Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

1.12.2017 | Von:
Hansjörg Küster

Kleine mitteleuropäische Wald- und Forstgeschichte

Die Vereinten Nationen definieren eine Fläche ab einem halben Hektar als Wald, wenn sie zu mindestens zehn Prozent von Bäumen bestanden ist, die in winterkalten Gebieten mindestens drei, in Gebieten mit gemäßigtem Klima mindestens sieben Meter hoch wachsen. Bereits in einem solchen sehr lichten Wald bilden sich Ansätze eines Waldbinnenklimas heraus, das von ausgeglicheneren Temperaturen, geringerer Lichtintensität und höherer Luftfeuchtigkeit geprägt ist als das Offenland.[1] Ein solcher Gehölzbestand gilt als Forst, sobald eine Instanz diesen Wald und seine Nutzung plant und verändert. Forstliche Ziele können optimale Holzerträge, aber auch eine Verwilderung des Waldgebietes sein. Ein entsprechendes Ziel muss für einen Forst, nicht aber unbedingt für einen Wald definiert sein.

Den schriftlichen Quellen, auf die sich eine Erforschung der Wald- und Forstgeschichte in Mitteleuropa stützt, liegt nicht immer ein Verständnis von Wald zugrunde, das mit dem heutigen vergleichbar ist. Einige Merkmale eines Waldes bestehen von Natur aus, andere ergeben sich aus einer früheren oder gegenwärtigen Nutzung, und im Laufe der Zeit verändern sich die damit zusammenhängenden Vorstellungen und Interpretationen. Heute sind in einem Wald viel mehr Charakteristika durch menschliche Nutzung bestimmt als gemeinhin angenommen. Darauf soll in diesem Beitrag näher eingegangen werden.[2]

Natürliche Waldentwicklung

Schon vor einigen hundert Millionen Jahren gab es Wälder auf der Erde. So entstanden zum Beispiel vor mehr als 300 Millionen Jahren die Steinkohlewälder des Karbonzeitalters, in denen gewaltige Mengen an organischer Substanz produziert wurden: Baumstämme fielen nach ihrem Absterben in Sümpfe und kamen unter Sauerstoffabschluss. Dort blieb das Holz erhalten und entwickelte sich über die Jahrtausende zu Steinkohle. Je mehr Kohlenstoff auf diese Weise an der Erdoberfläche gespeichert wurde, desto sauerstoffreicher wurde die Atmosphäre. Denn sowohl der Kohlenstoff als auch der Sauerstoff stammen aus dem Kohlenstoffdioxid, das Pflanzen im Zuge der Fotosynthese zerlegen.

Seit dem 19. Jahrhundert sind immer wieder Lebensbilder von Wäldern aus erdgeschichtlich frühen Epochen gezeichnet worden, die den Eindruck vermitteln, als seien diese Wälder stabil gewesen. Es war aber charakteristisch für sie, dass sie sich unentwegt wandelten. Wälder waren nie völlig statische Ökosysteme, und zu keinem Zeitpunkt bestanden dort natürliche oder ökologische Gleichgewichte. Denn in den Ökosystemen verlief die Evolution der Organismen, die immer wieder neue Formen von Leben hervorbrachte. Hinzu kamen Klimaschwankungen, die sich ebenfalls auf die Wälder auswirkten. Im Laufe des Tertiärs, der erdgeschichtlichen Epoche vor dem Eiszeitalter, nahmen die Temperaturen in Mitteleuropa allmählich ab. Damals waren die dortigen Wälder erheblich artenreicher als heute und ähnelten denen anderer gemäßigter Zonen auf der Erde, etwa in Nordamerika und Ostasien.

Im Quartär, dem Eiszeitalter, kam es immer wieder zu erheblichen Klimaschwankungen. In mehreren Kaltphasen, den sogenannten Glazialen oder Eiszeiten, sanken die Jahresmitteltemperaturen um etwa zehn Grad, und alle Bäume im Gebiet nördlich der Alpen starben ab. Zurück blieb ein waldfreies Grasland, das manche Charakteristika einer Tundra, andere einer Steppe aufwies. Ein großer Teil des Wassers auf der Erde war im Eis festgelegt, das sich in Form riesiger Gletscher über weite Gebiete des Planeten erstreckte, sodass das Klima nicht nur erheblich kälter, sondern auch trockener wurde. Mitteleuropäische Baumarten gediehen in diesen Phasen nur noch südlich der Alpen in sogenannten Eiszeitrefugien am Mittelmeer. Diese waren jedoch so klein, dass nur wenige Bäume dort wachsen konnten. Mit der genetischen Vielfalt nahm die Anpassungsfähigkeit an veränderte Umweltbedingungen ab. Während manche Baumarten wie die Buche oder die Eibe davon weniger betroffen waren und sich in den Warmphasen wieder ausbreiten konnten, starben viele Baumarten wie der Tulpenbaum, die Flügelnuss, der Mammutbaum und die Esskastanie aus und verschwanden aus der europäischen Flora.

Wälder und die Jäger der frühen Nacheiszeit

Auch in der letzten Eiszeit, die man in Norddeutschland Weichseleiszeit, im Süden Würmeiszeit nennt, gab es keine Wälder in Mitteleuropa. Vor etwa 20.000 Jahren hatte das Eis seine maximale Ausdehnung erreicht, vor rund 18.000 Jahren begannen die Temperaturen wieder zu steigen und das Eis abzuschmelzen. Einige Jahrtausende später breiteten sich wieder erste Wälder in Mitteleuropa aus, in denen sich zunächst Birken und Kiefern häuften. Doch anders als nach den vorangegangenen Kaltphasen verlief die Waldentwicklung in Mitteleuropa dieses Mal unter neuen Vorzeichen. Denn auch hier lebten nun Menschen, die sich vor allem von der Jagd auf Rentiere, Wildpferde und andere große Tiere ernährten. In manchen Jahreszeiten ergänzten sie ihren Speisezettel durch das Sammeln von Pflanzen und Pilzen.

Dass der Mensch durch die Jagd auf große Pflanzenfresser die Ausbreitung von Wald nach der letzten Eiszeit begünstigt hätte, ist immer wieder vermutet worden. Allerdings werden durch eine große Zahl an Huftieren mit ihren tief eingedrückten Hufspuren auch Plätze geschaffen, an denen sich Samen sammeln und später keimen können. Insgesamt wird der Einfluss von Tieren, Jägern und Jagd auf die Ausbreitung von Wald begrenzt gewesen sein, denn in den vorangegangenen Warmphasen, in denen es noch keine Jäger gegeben hatte, war sie zunächst sehr ähnlich verlaufen.

Die Ausbreitung von Bäumen hatte allerdings Folgen für die Menschen. Denn die Tiere, auf die sie Jagd gemacht hatten, wanderten nach Norden und Osten ab, als sich der Wald schloss. In einem dichten mitteleuropäischen Wald gibt es nur wenige Tiere zum Jagen und nicht das ganze Jahr über Pflanzen und Pilze zum Sammeln. Nur in der Nähe von Gewässern konnten Menschen dauerhaft überleben; sie fingen Fisch und erlegten Vögel. Die Jagdkultur änderte sich und mit ihr das verwendete Gerät. Die Ausbreitung von Wald nach der letzten Eiszeit und der Kulturwandel von der Altsteinzeit (Paläolithikum) zur Mittleren Steinzeit (Mesolithikum) fanden zur gleichen Zeit statt und sind in einem Zusammenhang zu sehen.

Die Waldentwicklung verlief dann bald anders als in vorangegangenen Nacheiszeiten: Vor knapp 10.000 Jahren wurden Haselbüsche in den mitteleuropäischen Wäldern häufig. Ihr Wachstum konnte zwar auch durch eine weitere Klimaverbesserung begünstigt worden sein, aber anders als bei Birken und Kiefern, deren Früchte vom Wind verweht werden, müssen die schweren Haselnüsse von Tieren oder Menschen verbreitet und in den Boden gedrückt werden, damit Haselbüsche wachsen können. Weil sich offenbar in kurzer Zeit im gesamten Gebiet zwischen den Alpen und weiten Teilen Skandinaviens Haselbüsche stark vermehrten, wird vermutet, dass Menschen die Nüsse verbreiteten, denn Haselnüsse sind nahrhaft und gut aufzubewahren.

Mitteleuropa wurde zum Laubwaldland. Im feuchten Klima der gemäßigten Zonen können Laubbäume aufgrund der ihnen eigenen Art des Wassertransports in den Stämmen schneller wachsen als Nadelbäume. Die Wasserleitbahnen der Nadelbäume haben alle ungefähr den gleichen (geringen) Durchmesser. Bei Laubbäumen gibt es zusätzliche deutlich größere Wasserleitbahnen, in denen mehr Wasser in die Baumwipfel geleitet wird, sodass besonders viel Fotosynthese betrieben werden kann. Daher konnten sich Eichen, Linden, Ulmen und Eschen leicht gegenüber den Kiefern durchsetzen.

In einigen Gebirgen, in denen die klimatischen Bedingungen weniger günstig waren, breiteten sich eher Nadelbäume aus, die Tanne vor allem in den Vogesen, im Schwarzwald, auf der südwestlichen Schwäbischen Alb und in den Alpen, später kamen auch einzelne Tannen in den Bayerischen Wald und in einige nordbayerische Mittelgebirge. In den östlichen Gebirgen breiteten sich mehr Fichten aus, in den Ostalpen, im Bayerischen Wald, in den nordbayerischen Mittelgebirgen, von denen eines bezeichnenderweise "Fichtelgebirge" heißt, im Thüringer Wald, im Erz- und Elbsandsteingebirge, schließlich im Harz. In der Rhön und weiter westlich gelegenen Mittelgebirgen kam es dagegen zu keiner natürlichen Ausbreitung von Fichten.

Fußnoten

1.
Vgl. Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Was ist Wald?, o.D., http://www.sdw.de/waldwissen/oekosystem-wald/was-ist-wald/index.html«.
2.
Für detailliertere Ausführungen und weiterführende Literaturangaben vgl. im Folgenden Hansjörg Küster, Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, München 2008.
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Autor: Hansjörg Küster für Informationen zur politischen Bildung/bpb.de
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