Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

1.12.2017 | Von:
Jonas Hein

Klimaschutz durch Waldschutz? Eine kritische Bilanz nach zehn Jahren REDD+

Finanzierungsfrage

Allein um Entwaldung und den daraus resultierenden Ausstoß von Treibhausgasen deutlich zu reduzieren, werden laut Schätzungen zwischen 13 und 33 Milliarden US-Dollar jährlich benötigt.[7] Das Regelwerk der UNFCCC legt lediglich fest, dass Zahlungen ergebnisbasiert erfolgen, verschiedene Finanzierungsquellen genutzt werden sollen und der Green Climate Fund eine wichtige Rolle spielen soll. Seitdem REDD+ in die Klimarahmenkonvention eingebracht wurde, werden verschiedene Finanzierungssysteme diskutiert.

Die Finanzierung über einen möglichen weltweiten Kohlenstoffmarkt könnte bei ausreichender Nachfrage zusätzlichen Waldschutz ermöglichen. Unternehmen oder Staaten, die Emissionen kompensieren möchten, könnten dann Emissionszertifikate aus Waldschutzprojekten kaufen. Eine solche marktbasierte Finanzierung von REDD+ würde aber nicht zu zusätzlichen Emissionsreduktionen führen, da die Emissionszertifikate lediglich zur Kompensation bereits ausgestoßener Treibhausgase eingesetzt werden würden.

Ergebnisbezogene Zahlungen von Industriestaaten an Entwicklungsländer könnten hingegen zusätzliche Emissionsreduktionen ermöglichen. Aber auch das gilt nur, wenn die so erzielten Emissionsreduktionen nicht zur Kompensation von Treibhausgasemissionen in den Industrieländern eingesetzt werden. Bei ergebnisbasierten Zahlungen durch multilaterale Fonds wie dem Green Climate Fund wäre dies ausgeschlossen.[8] Es bleibt allerdings fraglich, wie multilaterale Akteure ausreichend Mittel zur langfristigen Finanzierung von REDD+ generieren können.

Auch nach dem Klimaabkommen von Paris bleibt die Finanzierungsfrage mit Blick auf REDD+ ungelöst, obgleich Waldschutz und Politiken zur Bekämpfung der Entwaldung erwähnt und die Vertragsstaaten aufgefordert werden, die vorangegangenen Entscheidungen der UNFCCC umzusetzen und nationale Klimaschutzstrategien zu formulieren. Ungefähr ein Drittel der Länder, die das Pariser Abkommen unterzeichnet haben, erwähnen REDD+ in ihren Klimaschutzstrategien. Dabei handelt es sich überwiegend um Länder mit tropischem Regenwald, also um Staaten, die ergebnisbasierte Zahlungen erhalten beziehungsweise im Rahmen eines Kohlenstoffhandelssystems Emissionszertifikate anbieten könnten. Im Gegensatz dazu erwähnt kein einziges Industrieland, dass es Waldschutzvorhaben in Entwicklungsländern finanzieren oder Emissionszertifikate aus Waldschutzvorhaben erwerben möchte. Das anfänglich große Interesse der Industriestaaten an REDD+ scheint zurückgegangen zu sein.

Fragmentierte Steuerung

Neben dem REDD+-Regelwerk der Klimarahmenkonvention sind in den vergangenen Jahren zahlreiche parallele Prozesse zur Umsetzung von REDD+ entstanden. In vielen Ländern des globalen Südens werden verschiedene Wald- und Klimaschutzprojekte umgesetzt, die meist durch bilaterale und multilaterale Geber und in geringerem Maße auch durch die Privatwirtschaft finanziert werden. Viele dieser Vorhaben unterstützen politische Reformprozesse, die Länder mit Tropenwäldern auf die kohlenstoffmarktbasierte oder fondsbasierte Finanzierung vorbereiten sollen. Dazu gehören beispielsweise die Formulierung von politischen Strategien zur Entwaldungsreduzierung und die Schaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen für den Handel mit Ökosystemdienstleistungen. Auch die Bundesregierung finanziert über verschiedene bilaterale Programme wie REDD Early Movers in mehreren Ländern die Umsetzung von REDD+. Die wichtigsten multilateralen Geber sind die von der Weltbank verwaltete Forest Carbon Partnership Facility und der Bio Carbon Fund.

Viele durch Nichtregierungsorganisationen und die Privatwirtschaft finanzierte Wald- und Klimaschutzprojekte operieren an freiwilligen Kohlenstoffmärkten. Diese entstanden in den 1990er Jahren parallel zu den Verhandlungen zum Kyoto-Protokoll im Zusammenhang mit verschiedenen von Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen entwickelten Marktstandards wie dem Climate, Community and Biodiversity Standard (CCBS).[9] Auf den freiwilligen Märkten werden auch Emissionszertifikate aus REDD+-Projekten gehandelt. Bei diesen Projekten handelt es sich meist um räumlich begrenzte Schutzgebiete oder Aufforstungsvorhaben, die von Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen ins Leben gerufen wurden. 2016 betrug das Handelsvolumen für Waldschutz und andere Projekte aus dem Landnutzungssektor lediglich 67 Millionen US-Dollar.[10]

Die fragmentierte Struktur von REDD+ zeigt sich auch bei einem Blick auf die unterschiedlichen sozialen Mindeststandards, die von verschiedenen Akteuren bei der Umsetzung von REDD+ genutzt werden. In Bezug auf die Rechte indigener Gruppen verweist die Klimarahmenkonvention lediglich auf die UN-Deklaration über die Rechte indigener Gruppen, während private Standards wie der CCBS vorschreiben, dass vor der Umsetzung von Waldschutzprojekten lokale Gemeinschaften und indigene Gruppen einbezogen werden müssen und diese ihre Zustimmung auch verweigern können. Für Projekte, die von der Bundesregierung finanziert werden, gilt das Menschenrechtskonzept des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Trotz jahrelanger Verhandlungen verfügt REDD+ bislang also weder über ein einheitliches Finanzierungssystem noch über eine einheitliche Governance. Die Steuerung von REDD+ ist vielmehr hoch fragmentiert.[11]

Erfolgreicher Ansatz?

Die Klimapolitik und insbesondere die Integration von REDD+ in die Klimarahmenkonvention haben dem Waldschutz große internationale Aufmerksamkeit verschafft. Allein in Indonesien gab es 2012 zum Höhepunkt des REDD+-Booms 37 verschiedene REDD+-Projekte.[12] Auch wenn in zahlreichen nationalen Klimaschutzstrategien REDD+ nach wie vor einen hohen Stellenwert einnimmt, hat die einst als "Win-win-Mechanismus" gefeierte Idee aber viel von ihrer anfänglichen Dynamik eingebüßt. Die Gründe für das Ende des REDD+-Booms sind vielfältig: Zum einen ist wie beschrieben die Frage der Finanzierung noch ungeklärt, zum anderen berücksichtigt der Mechanismus nicht die Ursachen der Entwaldung. Darüber hinaus ist deutlich geworden, dass Entwaldung und Waldschutz keine politisch neutralen Prozesse darstellen. Vielmehr sind sie eingebettet in die lokale und globale politische Ökonomie und gleichzeitig Teil von ihr.[13]

Nimmt man das in der Abkürzung "REDD" klar formulierte Ziel als Ausgangspunkt, fällt es schwer, den Mechanismus als erfolgreich zu bewerten. So konnte REDD+ beispielsweise weder in Indonesien noch in Brasilien und Kolumbien zu einem Rückgang der Entwaldung beitragen.[14] Die anfänglichen Erfolge in Brasilien gehen auf Umweltpolitiken zurück, die vor der Integration von REDD+ in die Klimarahmenkonvention initiiert wurden.

Gleichzeitig stellt sich allerdings die Frage, inwieweit ein Mechanismus erfolgreich sein kann, der bislang nicht voll umgesetzt wurde und möglicherweise auch nicht umsetzbar ist. Entwaldung wird durch eine Reihe miteinander verknüpfter Prozesse ausgelöst. Sie ist in vielen Fällen ganz unmittelbar Folge der Expansion der landwirtschaftlichen Produktion. Diese ist wiederum unter anderem das Resultat der steigenden Nachfrage nach Palmöl, Soja und Rindfleisch, die stark mit den Konsummustern im globalen Norden verknüpft ist und mit dem Versuch, den Transportsektor durch den Einsatz von Agrartreibstoffen zu dekarbonisieren.

Ein grundsätzliches Problem des anreiz- beziehungsweise marktbasierten Klimaschutzes ist, dass finanzielle Anreize die Opportunitätskosten anderer Landnutzungsformen auszugleichen gedenken. Der Wald beziehungsweise der Waldschutz müssten demnach mindestens so profitabel sein wie andere Formen der Landnutzung. In anderen Worten: Er müsste sich selbst finanzieren und dabei die erwähnten 13 bis 33 Milliarden US-Dollar jährlich generieren. Dass diese Summe zukünftig über Kohlenstoffmärkte, öffentliche Geber oder Fonds finanziert werden kann, ist aus mindestens zwei Gründen unwahrscheinlich: Erstens müsste dafür der Kohlenstoffpreis deutlich ansteigen. Zurzeit herrscht beispielsweise auf dem europäischen Markt ein Überangebot aufgrund zu lascher Emissionsbegrenzungen. Höhere Preise wären nur innerhalb eines rechtlich bindenden Handelssystems mit einer strengen Emissionsbegrenzung möglich. Dies lässt sich (zurzeit) politisch nicht realisieren. Zweitens wären vermutlich in erster Linie dieselben Akteure in der Lage, diese Zahlungen zu leisten, die auch für die Zerstörung der Wälder verantwortlich sind.[15]

Ein weiterer Grund für das Ende des REDD+-Booms ist die Einsicht, dass die verschiedenen Ziele des Mechanismus vielfach miteinander in Konflikt stehen. Auf lokaler Ebene führen Politiken zur Reduzierung der Entwaldung häufig zur Ausweisung neuer Waldschutzgebiete und damit zu weiteren Beschränkungen bei der Landnutzung. Diese Maßnahmen können, wenn sie mit dem Ausbau staatlicher Kontrollinstanzen einhergehen, also beispielsweise einer konsequenteren Strafverfolgung, zumindest regional Entwaldung reduzieren. Doch sind solche Schritte keineswegs konfliktfrei.[16]

Fußnoten

7.
Vgl. Charlotte Streck/Charlie Parker, Financing REDD+, in: Arild Angelsen et al. (Hrsg.), Analysing REDD+. Challenges and Choices, Bogor 2012, S. 111–127.
8.
Vgl. Jonas Hein/Karen Meijer/Jean Carlo Rodríguez de Francisco, What Is the Potential for a Climate, Forest and Community Friendly REDD+ in Paris?, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE), Briefing Paper 3/2015.
9.
Vgl. Jonas Hein/Heiko Garrelts, Verstrickung und Korrektiv. Zivilgesellschaftliche Akteure und marktbasierte Klimaschutzinstrumente – das Beispiel der Forest Carbon Offsets, in: Matthias Dietz/Heiko Garrelts (Hrsg.), Die internationale Klimabewegung: Ein Handbuch, Wiesbaden, 2013, S. 429–448.
10.
Vgl. Kelley Hamrick, Unlocking Potential, State of the Voluntary Carbon Markets 2017, Forest Trends’ Ecosystem Marketplace, Washington D.C. 2017.
11.
Vgl. Fariborz Zelli et al., Reducing Emissions from Deforestation and Degradation in Peru. A Challenge to Social Inclusion and Multi-Level Governance, DIE Studies 85/2014.
12.
Vgl. Forest Climate Center, REDD Project List – Indonesia, 26.3.2012.
13.
Vgl. Robert Fletcher et al., Questioning REDD+ and the Future of Market-Based Conservation, in: Conservation Biology 3/2016, S. 673ff.
14.
Vgl. Rhett A. Butler, Brazil: Deforestation in the Amazon Increased 29% Over Last Year, 30.11.2016, https://news.mongabay.com/2016/11/brazil-deforestation-in-the-amazon-increased-29-over-last-year«; Ashley Enrici/Klaus Hubacek, Business as Usual in Indonesia: Governance Factors Effecting the Acceleration of the Deforestation Rate after the Introduction of REDD+, in: Energy, Ecology and Environment 4/2016, S. 183–196; SINCHI (Instituto Amazónico de Investigaciones Científicas), Orientaciones para reducción de la deforestación y degradación de los bosques, Bogota 2016.
15.
Vgl. Fletcher et al. (Anm. 13).
16.
Vgl. Jonas Hein, Rescaling Conflictive Access and Property Relations in the Context of REDD+ in Jambi, Indonesia, Dissertation, Georg-August-Universität Göttingen 2016.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jonas Hein für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.