Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

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1.12.2017 | Von:
Johannes Zechner

Natur der Nation. Der "deutsche Wald" als Denkmuster und Weltanschauung

Nationalsozialistische Waldanschauungen

In den Jahren der NS-Herrschaft von 1933 bis 1945 erreichte die politische Inanspruchnahme der Baumwelt ihren Kulminationspunkt, als das entsprechende Denkmuster unter anderem die Ideologien von "Lebensraum" und "Volksgemeinschaft" legitimieren sollte. Dabei bezog sich die nationalsozialistische Propaganda so durchgängig wie selektiv auf ältere Waldbilder, ohne jedoch im eigentlichen Sinne Neues hinzuzufügen. Somit konnte der "deutsche Wald" zur Projektionsfläche für eine Vielzahl modernitätskritischer, nationalistischer, rassistischer und biologistischer Vorstellungen werden: als Gegenbild zu Fortschritt und Großstadt, als germanischer Ursprung und deutsche Heimat, als heidnisches Heiligtum und rassischer Kraftquell sowie als Vorbild sozialer Ordnung und Erzieher zur Gemeinschaft.[24]

Schon früh erkannte die NSDAP das agitatorische und propagandistische Potenzial der Waldimaginationen. Der Reichsforstmeister, Reichsjägermeister und Oberste Beauftragte für den Naturschutz Hermann Göring (1893–1946) verstand den Nationalsozialismus in seiner Rede "Ewiger Wald – Ewiges Volk" als neuen "weltanschaulichen Unterbau" des Forstwesens.[25] Auch behauptete er einen äußerst engen Bezug des deutschen Volkes zum Wald, bezeichnenderweise mit dem antisemitischen Gegenbild der vermeintlich baumfernen Juden: "Wenn wir durch den Wald gehen, sehen wir Gottes herrliche Schöpfung, erfüllt uns der Wald mit (…) einer ungeheuren Freude an Gottes herrlicher Natur. Das unterscheidet uns von jenem Volke, das sich auserwählt dünkt und das, wenn es durch den Wald schreitet, nur den Festmeter berechnen kann."[26]

Ein solches Denken war dann ideologische Grundlage für das Projekt "Wiederbewaldung des Ostens": Als Bestandteil der nationalsozialistischen Besatzungspolitik sollten in den "eingegliederten Ostgebieten" Danzig-Westpreußen und Wartheland ungefähr eine Million Hektar Wald aufgeforstet werden, um den im "Altreich" ermittelten Bewaldungsgrad von etwa 30 Prozent zu erreichen.[27] Diese Landschaftsgestaltung "deutscher Art gemäß" sahen die Planer als eine unerlässliche Grundlage für die geplante Besiedlung, denn "nie wird sich deutsches und nordisches Blut in öden, baumlosen Kultursteppen halten können".[28] Leitendes Prinzip war damit statt wertneutraler Forstwirtschaft eine ethnisch motivierte Vorstellung von Landschaftsgestaltung, die die Deportations- und Vernichtungspolitik des NS-Regimes zusätzlich legitimieren sollte.

Als elementare Bedingung dafür galt die vorherige Zwangsumsiedlung dort lebender Bevölkerungsgruppen in das besetzte "Generalgouvernement" beziehungsweise in Ghettos und Konzentrationslager. Diese Deportationen begründeten die Planer mit einer angeblich planmäßigen Waldzerstörung durch "Menschen, die nicht unseres Geistes und Blutes sind".[29] Rassistisch geprägt war die diesbezügliche Agitation gegen eine "Großwaldschlächterei (…) besonders von jüdischen Holzfirmen";[30] daneben wurde auch den slawischen Polen jeglicher positive Bezug zum Wald abgesprochen. Lobende Erwähnung fanden Zeiten deutscher Herrschaft mit umfangreichen Aufforstungen, beispielsweise im Mittelalter unter dem Deutschritter-Orden oder nach der ersten Teilung Polens 1772 unter Friedrich dem Großen.

Ein zweiter wichtiger Propagandist der nationalsozialistischen Waldanschauung war Alfred Rosenberg (1893–1946), Chefredakteur der Parteizeitung "Völkischer Beobachter". Im Zentrum seiner Weltsicht stand ein konstruierter Konflikt zwischen "Ariern" und "überstaatlichen Mächten" wie Judentum und Bolschewismus. Spätestens mit dem Erscheinen des "Mythus des 20. Jahrhunderts" 1930 nahm er für sich in Anspruch, das maßgebliche theoretische Werk der NS-Bewegung vorgelegt zu haben. Dort rechnete Rosenberg das Judentum unter die nomadischen "Wüstenvölker", denen die Fähigkeit zur Verwurzelung wie zum Staatsaufbau abgehe; in der revolutionären sowjetischen Gesellschaftsordnung sah er einem ähnlichen landschaftsbasierten Nationalstereotyp folgend den politischen Ausdruck für das "Chaos der russischen Steppe".[31]

Zentral in Rosenbergs Bemühungen um die Umsetzung seiner weltanschaulichen Positionen agierte die NS-Kulturgemeinde, deren 1936 veröffentlichter Film "Ewiger Wald" als ihre aufwändigste Produktion gilt.[32] Die Botschaft dieser nationalsozialistischen Reinszenierung germanisch-deutscher Geschichte lautete: Waldvernichtung meint auch Volksvernichtung, Wiederaufforstung bedeutet kollektive Wiedergeburt. Zu Beginn widmete sich der Film heidnischen Ritualen wie Baumsargbestattung oder Questenbaumfest und der "Hermannsschlacht", verstanden als Kampf zur Verteidigung der "heiligen Haine" gegen Rom. Am Ende der waldanschaulichen Zeitreise diffamierte "Ewiger Wald" das demokratische System der Weimarer Republik: "Verrottet, verkommen, von fremder Rasse durchsetzt. Wie trägst du Volk, wie trägst du Wald die undenkbare Last?"[33] Die Machtübernahme 1933 sollte dem unter dem Motto "Schlagt aus, was rassefremd und krank!" ein Ende machen, illustriert von bewegten Bildern eines Hakenkreuz-geschmückten Maibaumes und der uniformierten "Volksgemeinschaft".[34]

Daneben kontrastierte die Begleitpropaganda in antisemitischer Manier seit Urzeiten waldverwurzelte Deutsche mit baum- wie volksfeindlichen Kollektiven "auf ewiger Wanderschaft".[35] Weitergehend wurde die natürliche Ordnung sogar zum Vorbild für den gesellschaftlichen Aufbau erklärt, denn wer gemäß "den Gesetzen des Waldes lebt, wird am Wesen des Waldes genesen und ewig sein".[36]

Ein solches organisches Politikverständnis postulierten auch Veröffentlichungen jenseits des Wirkungsbereichs von Rosenbergs NS-Kulturgemeinde. So beschrieb ein Buch mit dem programmatischen Titel "Der Wald als Erzieher" den Mischwald als Idealstaat, der hierarchisch gegliedert und dem höheren Zweck der Erhaltung des Ganzen verpflichtet sei.[37] Das Lehrerhandbuch "So lebt die Waldgemeinschaft" betonte denn auch ausdrücklich, deren Studium führe zum "Verständnis der Grundlehren eines völkisch und rassisch bewußten Staates, wie es der nationalsozialistische ist".[38] Nach 1945 sollten einige der inzwischen etablierten Denkbilder noch ideelle Spuren in bundesrepublikanischen Zusammenhängen hinterlassen.

Fußnoten

24.
Vgl. auch Johannes Zechner, "Ewiger Wald und ewiges Volk". Die Ideologisierung des deutschen Waldes im Nationalsozialismus, Freising 2006.
25.
Hermann Göring, Ewiger Wald – Ewiges Volk (1936), in: Erich Gritzbach (Hrsg.), Hermann Göring. Reden und Aufsätze, München 1938, S. 250.
26.
Zit. nach Erich Gritzbach, Hermann Göring. Werk und Mensch, München 1938, S. 111.
27.
Vgl. zum Projektkontext Michael A. Hartenstein, "Neue Dorflandschaften". Nationalsozialistische Landschaftsplanung in den "eingegliederten Ostgebieten" 1939–1944, Berlin 1998.
28.
Friedrich Alpers, Ehrendienst der Forstbeamten im Osten, in: Reichsstiftung für deutsche Ostforschung (Hrsg.), Wiederbewaldung des Ostens, Berlin 1943, S. 8; Heinrich Friedrich Wiepking-Jürgensmann, Das Grün im Dorf und in der Feldmark, in: Bauen – Siedeln – Wohnen. Offizielles Organ der Deutschen Arbeitsfront für Wohnungs- und Siedlungsbau 13/1940, S. 42.
29.
Ders., Deutsche Landschaft als deutsche Ostaufgabe, in: Neues Bauerntum. Fachwissenschaftliche Zeitschrift für das ländliche Siedlungswesen 4–5/1940, S. 134.
30.
Herbert Hesmer, Der Wald im Weichsel- und Wartheraum, Hannover 1941, S. 25.
31.
Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, München 19335, S. 213 bzw. S. 112.
32.
Vgl. zu diesem Film Thomas Meder, Die Deutschen als Wald-Volk. Der Kulturfilm "Ewiger Wald", in: Guili Liebman Parrinello (Hrsg.), Il bosco nella cultura europea tra realtà e immaginario, Rom 2002, S. 105–129. Als Inspiration für den Filmtitel vgl. Raoul Heinrich Francé, Ewiger Wald. Ein Buch für Wanderer, Leipzig 1922.
33.
Zit. nach dem Textprotokoll in Zechner (Anm. 24), S. 91.
34.
Ebd.
35.
Carl Maria Holzapfel, Männer im Kampf um Gemeinschaft, in: Kunst und Volk. Amtliches Organ der NS-Kulturgemeinde 6/1936, S. 203.
36.
Ders., Wald und Volk. Leitgedanken der Filmdichtung "Ewiger Wald", in: Licht–Bild–Bühne, 8.6.1936, S. 3.
37.
Siehe dafür Franz von Mammen, Der Wald als Erzieher. Eine volkswirtschaftlich-ethische Parallele zwischen Baum und Mensch und zwischen Wald und Volk, Dresden–Leipzig 1934.
38.
Konrad Guenther, Geleitwort, in: Hugo Keller, So lebt die Waldgemeinschaft I: Biologische Gemeinschaftskunde, Leipzig 1936, S. VI.
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