Ausschnitt aus dem Gemälde "Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1814.

1.12.2017 | Von:
Jonas Hein

Klimaschutz durch Waldschutz? Eine kritische Bilanz nach zehn Jahren REDD+

Lokale Herausforderungen internationaler Waldschutzvorhaben

Das Konfliktpotenzial von Waldschutzmaßnahmen auf lokaler Ebene im Kontext von REDD+ illustrieren etwa die Entwicklungen in der indonesischen REDD+-Pilotprovinz Jambi auf der Insel Sumatra. Hier soll Waldschutz besonders gefördert werden, gleichzeitig ist die Provinz ein wichtiger Standort für den Anbau von Ölpalmen. Jambis Aktionsplan zur Umsetzung von REDD+ betont wie auch die Vereinbarungen der UNFCCC insbesondere die armutsreduzierende Wirkung von REDD+ und die Rechte lokaler Gemeinschaften.

Parallel zu diesem von der Provinzregierung koordinierten Prozess sind in der Provinz verschiedene vor allem durch Nichtregierungsorganisationen initiierte Waldschutzprojekte entstanden. Eines der größten ist das Projekt Hutan Harapan (Wald der Hoffnung). Der Projektträger, das von den Nichtregierungsorganisationen Burung Indonesia, Birdlife International und der Royal Society for the Protection of Birds gegründete Unternehmen Restorasi Ekosistem Indonesia, besitzt seit 2010 eine 100.000 Hektar große Konzession innerhalb des indonesischen Staatswaldes. Das private Waldschutzprojekt wurde unter anderem von der Internationalen Klimaschutzinitiative des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, der dänischen Entwicklungsagentur DANIDA und der Fluggesellschaft Singapore Airlines unterstützt und verfolgt das Ziel, den Tieflandregenwald zu restaurieren und zu schützen. Dadurch sollen 10 bis 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid gesichert und "grüne Jobs" für die lokale Bevölkerung geschaffen werden.[17]

Das Projektgebiet überschneidet sich jedoch mit Flächen, die von indigenen Gruppen und Kleinbauern beansprucht werden, die zumindest teilweise bereits vor Projektbeginn hier lebten. Kleinbauern und die indigenen Batin Sembilan verfügen jedoch über keine Landtitel oder nur über Landtitel, die von den Dorfregierungen ausgestellt wurden. Diese wurden jedoch vom zuständigen Forstministerium und auch vom Projektträger nicht anerkannt.

Mit einigen Familien der Batin Sembilan konnte der Projektträger Naturschutzvereinbarungen treffen. Die Präsenz der Kleinbauern im Projektgebiet wurde jedoch vom Projektträger als Gefahr für die Integrität des Ökosystems aufgefasst. Einige Kleinbauern, die die neuen Landnutzungsregeln des Projektträgers nicht akzeptieren wollten, wurden zum Verlassen des Projektgebietes aufgefordert. In der Folge kam es insbesondere zwischen 2010 und 2013 zu teils gewalttätigen Landkonflikten zwischen Kleinbauern, die unter anderem vom transnationalen Kleinbauernverband La Via Campesina unterstützt werden, der sich weltweit für Ernährungssouveränität und Klimagerechtigkeit einsetzt, den Projektträgern und der Forstpolizei. Im Zuge des Konflikts werfen sich die Konfliktparteien gegenseitig Entführungen und die Zerstörung von Eigentum vor. Einige Kleinbauern und Vertreter von La Via Campesina erwähnen zudem Versuche gewalttätiger Vertreibungen durch private und staatliche Sicherheitskräfte. Darüber hinaus klagen sie, dass sie nicht vor Projektbeginn konsultiert wurden und ihnen auch keinerlei Mitsprache bei der Projektdurchführung ermöglicht wurde.[18]

Der skizzierte Konflikt um den Wald der Hoffnung zeigt die Komplexität von Naturschutzvorhaben auf der lokalen Ebene. Die Konfliktursachen sind hier zunächst eine ungleiche Landverteilung, Widersprüche zwischen Gewohnheitsrecht und nationalem Recht sowie zwischen verschiedenen staatlichen Ebenen, die Landbesitz legitimieren. Darüber hinaus ist es in der Region im Kontext der massiven Ausweitung der agroindustriellen Ölpalmproduktion bereits zu zahlreichen gewalttätigen Landkonflikten gekommen.[19] Verschärft wurde diese in vielen peripheren Regenwaldlagen nicht ungewöhnliche Ausgangslage durch das Waldschutzprojekt und dessen transnationale Komponente. Es wird deutlich, dass die Unterstützung von Waldschutzprojekten durch europäische Regierungen eng mit Fragen der Klimagerechtigkeit verknüpft ist. Einige der protestierenden Kleinbauern vor Ort stellten diese Verbindung her und argumentierten, dass ihr Land nicht die Treibhausgastoilette der reichen Länder sei und der Klimawandel zunächst im globalen Norden bekämpft werden müsse.[20]

Demgegenüber ist allerdings auch festzuhalten, dass einige Batin Sembilan von den Naturschutzvereinbarungen profitieren und auch Kleinbauern zumindest indirekt vom Waldschutz profitieren könnten. Denn die Ausweitung der Ölpalmproduktion führt in der Region bei länger anhaltenden Trockenphasen zu Wasserknappheit, von der insbesondere ohnehin marginalisierte Akteure betroffen sind.[21] Viele Kleinbauern klagen, dass vor dem Ölpalmboom auch in Dürrejahren Wasser verfügbar war. Gemeinschaftliche kommunale Waldbewirtschaftung statt privatisierter Formen des Naturschutzes und die Förderung nachhaltiger Agroforstsysteme könnten tatsächliche Alternativen zum agroindustriell dominierten Entwicklungsmodell des ländlichen Sumatras schaffen.

Fazit

Zwar konnte REDD+ bisher nicht wesentlich zur Reduktion der Entwaldung beitragen. Aber die Diskussionen über den Mechanismus haben zu einer erhöhten Aufmerksamkeit für den Waldschutz sowie für die Rechte von lokalen Gemeinschaften und indigenen Gruppen geführt. Die bisherige Governance von REDD+ ist höchst fragmentiert und basiert im Wesentlichen auf rechtlich nicht bindenden Entscheidungen der UNFCCC, privaten Standards und den Regeln multilateraler und bilateraler Geber. Der beschriebene Konflikt um den Wald der Hoffnung zeigt aber, dass die Existenz von Mindeststandards und menschenrechtsbasierter Entwicklungszusammenarbeit nicht ausreicht, vielmehr ist deren tatsächliche Anwendung entscheidend.

Waldschutz ist kein unpolitischer Prozess, sondern von Zielkonflikten geprägt.[22] Folglich können nicht alle involvierten Akteure von REDD+ profitieren. Für Unternehmen, die künftig nach kosteneffizienten Formen der Kompensation für Treibhausgasemissionen suchen, oder für Nichtregierungsorganisationen, die zusätzliche Finanzmittel für den Waldschutz zu generieren hoffen, schafft der Mechanismus Vorteile. Inwieweit dadurch aber tatsächliche Vorteile für den Klimaschutz und die lokale Bevölkerung entstehen, ist fraglich. In Regionen, die durch extreme strukturelle Ungleichheit und unklare Landrechte gekennzeichnet sind, könnte REDD+ bestehende Ungerechtigkeiten und soziale Konflikte verschärfen, anstatt zur Armutsreduzierung beizutragen. Kleinbauern und indigene Gruppen könnten durch die Ausweitung von Schutzgebieten und der gleichzeitigen Expansion der Agroindustrie noch weiter marginalisiert werden. So könnten jene Akteure, die besonders wenig zum Klimawandel beigetragen haben, zukünftig nicht nur von seinen Folgen, sondern auch von möglichen negativen Implikationen von klimapolitischen Maßnahmen betroffen sein.[23]

Trotz aller berechtigter Kritik und dem mangelnden Erfolg von REDD+ sollte man den Ansatz nicht komplett abschreiben. Er sollte vielmehr als Transfermechanismus zur Förderung von Klimagerechtigkeit weiterentwickelt werden, also zur Förderung von nachhaltiger ländlicher Entwicklung in peripheren Regenwaldrandlagen und nicht als Kompensationsmechanismus für Industrieländer oder Unternehmen. Entwaldung wird auch in Europa durch Konsummuster und die Nachfrage nach Agrartreibstoffen verursacht. Daher wäre eine angemessene Beteiligung des globalen Nordens an den Kosten des Waldschutzes ein angemessener Beitrag zum Wald- und Klimaschutz.

Fußnoten

17.
Vgl. Internationale Klimaschutzinitiative, Harapan Rainforest – Pilothafte Restauration eines Degradierten Waldökosystems auf Sumatra, November 2016, http://www.international-climate-initiative.com/de/projekte/weltkarte-und-projektliste/details/272« (17.10.2017).
18.
Vgl. Hein (Anm. 16).
19.
Vgl. Stefanie Steinebach, "Today We Occupy the Plantation – Tomorrow Jakarta": Indigeneity, Land and Oil Palm Plantations in Jambi, in: Brigitta Hauser-Schäublin (Hrsg.), Adat and Indigeneity in Indonesia – Culture and Entitlements between Heteronomy and Self-Ascription, Göttingen 2013, S. 63–70.
20.
Vgl. Hein (Anm. 16).
21.
Vgl. Merten et al. (Anm. 1).
22.
Vgl. Thomas O. McShane et al., Hard Choices: Making Trade-Offs between Biodiversity Conservation and Human Well-Being, in: Biological Conservation 3/2011, S. 966–972.
23.
Vgl. Britta Horstmann/Jonas Hein, Aligning Climate Change Mitigation and Sustainable Development Under the UNFCCC: A Critical Assessment of the Clean Development Mechanism, the Green Climate Fund and REDD, Bonn 2017.
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