Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

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1.12.2017 | Von:
Johannes Zechner

Natur der Nation. Der "deutsche Wald" als Denkmuster und Weltanschauung

Nachhaltigkeit deutschen Walddenkens?

Während der ersten Nachkriegsjahrzehnte half der "deutsche Wald" als vorgeblich unpolitisch-romantisches Idyll, zuerst vor der Niederlage und später vor der Teilung eine Zuflucht im Schatten der Bäume zu suchen. Weil Vergangenheitsbewältigungen überwiegend ausblieben, konnten dadurch insbesondere weniger belastete weltanschauliche Motive über den politischen Systemwechsel hinaus fortwirken. Sie finden sich beispielsweise in frühen Publikationen der ansonsten sehr verdienstvollen Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, deren Gründung 1947 primär als Reaktion auf "Reparationshiebe" der Alliierten erfolgte – und nicht als Kritik an den vorhergehenden Waldzerstörungen durch die nationalsozialistische Autarkie- und Kriegspolitik.[39]

Zu Kronzeugen ihrer Werbung für mehr "Waldgesinnung" erklärte die Schutzgemeinschaft deutsche Walddenker und Walddichter des 19. Jahrhunderts wie Joseph von Eichendorff, die Brüder Grimm, Ernst Moritz Arndt und Wilhelm Heinrich Riehl. Auch zeigte sich ein Weiterleben der Vorstellung einer besonderen Beziehung zwischen Volk und Wald, wenn etwa in der Einleitung der 1949 erschienenen Anthologie "Uns ruft der Wald" behauptet wurde: "Wir Deutschen sind von alters her ein Waldvolk gewesen und in unserem innersten Wesen bis heute geblieben."[40] Einzelne Veröffentlichungen wiesen solche Bezüge noch bis in die 1960er Jahre hinein auf, bevor mit dem Aufkommen der neuen politischen Umweltschutzbewegung auch althergebrachte Naturbilder vermehrt hinterfragt wurden.

Stark auf die romantischen Waldbilder von Gedichten und Märchen bezogen sich noch die bundesrepublikanischen Veröffentlichungen zum "Waldsterben" in den 1980er Jahren.[41] Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung waren die damals zu verzeichnenden Schäden partiell gravierend, standen aber in keinem Verhältnis zu den emotionalen Appellen in Medien und Öffentlichkeit. Dabei unterschied sich die große Konsenskoalition über parteipolitische Grenzen hinweg deutlich vom Lagebild in der nahezu zeitgleichen Atomkraftdebatte, die rund um die geplanten Nuklearanlagen in Gorleben und Wackersdorf verhärtete Frontbildungen und gewaltsame Eskalationen hervorbrachte. Schon damalige Protagonisten beschworen ein spezifisch deutsches Waldverhältnis, um die politischen Reaktionen entweder als vorbildlich zu loben oder als ungenügend zu kritisieren.[42]

Bilanzierend betrachtet haben drastisch visualisierte Voraussagen einer fast vollständigen Entwaldung dazu beigetragen, wirksame Umweltschutzmaßnahmen schneller als sonst üblich durchzusetzen. Die schwarz-gelbe Bundesregierung unter Helmut Kohl beschloss umfassende Reduktionsmaßnahmen für Industrie und Verkehr, die Forstwissenschaft profitierte von einem enormen Mittelzuwachs für Forschungsprojekte – darunter die jährlichen "Waldschadensberichte", die später semantisch zu "Waldzustandsberichten" optimiert wurden. Kontrastierend zu damaligen Schreckensvisionen eines baumlosen Deutschland ist inzwischen ein Bewaldungsgrad von fast einem Drittel zu vermelden, wobei Hessen und Rheinland-Pfalz mit je 42 Prozent die Spitzenreiter sind und Schleswig-Holstein mit lediglich elf Prozent das Schlusslicht ist.[43]

Indes ist schon seit den 1970er Jahren ein zunehmender mentaler wie tatsächlicher Abstand zum Wald zu beobachten, vor allem unter Jüngeren und Stadtbewohnern.[44] So gehen aktuell laut einer 2010 veröffentlichten Studie mehr als die Hälfte der Deutschen selten oder nie und nur etwa ein Viertel regelmäßig in den Wald, der dann meist zum Naturerleben, Spazieren oder Wandern dient. Nur ein Teil der Bevölkerung versteht die Baumwelt weiterhin als kulturell prägend und traditionsbildend, während Aspekte des oft sportlichen Freizeitgenusses überwiegen. Außerhalb des extrem rechten politischen Spektrums keine Rolle mehr spielen hingegen explizit identitätsstiftende Bezüge, wie sie während der romantischen und der nationalsozialistischen Zeit wichtige Poeten, Philologen, Publizisten und Propagandisten vertreten hatten.[45]

Schlussbemerkungen

Ideengeschichtlich erscheint der "deutsche Wald" als ein wesentlich von der Romantik um 1800 begründetes Denkmuster, das sich bis 1945 zunehmend radikalisierte und danach einer entgegengesetzten Tendenz unterlag. Es erlaubte interessengeleitete Bezugnahmen und Adaptionen, die aber meist ohne viel Rücksicht auf die ursprünglichen historischen Kontexte erfolgten. Derartige Zuschreibungen liegen jedoch nicht in der Waldnatur selbst begründet: Bäume mögen zwar Vorlieben in puncto Boden- und Klimabedingungen haben, sie vertreten aber weder politische Meinungen noch äußern sie nationale Präferenzen.

Der vorgestellte "deutsche Wald" wies allerdings immer weniger Bezug zu dem auf breiter Fläche wachsenden monokulturellen Realwald auf. Schon während der Entstehung des waldromantischen Denkens zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich die imaginierte Laubwaldwildnis im Kontrast zur forstlichen Entwicklung befunden, in der ökonomische Effizienz und statistische Erfassbarkeit der Nadelholzpflanzungen vorherrschten. Indem dieser Widerspruch noch an Schärfe gewann, kam dem Denkbild eines deutschen "Waldvolkes" – und bezeichnenderweise nicht "Forstvolkes" – eine immer stärker nostalgische Kompensationsfunktion zu.

Damit schien das Wunschbild des "deutschen Waldes" gleichsam außerhalb der Geschichte gestellt, um gegen die tatsächliche historische Dynamik eine statische Harmonie bewahren zu können. Gleichwohl lassen sich die Entwicklungsphasen deutschen Walddenkens, deren Höhepunkte in Kriegs- und Krisenzeiten fielen, mit den breiteren nationalpolitischen Tendenzen korrelieren. Die weitgehende Realitätsenthobenheit des Denkmusters erlaubte dabei sowohl die poetische Beschwörung romantischer Sehnsuchtslandschaft als auch die politische Rechtfertigung der NS-Herrschaftspraxis.

Ungeachtet seines imaginierten Charakters konnte dem Naturideal des "deutschen Waldes" historische Relevanz zukommen, sobald einflussreiche Akteure es als Projektionsfläche für gesellschaftliche oder politische Ziele gebrauchten. Im Zeitverlauf traten an die Stelle patriotischer Waldemphase rassistische und antisemitische Denkmuster, die einen unaufhebbaren Gegensatz zwischen deutschem "Waldvolk" und jüdischem "Wüstenvolk" beziehungsweise slawischem "Steppenvolk" postulierten. Ferner geriet die Baumwelt gemäß der sozialdarwinistischen Parole vom "Wald als Erzieher" zum vermeintlichen Vorbild für die Gesellschaftsordnung.

Nach 1945 wurde die Weltanschauungsnatur des "deutschen Waldes" als explizites Nationalsymbol zunehmend irrelevant. An die Stelle der über Generationen vollzogenen Denkarbeit am politischen Waldideal traten die Freizeitgestaltung in oder die Naturerhaltung zugunsten der Baumwelt. Mittlerweile soll der Gedanke der Verwurzelung nicht mehr eine Widerstandsfähigkeit gegen behauptete Feindvölker stärken, sondern gegen reelle Sturmgefahren infolge des Klimawandels schützen. Erneute waldanschauliche Aufladungen könnte ein demokratisch-rational reflektierter Naturbezug verhindern, der vergangene Entwicklungen wie die beschriebenen kritisch hinterfragt.

Fußnoten

39.
Vgl. zur Schutzgemeinschaft ausführlicher Astrid Mignon Kirchhof, Gründung und Entwicklung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, in: Breymayer/Ulrich (Anm. 1), S. 251–255.
40.
O.A., Uns ruft der Wald, in: Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (Hrsg.), Uns ruft der Wald. Ein Buch deutscher Dichter und Waldfreunde, Rheinhausen 1949, S. 7. Siehe ähnlich etwa auch o.A., Die Deutschen lieben ihre Wälder wie ihre Kinder, in: Unser Wald 6/1957, S. 151; Heinz-Gerhard Becke, Die Bedeutung des Waldes für unser Volk, Wiesbaden 1963.
41.
Vgl. als Sammelband Roderich von Detten (Hrsg.), Das Waldsterben. Rückblick auf einen Ausnahmezustand, München 2013. Zu den entsprechenden Debatten ausführlicher Birgit Metzger, "Erst stirbt der Wald, dann du!". Das Waldsterben als westdeutsches Politikum 1978–1986, Frankfurt/M. 2015.
42.
Siehe dafür Helmut Kohl, Schutz von Natur und Umwelt als Aufgabe von nationalem Rang, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung 146/1984, S. 1281–1286; Carl Amery, Das Zeichen an der Wand, in: Arbeitskreis Chemische Industrie/Katalyse Umweltgruppe Köln (Hrsg.), Das Waldsterben. Ursachen – Folgen – Gegenmaßnahmen, Köln 1983, S. 11ff.
43.
Siehe zu den genauen Zahlen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Hrsg.), Der Wald in Deutschland. Ausgewählte Ergebnisse der dritten Bundeswaldinventur, Berlin 20162.
44.
Vgl. dazu ausführlicher Annette Braun, Wahrnehmung von Wald und Natur, Opladen 2000; Carsten Wippermann/Katja Wippermann, Mensch und Wald. Einstellungen der Deutschen zum Wald und zur nachhaltigen Waldwirtschaft, Bielefeld 2010; Klaus Schriewer, Natur und Bewusstsein. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Waldes in Deutschland, Münster 2015.
45.
Siehe als solche Stimmen etwa Werner H.F. Kellermann-Tospel (Hrsg.), Baum und Wald. Die grünen Wurzeln unseres Volkes, Essen 1992; Henning Eichberg, "Baumzeit – ja danke". Grüner Protest und grünes Leben, in: wir selbst 1–2/2000, S. 7–18.
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Autor: Johannes Zechner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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