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Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

1.12.2017 | Von:
Martina Grimmig

Holzwege in Venezuela. Der Tropenwald als soziale Landschaft

Nationaler Ressourcenraum

Venezuelas Wirtschaft ist in hohem Maße vom Export natürlicher Ressourcen abhängig. Die mit Abstand wichtigste Ressource ist das Öl, das die Entwicklung des modernen Venezuela im 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat. Im Ölreichtum und einer bis heute in weiten Teilen der venezolanischen Gesellschaft tief verankerten Rentenlogik liegt der wichtigste Schlüssel zum Verständnis der politischen und gesellschaftlichen Dynamiken im Land. Wie sehr bereits die satten, sozial befriedeten Aufbruchszeiten der 1960er und 1970er Jahre dabei auf einem trügerischen Phantasma von Fortschritt und Entwicklung aufbauten, hat der Anthropologe Fernando Coronil sehr eindrücklich am Beispiel einer gescheiterten Traktorenfabrik gezeigt.[9] Die grundlegende Vorstellung, das Öl "auszusäen" und einen Grundstock für eine diversifizierte und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung zu bilden, bleibt auch im postchavistischen und krisengeschüttelten Venezuela eng an eine extraktive Rentenlogik gebunden. So ist es bezeichnend, dass bei allen radikalen politischen Differenzen sowohl Regierung als auch Opposition in Venezuela weiterhin auf die intensive Extraktion natürlicher Ressourcen und den Ausverkauf der Bodenschätze als Weg aus der wirtschaftlichen Krise setzen, eine Politik, die anderenorts nur unter sehr guten politischen Randbedingungen erfolgreich war.

Auch im Reformprojekt der sogenannten Bolivarianischen Revolution bleibt das Land und zumal das Hinterland ein Füllhorn natürlicher Ressourcen, die das Versprechen einer besseren Zukunft in sich tragen. Trotz klarer Evidenzen seiner zerstörerischen Kraft gilt der Extraktivismus vielen als probates Mittel, Armut zu bekämpfen und Entwicklung anzukurbeln. Die Hoffnungen liegen dabei einmal mehr auf den ressourcenreichen Tropenwaldregionen südlich des Flusses Orinoko, wo – historisch nicht zufällig – auch die Mehrheit der knapp 600.000 Indígenas in Venezuela lebt. Dort hat der venezolanische Präsident Nicolás Maduro erst 2017 erneut Konzessionsgebiete in großem Stil für transnationales Kapital geöffnet, vor allem zur Förderung von Gold, Diamanten, Eisen, Coltan und Bauxit. Mit über 100.000 Quadratkilometern umfasst dieser arco minero nahezu die Hälfte des Bundesstaates Bolívar. Das Gebiet schließt damit die gesamte Kernregion Guayanas ein, einschließlich der weiteren Waldregionen in Imataca, wo viele bedeutende Goldreserven liegen.

Die besondere Bedeutung der Region Guayana im aktuellen Krisendiskurs kann jedoch nicht nur auf ihre besonders privilegierte Ausstattung mit natürlichen Ressourcen zurückgeführt werden. Solche "naiven Geografien"[10] verkennen die vielfältigen historischen und sozialen Antriebskräfte, die Guayana zu einem defining national space haben werden lassen, also zu einer für die Bestimmung des Nationalen entscheidenden Region.[11]

Insbesondere zwei Motive haben die Entwicklung von Guayana historisch geprägt: zum einen die Vorstellung einer an Schätzen enorm reichen Natur, die das Gebiet schon früh in koloniale Fantasien und Kämpfe für Gott, Gold und Ruhm einband und auch den Grundstein für einen anhaltenden Grenzkonflikt legte. Zum anderen durchziehen Motive der Leere und Wildheit koloniale Diskurse über diese Region, die sich in rekonfigurierter Form in den modernen Vorstellungen von wenig erschlossenen, geopolitisch sensiblen Grenzräumen fortschreiben, in dem indigene Bewohner nur wenige Spuren hinterlassen hätten.

Bis weit in das 18. Jahrhundert wurde hier das legendäre El Dorado gesucht; später versuchte das unabhängige Venezuela mit gigantomanischen Kolonisierungsprojekten die schlummernde Brache zum Leben zu erwecken. Gerade weil viele frühere Anläufe einer Erschließung Guayanas entweder vollständig im Bereich des Fantastischen verblieben oder über das Niveau lokaler Plünderung beziehungsweise kurzlebiger Zyklen der Ressourcennutzung nicht hinauskamen, wurde die produktive Einverleibung von Guayana zu einer umso wichtigeren und drängenderen nationalen Herausforderung festgeschrieben. Schließlich konnte auch die ab Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Goldsuche nur ganz vereinzelte Entwicklungsimpulse setzen.

Für eine solide und nachhaltige Entwicklung von Guayana schienen erst die Einkünfte einer prosperierenden Ölindustrie erfolgversprechende Bedingungen zu schaffen. Als Schlüssel zur modernen Nationenbildung wurde die industrielle Erschließung dieser vermeintlich unberührten Regionen in den 1960er und 1970er Jahren systematisch vorangetrieben. Die ehrgeizigen Visionen und bald sichtbaren Erfolge dieser Conquista del Sur, der Eroberung des Südens, entwickelten weit über das Land hinaus ihre Strahlkraft – nicht umsonst lässt Max Frisch seinen Homo Faber nach Venezuela reisen, um hier Turbinen zu installieren. Auch Ökonomen des Massachusetts Institute of Technology, die bei dieser Erschließung beratend mitwirkten, schwärmten von der gewaltigen Modernisierungskraft dieses Projektes, die binnen weniger Jahre aus einer in ihren Augen buchstäblich unbewohnten Wildnis eine produktive Industrieregion entstehen ließ.

Der Aufbau industrieller Basisindustrien, die Entwicklung städtischer Zentren mit ihrer wachsenden Nachfrage nach landwirtschaftlichen Gütern, die infrastrukturelle Erschließung, die Intensivierung zunächst der Prospektion und Inventarisierung, später dann der Ausbeutung von mineralischen und biotischen Ressourcen sowie der Bau von großen Wasserkraftwerken erzeugten rapide und umfassende Veränderungen bis in die letzten Siedlungen hinein. Auch die indigene Bevölkerung selbst wurde zum Objekt entwicklungspolitischer Maßnahmen: Mittels sogenannter empresas indígenas sollte sie produktiv in die Nation eingebunden werden. Diese Strategie erwies sich schnell als ein Holzweg im übertragenen Sinn. In der historischen Rückschau gilt dies wohl für die gesamte Entwicklung des venezolanischen Guayana und schon gar für die forstliche Erschließung der dortigen Wälder, die beide bis heute problembeladen bleiben.

Folgenreich für viele indigene Gruppen war die Ausweisung großer Forstreserven im Hinterland des neu entstehenden industriellen Entwicklungspols Ciudad Guayana, wo eine ökonomisch und sozial nur wenig angeschlossene Lage entstand, eine neue Peripherie der Peripherie. So ist das Siedlungsgebiet der Kari’ña seit 1961 offiziell eine Forstreserve, die etwa die Größe Baden-Württembergs hat und zunächst bezeichnenderweise den Namen El Dorado trug.[12] Der Staat reservierte sich damit den zukünftigen Zugriff auf diese Wälder. Zugleich konnte mit der Ausweisung einer Forstreserve zumindest formal eine gewisse staatliche Präsenz und Kontrolle in diesem "leeren" und angesichts der schmerzvollen Niederlage im Grenzstreit mit Britisch-Guyana als besonders verwundbar geltenden Grenzraum manifestiert werden. Der Zugriff erfolgte dabei weitgehend unabhängig von der indigenen Bevölkerung, die mit ihren flüchtigen Siedlungsstrukturen nicht ernst genommen wurde, zumal ihre Loyalität zur Nation als widerständige Grenzgänger so oder so fraglich erschien.

Die positive Rahmung des Forstwesens als ordnende Kraft in der Herstellung von Staatlichkeit in der Peripherie verfestigte sich, als bedingt durch wirtschaftliche Krise und Strukturanpassungsmaßnahmen in den 1980er Jahren die forstliche Erschließung in großem Maßstab begann. Die Verhältnisse und materiellen Praktiken in diesem Feld der Ressourcennutzung sind dem positiven Image der Forstwirtschaft durchaus zuträglich. So wird die kommerzielle Holzgewinnung in Imataca vor allem von nationalen Unternehmen betrieben, sie ist nicht auf Rodungen größerer Flächen, sondern auf die selektive Entnahme von Werthölzern ausgerichtet, und daher trotz enormen Flächenanspruchs vergleichsweise überschaubar und geordnet. Dies erklärt die bis heute hohe Legitimität der forstlichen Erschließung der Region, gerade im Kontrast zum Goldbergbau oder der historischen Gummigewinnung.

Gemessen an ihrem eigenen formulierten Anspruch als Motor einer nachhaltigen Regionalentwicklung sind die Erfolge der Forstwirtschaft allerdings sehr bescheiden.[13] Die Holzgewinnung bringt der lokalen Bevölkerung meist nicht mehr als den Staub, den die mit Stämmen und Brettern beladenen Lastwägen aufwirbeln, wie eine Studie über die Region Ende der 1990er Jahre trocken feststellte.[14] Spuren forstwirtschaftlicher Degradation sind allgegenwärtig, äußerlich sichtbar für den Besucher vor allem die vielen Schneisen, Rodungen und Wege, die von Forstunternehmen zu Transportzwecken, für Arbeitercamps und Baumschulen angelegt werden und die das Terrain und mit ihm die Subsistenzaktivitäten der Kari’ña systematisch durchschneiden. Nicht ohne Grund zählt die Ethnologin Anna Tsing, die hier ihre eigene Felderfahrung in Kalimantan verarbeitet, verlassene Holzwege zu den "trostlosesten Orten der Welt".[15]

Fußnoten

9.
Vgl. Fernando Coronil, The Magical State. Nature, Money, and Modernity in Venezuela, Chicago 1997.
10.
Gavin Bridge, Resource Triumphalism: Postindustrial Narratives of Primary Commodity Production, in: Environment and Planning A 33/2001, S. 2149–2172, hier S. 2154.
11.
Vgl. Sarah Radcliffe, Imaginative Geographies, Postcolonialism, and National Identities: Contemporary Discourses of the Nation in Ecuador, in: Ecumene 1/1996, S. 23–42.
12.
Vgl. Susanna Hecht, Tropische Biopolitik – Wälder, Mythen, Paradigmen, in: Michael Flitner/Christoph Görg/Volker Heins (Hrsg.), Konfliktfeld Natur. Biologische Ressourcen und globale Politik, Opladen 1997, S. 247–274.
13.
Vgl. Christoph Aicher, Forstpolitik in Venezuela. Vom Misserfolg erfolgreicher Politik, Dresden 2001.
14.
Wilfredo Franco, La situación actual de la reserva forestal Imataca, Mérida 1997, S. 24.
15.
Anna Lowenhaupt Tsing, Friction. An Ethnography of Global Connection, Princeton–Oxford 2005, S. 29.
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