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26.5.2002 | Von:
Tanjev Schultz
Rosemarie Sackmann

"Wir Türken . . ." Zur kollektiven Identität türkischer Migranten in Deutschland

II. Merkmale einer kollektiven Identität türkischer Migranten

Auf der Grundlage von mehr als 100 ausführlichen Interviews, die mit türkischen Migranten der ersten und zweiten Generation geführt worden sind, ergeben sich Anhaltspunkte für eine Beschreibung der Merkmale ihrer kollektiven Identität. Da sie nicht auf einer zahlenstarken Repräsentativumfrage beruhen, sind die Befunde als vorsichtige Annäherungen zu verstehen. Sie weisen andererseits über übliche Umfragedaten hinaus, weil die Bedeutungen von Äußerungen genauer und differenzierter erschlossen werden konnten. [5]

Einige Interviewpartner fühlten sich einer besonderen ethnischen Volksgruppe zugehörig (wie den Lasen oder Tscherkessen). [6] Rund ein Drittel hatte die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Zuordnung als "türkischer Migrant" ist zunächst lediglich eine von außen herangetragene formale Kategorie für Personen, die selbst oder deren Eltern aus der Türkei kamen und nun dauerhaft in Deutschland leben. Es lässt sich nicht unterstellen, dass sich die Personen dieser Zuwandererkategorie selbst als Mitglieder einer türkischen nationalen oder ethnisch-kulturellen Gruppe sehen. In seltenen Fällen lehnten Interviewpartner die Zuordnung zu einem nationalen bzw. ethnischen Label vollständig ab. Sie wollten einfach als "Mensch" gelten. Andere beantworteten eine Frage, die darauf zielte, wie sich die Interviewpartner am ehesten bezeichnen würden - ob als Türke, Deutsch-Türke, Deutscher oder anders -, mit einem Verweis auf ihre Religion. Sie betrachteten sich in erster Linie als Muslime, was ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem türkischen Kollektiv freilich nicht ausschloss (wie umgekehrt die meisten, die sich als Türken oder Deutsch-Türken betrachteten, zugleich mehr oder weniger und z.T. stark gläubige Anhänger des Islam waren). Die meisten, selbst wenn sie im Besitz eines deutschen Passes waren, bezeichneten sich als Türken (rund 45 Prozent); etliche griffen jedoch auch das angebotene Label "Deutsch-Türke" auf (rund 30 Prozent), dies gilt insbesondere für Interviewpartner aus der zweiten Generation. Aus der selbst gewählten Bezeichnung ließ sich aber kaum auf das übrige Antwortverhalten oder auf den Grad an Integration und persönlicher Aufgeschlossenheit gegenüber der deutschen Gesellschaft schließen. Nur zwei der interviewten Migranten sahen sich unumwunden als Deutsche.

Der Bezug auf eine türkische Identität und Zugehörigkeit wird von Migranten oft als eine Selbstverständlichkeit betrachtet, die sich aus Abstammung und kultureller Prägung ergibt und nicht einfach abstreifen lässt. Andererseits wird auch thematisiert, dass sie einer Zuschreibung als Türken von Seiten der deutschen Gesellschaft sowieso nicht entgehen könnten. In den Worten einer jungen Frau: "Es ist egal, ob man einen deutschen Pass hat oder nicht. Türke bleibt Türke, deutsch bleibt deutsch. Auch wenn man dunkle Haare und dunkle Augen hat, wird man immer als Türke manchmal rausgestempelt, egal wie lange man deutsch ist." Für gewöhnlich mochten die befragten Migranten ihre türkische Herkunft auch gar nicht verleugnen oder ihre "Mitgliedschaft" in einer (wenn auch nur diffus wahrgenommenen bzw. unterstellten) Gemeinschaft der Türken aufgeben. Grad und Ausformung einer persönlichen Identifikation als Türke fielen erwartungsgemäß unterschiedlich aus, doch kristallisierten sich gewisse Aspekte heraus, die ein zumindest lose umrissenes Kollektiv mit eigener Identität betreffen ("Wir Türken. . ."). Für eine Beschreibung und Bewertung dieser kollektiven Identität lassen sich aus unseren Analysen schlaglichtartig und zuspitzend vier Merkmalsbündel benennen: [7]

1. Beziehungen in die Türkei werden zwar von vielen Migranten aufrechterhalten, doch den kollektiven Bezugspunkt bilden die Türken hier in Deutschland.

Mitgliedschaftskriterien sind wichtige Bestandteile kollektiver Identitäten. Wer gehört eigentlich dazu, wer qualifiziert sich wodurch für eine Mitgliedschaft? Für kleinere, inhaltlich fokussierte und formal reglementierte Gruppen (z. B. den Fanclub eines Sportvereins) ergeben sich darauf leichter Antworten als für große, in einem komplizierten Prozess gewachsene bzw. konstruierte Kollektive, wie es ethno-nationale Gruppen sind. Vieles in den Antworten der interviewten Migranten spricht dafür, dass sich ihre kollektive Identität auf die in Deutschland lebenden Türken richtet, die von den Türken in der Türkei als eine eigenständige Bezugsgruppe mit speziellen Problemen und Erfahrungen (v.a. Migration, Zusammenleben mit Deutschen) angesehen werden. Durch Urlaube, verwandtschaftliche Bindungen und Heiratsmigration bestehen zwar für die meisten Migranten regelmäßige Kontakte in die Türkei. Zugleich sind sie sich jedoch der vollzogenen Trennung bewusst: Die Türkei habe sich verändert, die Türken dort seien anders als hier, und die wichtigsten sozialen Bezüge fänden sich doch in Deutschland. Sowohl von vielen Älteren als auch von den Jüngeren werden immer wieder Entfremdungserfahrungen geschildert, die das Leben, den Umgang und die Menschen in der Türkei betreffen. In den knappen Worten einer älteren Migrantin: "Dort bin ich eine Fremde." Die Migranten fühlen sich nicht so sehr einem abstrakten "Türkentum" oder einer staatlich zentrierten Nation zugehörig, sondern den anderen türkischen Migranten als einer besonderen Gruppe innerhalb der deutschen Gesellschaft.

2. Neben der Religion werden Eigenschaften und Verhaltensmerkmale wie Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Familienorientierung als identitätsstiftende Merkmale der Migrantengemeinschaft verstanden. Abwertende Vergleiche gegenüber anderen Gruppen spielen keine prägende Rolle. Es gibt Anzeichen für besondere Solidarität und Verpflichtungsgefühle innerhalb einer vorgestellten türkischen Gemeinschaft, jedoch auf insgesamt relativ niedrigem Niveau (so gibt es z. B. breite Ablehnung gegenüber einer Bevorzugung von Türken durch türkische Unternehmer) und ohne nennenswerten Vertrauensvorschuss gegenüber den "Gruppenmitgliedern".

Bei aller Verschiedenheit - beispielsweise in Ausbildung, Beruf und politischer Orientierung der Migranten - deuten die Interviews auf Konturen gemeinsamer Interpretationen hin, die einen (angeblichen) "Sozialcharakter" von Türken betreffen und als kollektive Selbstbeschreibung zu werten sind. Zwischenmenschliche "Wärme" und Tugenden wie Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, Freigebigkeit und Spontaneität werden von den Migranten immer wieder als wichtige und "typisch türkische" Merkmale angeführt. Oft werden sie auch in Kontrast zu "kühleren" und formaleren Umgangsformen gesetzt, die für Deutsche kennzeichnend seien. Als Stütze solcher Stereotypen, die als ein (bei den Migranten natürlich nicht unumstrittener) Bestandteil kollektiver Identität erscheinen, kursieren offenkundig bestimmte "Erzählungen": z. B. dass Kinder von Deutschen bei Volljährigkeit vor die Tür gesetzt würden und ihre familiäre Bindung verlören; oder dass deutsche Freunde stets getrennt ihre Rechnungen in Gaststätten bezahlten, während unter Türken eine Person die ganze Runde spendiere. Abgrenzungen gegenüber Deutschen (oder anderen Gruppen), die auf stärkeren Abwertungen beruhen oder das Sozialleben in der deutschen Gesellschaft insgesamt angriffen, kamen aber fast überhaupt nicht vor.

3. Ein Bezug auf die Migrantengemeinschaft steht für die meisten nicht in einem grundsätzlichen Widerspruch zu einer positiven Orientierung auf die deutsche Gesellschaft.

Vielmehr zeigten sich die Interviewpartner insgesamt eher zufrieden, teilweise sogar dankbar gegenüber der deutschen Bevölkerung und Gesellschaft, die insbesondere für ihre Ordnung und Verlässlichkeit sowie ihre Freiheitsrechte geschätzt wird. Persönliche Erfahrungen mit offener Diskriminierung sind von den meisten Migranten erstaunlich undramatisch und als Problem einer ausländerfeindlichen Minderheit in der deutschen Bevölkerung geschildert worden. Im Laufe des Gesprächs wiesen viele Interviewpartner auf die große Bedeutung hin, die Deutschland und das Leben hier für sie habe. So sagte ein älterer Migrant, der zunächst betont hatte, "ja, wir sind Türken", dass Deutschland für die türkischen Migranten eine halbe Heimat geworden sei. An anderer Stelle meinte er schließlich: "Ob wir Deutsche oder Türken sind, ist nicht klar. Wir sind seit 30 Jahren hier, d. h., die schönsten Jahre im Leben haben wir hier verbracht. Ob wir Deutsche sind oder ob wir Türken sind, wissen wir selbst nicht."

Entsprechend oft kommt es beispielsweise vor, dass Migranten nicht nur türkischen Sportlern und Sportvereinen den Daumen halten, sondern ebenfalls deutschen Vereinen. Auf die Frage, welchem Ort sie sich am ehesten zugehörig fühlten, rangierte die Türkei hinter dem lokalen Wohnort und Deutschland (nur 20 Prozent gaben die Türkei als ersten Zugehörigkeitsort an). Solche Befunde helfen zu verstehen, dass der unter den Migranten zweifellos weit verbreitete türkische Nationalstolz nur in manchen Fällen in Konfliktstellung zu einer Wertschätzung und Loyalität gegenüber der deutschen Gesellschaft steht. Wenn auf die Frage "Sind Sie stolz darauf, Türke zu sein?" eine deutliche Mehrheit der türkischen Migranten (auch derjenigen mit deutschem Pass) zustimmt, so ist die nähere Bedeutung dieses Statements für die Befragten zu berücksichtigen. [8] Sicherlich gibt es ausgeprägte Nationalisten mit großtürkischen Machtfantasien. Doch für viele scheint sich in dem "Stolz" über die Zugehörigkeit zu den Türken etwas anderes und weniger Spektakuläres auszudrücken, nämlich zum einen die Betonung der Herkunft in Abwehr gegenüber fremdenfeindlichen Haltungen oder überzogenen Assimilationszumutungen in der deutschen Gesellschaft. Die Migranten möchten nicht leugnen müssen, dass sie oder ihre Eltern in der Türkei aufgewachsen sind und entsprechende Bindungen haben. Zum anderen gibt es eine positive Beziehung der Migranten zu bestimmten Kulturleistungen (Sprache, Kulinarisches etc. ) und zu geschätzten Verhaltensformen (wie den oben angesprochenen: Gastfreundschaft etc.), die als "türkisch" aufgefasst werden, aber nicht unbedingt im Widerspruch zu einer positiven Orientierung auf die deutsche Gesellschaft stehen.

4. Zwischen der ersten und zweiten Generation türkischer Migranten findet eine Transformation der Muster kollektiver Identität statt. An die Stelle der unmittelbaren Gruppenbeziehung tritt eine immer bewusster gewählte Identifikation.

In der zweiten Generation wird überwiegend ein Bild der türkischen Gruppe gezeichnet, in dem die Selbstverständlichkeit einer Zugehörigkeit abnimmt und von einer bewussteren Auseinandersetzung und Entscheidung des Mitglieds abhängt. Dazu gehören eine stärker reflektiert und selbstbestimmt gewählte Identifikation und eine eher selektive Pflege derjenigen Traditionen und Kulturelemente, die sich aus der Sicht des Einzelnen als wertvoll und bewährt darstellen. Was die Elterngeneration vertreten hat, wird nicht bruchlos übernommen, sondern u. a. auf die Tauglichkeit für den individuellen Lebensweg in der deutschen Gesellschaft geprüft. Aus etlichen Interviews sprach im Übrigen eine Offenheit der Migranten in der zweiten Generation, durch die Sozialisation in Deutschland eine differenzierte Perspektive sowohl auf türkische Traditionen als auch auf den türkischen Staat zu gewinnen (z. B. infolge deutscher Medienberichte über die Kurdenfrage).

Die kollektive Identität, die sich in der zweiten Generation ausformt, entspricht damit den Bedingungen pluraler Gesellschaften, die eine Vielfalt ethnischer und kultureller Gruppen zusammenbringen. Für die Angehörigen der einzelnen Gruppen werden angesichts der Möglichkeit, alternativen Lebensentwürfen nachzugehen, individuelle Reflexions- und Wahlprozesse für die eigene kulturelle Zuordnung und Identifikation immer wichtiger. Für manche in den nachwachsenden Generationen von Migranten könnten sich sogar Formen einer lediglich "symbolischen Ethnizität" herausbilden, die auf einer weitgehend frei gewählten Identifikation beruht und nur noch für manche Freizeitaktivitäten, Feiertage und dergleichen eine Rolle für die Individuen spielt. [9] Einer solchen Lockerung des Gehalts kollektiver Identität und individueller Identifikation steht für die türkischen Migranten gegenwärtig aber noch eine unzureichende Anerkennung und teilweise Stigmatisierung innerhalb der deutschen Gesellschaft entgegen. Darüber hinaus bildet der Islam für viele jüngere Migranten einen weiterhin relevanten kollektiven Bezugspunkt, der über die eher geringe lebenspraktische Relevanz "symbolischer Ethnizität" hinausweist.

Fußnoten

5.
Die Studie ist von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien der Universität Bremen durchgeführt worden. Zwischen Herbst 1999 und Sommer 2000 sind in türkischer oder deutscher Sprache 112 Leitfadeninterviews geführt worden, die jeweils durch einen Fragebogen mit geschlossenen Fragen ergänzt wurden, von denen 122 vorliegen (manche der Leitfadeninterviews waren hingegen unbrauchbar). Die Gesprächspartner wurden über verschiedene Kontaktwege im Rahmen eines "Schneeball-Verfahrens" in Bremen gewonnen. Dabei konnte eine große Bandbreite sozialer, ethnischer und weltanschaulicher Hintergründe sichergestellt werden. Mindestalter zur Teilnahme war 18 Jahre. Etwa die Hälfte der Interviewten gehörte zur "ersten Generation" türkischer Zuwanderer, die andere Hälfte zur "zweiten Generation" (hier verstanden als diejenigen Migrantenkinder, die in Deutschland geboren wurden oder den überwiegenden Teil ihrer schulischen Ausbildung in Deutschland erfahren haben). Die Interviews wurden (bis auf vier Ausnahmen) mit sog. Eltern-Kind-Dyaden durchgeführt (Vater-Sohn oder Mutter-Tochter), sodass ein direkter Generationenvergleich möglich war.
6.
Während sich Angehörige von Volksgruppen wie den Lasen oder Tscherkessen zumeist dennoch zugleich (und oft in erster Linie) als Türken verstehen, gilt dies bekanntlich für viele Kurden nicht. Auf sie und das türkisch-kurdische Verhältnis kann im Folgenden nicht eingegangen werden.
7.
Für eine detailliertere Darstellung der Untersuchung und ihrer Befunde vgl. Rosemarie Sackmann u. a., Kollektive Identität türkischer Migranten in Deutschland, DFG-Abschlussbericht, Bremen 2001. Vgl. auch dies. u. a., Kollektive Identität türkischer Migranten in Deutschland? Annäherung an eine Forschungsfrage, InIIS-Arbeitspapier, Nr. 20, Universität Bremen 2000.
8.
In unserer Studie gaben rund zwei Drittel der Befragten an, sie seien "sehr stolz" oder "ziemlich stolz" darauf, Türke zu sein. Nur zehn Prozent stimmten der Aussage ganz oder teilweise zu, dass die Türken anderen Völkern überlegen seien. Vgl. Yasemin Karakasoglu-Aydin, "Ich bin stolz, ein Türke zu sein." Bedeutung ethnischer Orientierungen für das'positive Selbstwertgefühl türkischer Jugendlicher in Deutschland, in: Friedrich-Ebert-Stiftung, Identitäts"sta"bili"sierend oder konfliktfördernd? Ethnische Orientierung in Jugendgruppen, Bonn 1997, S. 27-38.
9.
Vgl. Herbert J. Gans, Symbolic Ethnicity: The Future of Ethnic Groups and Cultures in America, in: Ethnic and Racial Studies, 2 (1979), S. 1-20; Mary C. Waters, Ethnic Options. Choosing Identities in America, Berkeley 1990.