seinen angestrebten Befindlichkeiten, in: Walter Reese-Schäfer (Hrsg.), Identität und Interesse. Der Diskurs der Identitätsforschung, Opladen 1999, S. 101-128.
4.
Durch Fremdzuschreibung ist auch das Umgekehrte möglich: Jemand entspricht durchaus nicht den kulturellen Charakteristika einer Gruppe, wird aber trotzdem von anderen (aus dieser oder einer anderen Gruppe) als ihr Mitglied wahrgenommen.