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26.5.2002 | Von:
Anke Martiny

Korruption - wuchernder Krebsschaden in der Gesellschaft

Sozialismus und "Dritter Weg"

Im 19. Jahrhundert entstand die Utopie des Sozialismus, die in ihrer Theorie eine hohe moralische Hürde gegen die Korruption errichtete, vor allem weil der Sozialismus die Klassengesellschaft aufhob und die Gleichheit aller Menschen postulierte. Nur der demokratische Sozialismus entwickelte sich aber theoretisch weiter und erkannte, dass neben der Gleichheit die Freiheit ein entscheidendes Grundrecht der Menschen darstellt, ohne die eine Demokratie nicht leben kann.

Neben dem demokratischen Sozialismus entstand der Kommunismus. Dieser setzte sich seit den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts über das Grundrecht auf Freiheit hinweg und errichtete in seinem Machtbereich Diktaturen, um jeden, notfalls durch Zwang, zu einem gleichwertigen Glied der sozialistischen Gesellschaft zu machen. Unbestreitbar aber hielten sich die kommunistischen Funktionärseliten selbst nicht an ihre hohen Ziele, sondern knüpften Lohn und Strafe an die Willfährigkeit der Einzelnen im System. Unter dem Deckmantel einer scheinbar für alle gleichen Wertigkeit bereicherten sie sich und ihresgleichen schamlos. Auf Kosten der Allgemeinheit errichteten die Funktionäre eine völlig intransparente kommunistische Günstlingswirtschaft ohne demokratische Kontrollmöglichkeiten. Sie blieben vor allem mittels Terror und Korruption so lange an der Macht.

Als "Dritten Weg" schlägt heute der Begründer des Kommunitarismus, Amitai Etzioni, die Entwicklung einer "fairen Gesellschaft" vor, in der der Feudalismus genauso überwunden ist wie der Kolonialismus und der Sozialismus und in der sich die wirtschaftliche Effizienz jenseits aller Ideologien an ihrer Gesellschaftsverträglichkeit messen lassen muss. Vom umfassenden Etatismus in Wirtschaft und Gesellschaft muss ein Weg gefunden werden hin zu einer aktiven, sich selbst regulierenden Bürgergesellschaft, in der Familien, Nachbarschaften, freiwillige Gruppierungen und Medien die Menschen- und Bürgerrechte jenseits aller etatistischen und korporatistischen Traditionen wahrnehmen und durchsetzen. Etzioni und seine Apologeten stoßen sich besonders an den Parteien und ihren Funktionären, die einer Bürgergesellschaft nach ihrer Meinung hindernd entgegenstehen. Wie allerdings Bürgerkontrolle über Machtapparate praktisch wirken soll, wird weniger klar; denn am Grundsatz, dass Machtkontrolle nur durch gleich starke Gegenmacht auszuüben ist, können auch die Kommunitaristen nicht rütteln.

Diese Überlegung ist im Zusammenhang mit einer Gesellschaft gleichberechtigter Bürgerinnen und Bürger, in der es möglichst wenig Korruption geben soll, besonders wichtig, weil sie das Recht des Einzelnen auf umfassende Information über die allbeherrschende Verwaltung begründen hilft. Darin machte die amerikanische Gesellschaft nach dem Watergate-Skandal einen großen Schritt nach vorn. Etzioni kam mit seinem Buch zu einem Zeitpunkt heraus, als das Missvergnügen an den Parteiapparaten und der Zorn über die Selbstbedienungsmentalität der Funktionäre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in der westlichen Welt besonders virulent war.