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26.5.2002 | Von:
Andreas Malycha

Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik in der SBZ/DDR von 1945 bis 1961

II. Die Konsolidierungsphase 1952-1961

Im Zuge des "planmäßigen Aufbaus des Sozialismus" setzte eine organisierte Politisierung der Wissenschaften ein, das heißt deren Steuerung entsprechend politischen Zielsetzungen mit den Mitteln DDR-spezifischer Steuerungsmedien (verbindliche Ideologie, Autorität, politische Kampagnen und Kontrolle). Mit dem auf der SED-Parteikonferenz 1952 verkündeten Konzept des sozialistischen Aufbaus wurde die Wissenschaft erklärtes Objekt der Politik. Die Parteibürokratie artikulierte deutlich die Absicht, Wissenschaft auf politische und ökonomische Aufgaben auszurichten. Wissenschaft war nunmehr in die Systemauseinandersetzung integriert, was zugleich den Verlust der gesamtdeutschen Dimension der Wissenschaft mit sich brachte.

Im Laufe der fünfziger Jahre änderten sich als Konsequenz wissenschaftspolitischer Steuerungsprozesse das Selbstverständnis und die soziale Organisation der Wissenschaft. Bis Anfang der sechziger Jahre bildete sich hier ein neues, anderes Selbst- und Rollenverständnis heraus, das sich zunehmend deutlicher vom traditionellen bürgerlichen Wissenschaftsverständnis abhob. Es begann sich ein Problemlösungsdenken durchzusetzen, das sich stärker an den DDR-internen gesellschaftlichen Herausforderungen ausrichtete.

1. Neue Formen der Forschungsförderung und -entwicklung



Mit der beschleunigten Umsetzung des seit 1945 intendierten sowjetischen Sozialismusmodells begannen sich zunehmend die Mechanismen der Herrschaftssicherung auf die zentrale Wissenschaftssteuerung und -planung auszudehnen. Wissenschaftspolitik erhielt jetzt im politischen Kalkül der SED neben der Machtpolitik einen höheren, wenn auch vorerst noch nicht klar definierten Stellenwert.

Der erste Fünfjahrplan für die Jahre von 1951 bis 1955 sollte den Nachweis erbringen, dass Partei und Regierung in der Lage waren, für die Wissenschaft Probleme zu definieren und Lösungsstrategien zu planen. Das betraf in erster Linie die Naturwissenschaften. Hinsichtlich der Gesellschaftswissenschaften wurde am Beginn der fünfziger Jahre das kollektive, gesellschaftliche Orientierungswissen als Basis einer gesellschaftlichen Identität durch parteioffizielle Interpretationen der Theorie des Marxismus-Leninismus verbindlich vorgegeben [15] . Zwar machte die Politik seit dieser Zeit die Produktion von neuem Wissen zur Forschungsaufgabe, es handelte sich dabei allerdings ausschließlich um eine Art von Theorieproduktion, bei der kein eigener Beitrag zur Weiterentwicklung der marxistischen Wissenschaftstheorie geleistet wurde.

Die SED-Führung initiierte in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre also einen Kurswechsel, bei dem die Instrumentalisierung der Wissenschaft die Form einer technokratischen Macht- und Ordnungspolitik annahm. Die Institutionalisierung wissenschaftspolitischer Apparate sollte helfen, in den wissenschaftlichen Arbeitsprozess einzudringen und der Wissensverwertung politische Filter vorzuschalten [16] . Dieser Prozess war gekennzeichnet durch allmähliche Veränderungen und Übergangserscheinungen und verhinderte im Bereich der Gesellschaftswissenschaften auf längere Zeit eine paradigmatische Weiterentwicklung der Theorie, zu der es erste Ansätze in Gestalt der "Widerspruchs"-Diskussion gegeben hatte.

Im natur- und technikwissenschaftlichen Bereich bestimmte zunehmend die überragende Bedeutung der Wissenschaft als Ressource für die wirtschaftliche Entwicklung der DDR das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft. Bereits mit dem Zweijahrplan 1948/49 setzten Versuche ein, durch auftragsbezogene Forschung den Anwendungsbezug bestimmter Forschungsprojekte einzufordern. Nicht nur wissenschaftliche Institutionen, sondern auch Industrie und Wirtschaft sollten ein Mitspracherecht bei der Finanzierung von Wissenschaft erhalten. Für das Jahr 1950 wurde erstmals ein Forschungs- und Entwicklungsplan aufgestellt, der alle Forschungsthemen der Institute der Akademien und der Universitäten mit ihrem entsprechenden finanziellen Aufwand auflistete. Mit dem ersten Fünfjahrplan begannen Experimente zur längerfristigen Planung wissenschaftlicher Forschungen nach ökonomischen Erfordernissen. Über Wirtschaftspläne wurde ein Großteil der wissenschaftsrelevanten Problemstellungen bestimmt. Forschungspläne legten Themenfelder, Prioritäten und Relevanzkriterien fest. Damit dominierte nunmehr ein eindeutig dirigistisches Wissenschaftsverständnis in der Politik.

Das erklärte Ziel, das Wachstum der Wirtschaft mit wissenschaftlichen Forschungsarbeiten zu unterstützen, bedingte den materiellen und personellen Ausbau des Wissenschaftssektors. Im Ergebnis mehrerer Politbürobeschlüsse etablierten sich bei der Deutschen Akademie der Wissenschaften viele neue Forschungsinstitute und es wurden wissenschaftliche Kommissionen und Laboratorien eingerichtet. Ferner gab es akademische Neugründungen nach sowjetischem Vorbild, so beispielsweise die Bauakademie 1950 und die Akademie der Landwirtschaftswissenschaften 1951. Aufgrund der Erweiterung von Forschungskapazitäten im außeruniversitären Bereich verlagerte sich das Schwergewicht der Forschung weitgehend auf die Institute der Akademien und Einrichtungen der Industrie.

Des Weiteren kam es im Hochschulsektor zu zahlreichen Neugründungen. Es setzte in der Folge eines Ministerratsbeschlusses vom August 1953 eine Gründungswelle ein, in deren Verlauf innerhalb weniger Jahre sieben Technische Hochschulen, sieben Pädagogische Institute mit Hochschulcharakter, drei Medizinische Akademien, drei Künstlerische Hochschulen, zwei Landwirtschaftliche Hochschulen und eine Wirtschaftshochschule entstanden. Die Abkehr vom herkömmlichen Universitätsmodell mit seinem breiten Spektrum naturwissenschaftlicher Fächer und die Hinwendung zur technischen Spezialisierung sollte eine zügige Ausbildung wissenschaftlich-technischer Fachkräfte bewirken. Tendenziell verstärkten sich die Bestrebungen, die Universitäten ausschließlich auf ihre Bildungs- und Ausbildungsfunktion festzulegen.

2. Die Etablierung neuer Steuerungsinstrumente



In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre nahmen Wissenschaft und insbesondere die Wissenschaftspolitik im strategischen Konzept der SED einen deutlich höheren Stellenwert ein. Dies schlug sich u. a. in der Institutionalisierung wissenschaftspolitischer Apparate nieder. Im Zentralkomitee entstand im Ergebnis einer Reorganisation des Parteiapparates 1957 eine eigenständige Abteilung für Wissenschaft, deren Kompetenzen nunmehr auch in die staatlichen Wissenschaftsapparate hineinreichte. Ihre Aufgabe war es, nicht nur wissenschaftspolitische Entscheidungen vorzubereiten, sondern das wissenschaftliche Management an den Universitäten und Akademien anzuleiten sowie darüber hinaus die Außenwissenschaftsbeziehungen zu verantworten. Für die Forschungsplanung der Natur- und Technikwissenschaften und der Industrieforschung wurden weitere staatliche Steuerungseinrichtungen gegründet. Zu dem bereits seit Anfang der fünfziger Jahre installierten Zentralamt für Forschung und Technik bei der Staatlichen Plankommission und dem 1955 gegründeten Amt des Ministerrates für Kernforschung und Kerntechnik kam 1961 das Staatssekretariat für Forschung und Technik. Einzelne Ministerien etablierten Wissenschaftliche Beiräte, die den beiderseitigen Transfer - wissenschaftliche Politikberatung und politische Beeinflussung der Wissenschaftler - sicherstellen sollten.

Damit wuchs zugleich die Mehrgleisigkeit bürokratischer Zuordnungen und Zuständigkeiten. Nicht nur unterschiedliche Ressorts des Parteiapparates, sondern auch verschiedene staatliche Behörden stellten hinsichtlich der erhofften wirtschaftspolitischen Effekte zum Teil gegensätzliche Forderungen an die Wissenschaftler. Das Kompetenzgerangel innerhalb administrativer Leitungsstrukturen - wissenschaftliche Institutionen hatten es in der Regel mit verschiedenen ZK-Sekretären und Staatssekretären zu tun - führte in nicht wenigen Fällen zu gegenteiligen Effekten, indem wichtige Investitionen aufgrund von Zuständigkeitsstreitereien blockiert wurden.

Als eine wichtige Institution im Überschneidungsbereich von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wurde 1957 der Forschungsrat der DDR gegründet, dem die führenden Natur- und Technikwissenschaftler angehörten [17] . Er bekam die Aufgabe zugewiesen, langfristige Wissenschaftsprogramme auszuarbeiten, die Forschung auf Schwerpunkte zu lenken, wirtschaftliche Planungen zu begutachten und über Forschungspotenziale (Mittelvergabe, Kapazitäten, technische Infrastruktur) mitzuentscheiden. Der Forschungsrat sollte, ausgehend von international erkennbaren Entwicklungstrends, dann vor allem in den sechziger Jahren den wissenschaftlich-technischen Forschungsvorlauf für die "sozialistische Rationalisierung" und Intensivierung der Produktion fördern und organisieren. Dazu bildete er verschiedene Beratungsgremien, darunter auch die "Zentralen Arbeitskreise für Forschung und Technik", die dafür zu sorgen hatten, dass in den Planvorgaben alle einschlägigen Entwicklungen von der Grundlagenforschung bis zur Produktion berücksichtigt würden. Aufgrund der Analyse zukunftsträchtiger Aufgabengebiete initiierte der Forschungsrat später wissenschaftlich-technische Konzeptionen für Erzeugnisse, Technologien und Verfahren. Für einzelne Wissenschaftsgebiete (Biologie, Elektrotechnik, Maschinenbau) wurden Gruppen gebildet, die vor allem herausragende wissenschaftlich-technische Leistungen förderten.

Das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft sollte nach den Vorstellungen der SED-Führung auf ein anderes Niveau geführt werden. Das richtete sich jetzt auch an die Adresse der Naturwissenschaften. Im Juni 1956 legte die ZK-Abteilung Wissenschaft ein Programm zur Weiterentwicklung einzelner naturwissenschaftlicher Disziplinen vor, das eine bedeutende Erweiterung der Ausbildungs- und Forschungskapazitäten auf den Gebieten der Kernphysik und Kerntechnik vorsah [18] . Das korrespondierte mit Überlegungen im Politbüro, kernphysikalische Forschungsleistungen als strategisches Element der Wirtschaftspolitik zu entwickeln.

Die im Parteiapparat vorbereiteten Entscheidungen über die Entwicklung der Naturwissenschaften machten deutlich, dass nunmehr Fachabteilungen der SED und der Ministerien nahezu uneingeschränkt über die Zuweisung von Ressourcen und die Struktur der Forschung verfügten. Das Monopol über Ausbildung und Rekrutierung des wissenschaftlichen Personals wurde nicht nur für die Zusammensetzung des akademischen Lehrkörpers, sondern auch für die Personalplatzierung in außeruniversitären wissenschaftlichen Einrichtungen genutzt. Theoretische Konferenzen, Dozentenlehrgänge, wissenschaftliche Zeitschriften sowie das gesamte Kommunikations- und Publikationswesen transportierten nicht nur politische Vorgaben, sondern dienten auch dem Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisprozesse direkt oder indirekt zu beeinflussen. Dabei übten die Parteigruppen an den Universitäten und Forschungsinstituten zunehmend eine Vermittlungsfunktion aus. Waren sie bislang angehalten, Stimmungsbilder unter Wissenschaftlern und Studenten an die Führung weiterzugeben, sollten sie jetzt auch Diskussionen über das wissenschaftliche Selbstverständnis einleiten, die von der Politik im Hinblick auf die Rolle der Wissenschaft im Prozess der gesamtgesellschaftlichen Umgestaltung für wesentlich gehalten wurden. Als Bezugspunkt dieses Anliegens diente die Diskussion über die Verantwortung des Wissenschaftlers in der Gesellschaft (Kernenergie).

Nachdem Ulbricht im Juli 1958 auf dem V. Parteitag der SED die Losung "Vorwärts im Kampf für den Sieg des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik" ausgegeben hatte, setzte der ZK-Apparat alles daran, die Umwandlung der Gesellschaftswissenschaften als Faktor zur Bildung sozialistischen Bewusstseins zu einem gewissen Abschluss zu bringen. Zum Komplex der verstärkten Steuerungsbemühungen gehörte vor allem der Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisprozesse im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich direkt oder indirekt maßgeblich zu beeinflussen. Zu diesem Zweck wurde der Marxismus-Leninismus zur Wissenschaftstheorie erklärt. Als legitimatorischer Hintergrund dieser Ansprüche diente der Verweis auf die Notwendigkeit, Wissenschaft aus dem "Elfenbeinturm" heraus und in den Prozess der politischen und sozialen Umgestaltung zu führen. Dies galt es auf der Theorieebene abzusichern. Das SED-Politbüro sah nunmehr in der Philosophie eine "bewusstseinsbildende" Wissenschaft, die erkenntnistheoretische Prämissen (Wahrheitskriterien, Merkmale der Parteilichkeit) und methodologische Standards zu definieren sowie Grundsatzdebatten in Gang (Logik-Diskussion, Hegel-Diskussion, Diskussion über den Materiebegriff) setzten sollte. Auch auf dem naturwissenschaftlichen Feld versuchte die SED-Führung, Theoriebildung und wissenschaftliche Forschungsleistungen zu steuern, indem sie Fragestellungen, Kategorien, Hypothesen, Erkenntnisse und Ergebnisse privilegierte oder aber sanktionierte (Diskussionen um die Kybernetik und Quantentheorie).

Fußnoten

15.
Vgl. Clemens Burrichter (Hrsg.), Ein kurzer Frühling der Philosophie. DDR-Philosophie in der "Aufbauphase", Paderborn 1984, S. 18.
16.
Vgl. E. Förtsch (Anm. 2), S. 20.
17.
Vgl. Matthias Wagner, Der Forschungsrat der DDR. Im Spannungsfeld von Sachkompetenz und Ideologieanspruch. 1954 - April 1962, Berlin 1992.
18.
Vgl. SAPMO BArch, DY 30/IV 2/9.04/4.