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26.5.2002 | Von:
Jan W. van Deth

Wertewandel im internationalen Vergleich Ein deutscher Sonderweg?

Seit Anfang der siebziger Jahre unterscheidet sich der Wertewandelprozess in Deutschland kaum von den Entwicklungen in anderen Ländern. Ein außergewöhnlicher Erfolg neuer Wertorientierungen führte allerdings nicht zu dieser "Normalisierung".

I. Das deutsche Dilemma

In London, Prag, Berlin und Atlanta sind die Hüte aus dem Straßenbild verschwunden, es leben immer weniger Personen in Familien, die Wahlbeteiligung ist gesunken, und man fährt lieber silberfarbene als rote Autos. Und überall machen sich viele Menschen Sorgen um Umweltverschmutzung und Migration. Demonstrationen gegen Atomkraftwerke sehen in England genauso aus wie in Japan oder Connecticut. Diese Ähnlichkeiten sind zudem keine Neuheit: Fotos und Filmaufnahmen der Studentenrevolte der sechziger und siebziger Jahre und die Proteste gegen den Vietnamkrieg in Berkeley, Paris oder Frankfurt am Main sind nur bei genauerer Betrachtung voneinander zu unterscheiden. Nicht nur Kleidung, Frisur und Durchschnittsalter der Beteiligten sind sehr ähnlich, auch die Inhalte und Ziele der politischen Aktivitäten sind fast identisch. Slogans auf Transparenten und Schildern bringen an verschiedenen Orten die gleichen Forderungen zum Ausdruck. Das gilt für die Hausbesetzer der siebziger Jahre genauso wie für derzeitige Parteitage der Christdemokraten in verschiedenen europäischen Ländern.

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  • Wo mehr oder weniger ähnliche politische Themen in den Vordergrund treten - wie der Vietnamkrieg, die Umweltverschmutzung oder die Wohnungsnot -, sind ähnliche Aktionen und Reaktionen zwar nicht zwangsläufig, allerdings kaum überraschend. Das Gleiche trifft auch für die Konsequenzen von abstrakteren Phänomenen wie Regierungs- oder Legitimitätskrisen oder die Bedeutung von gesellschaftlichen Konfliktlinien zu. Ähnliche politische Problemlagen werden zunächst ähnliche Reaktionen auslösen. Anders sieht es jedoch aus, wenn sich die Reaktionen in Frankfurt am Main gegen eine Erweiterung des Flughafens, in Paris gegen Präsident de Gaulle und in Berkeley gegen die Wehrpflicht richten. Warum sollten diese Aktionen (und die Beteiligten) dann so viele Ähnlichkeiten aufweisen? Gibt es vielleicht doch ein latentes gemeinsames Thema wie z. B. die Bekämpfung des Spätkapitalismus oder die Dominanz der Vereinigten Staaten, das die augenscheinlich so unterschiedlichen Aktionen verbindet? Oder sind die Ähnlichkeiten eher zufällig, und es handelt sich hierbei eigentlich nur um den unbedeutenderen Ausdruck eines modischen Lebensstils neuerer Generationen?

    Insbesondere in Deutschland stößt der Gedanke an allgemeine, d. h. nicht typisch deutsche Erklärungen für soziale und politische Entwicklungen immer wieder auf Ablehnung. Ein gutes Beispiel dieser Neigung bietet die Diskussion um Joschka Fischers revolutionäre Vergangenheit. Nachdem im Frühjahr 2001 bekannt wurde, dass sich der Außenminister vor 25 Jahren während Demonstrationen in Frankfurt am Main an gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei beteiligt hatte, erschienen sofort Hinweise auf die "unverarbeitete deutsche Vergangenheit" als Erklärung für den Protest der sechziger und siebziger Jahre. Offenbar ist die Tatsache, dass zur gleichen Zeit ähnliche politische Aktionen in fast allen westlichen Ländern stattfanden, weniger relevant als die Frage, wie die Väter der deutschen Studenten ihre nationalsozialistische Vergangenheit zu diesem Zeitpunkt bewältigt hatten. Natürlich sind für spezifisch deutsche Phänomene wie die Rote Armee Fraktion (RAF) spezifisch deutsche Erklärungen erforderlich. Allerdings sind die Gemeinsamkeiten zwischen Amsterdam, Frankfurt am Main und Berkeley so evident, dass allgemeinere Erklärungen der Ereignisse mindestens so plausibel erscheinen wie Hinweise auf die späten Konsequenzen des deutschen Sonderwegs in den letzten hundert Jahren.

    Die Wertewandelforschung ist somit in Deutschland mit einem eindeutigen Dilemma konfrontiert. Einerseits erheben die meisten Vertreter dieser Ansätze Anspruch auf universelle Gültigkeit ihrer individualisierungstheoretischen Erklärungen [1] . Herzstück dieser Theorien ist die These, dass Selbstentfaltung, Autonomie und Gleichberechtigung immer wichtiger werden und dass zur gleichen Zeit Zwang, materieller Gewinn und Autoritäten an Bedeutung verlieren. Aus der Perspektive der Bürger spricht man kurzerhand von Individualisierung, aber manche Kommentatoren bevorzugen Termini wie "Werteverfall" oder "Werteverlust", welcher ". . . in fast allen gesellschaftlichen Bereichen von Industrieländern zu beobachten ist" [2] . Diese Entwicklung wird in der Regel weitergehender gesellschaftlicher funktionaler Differenzierung und Pluralisierung sowie kultureller Säkularisierung und Rationalisierung zugeschrieben [3] . Da diese Prozesse in Deutschland genauso stattfinden wie in vielen anderen Ländern, werden auch die Konsequenzen große Ähnlichkeiten aufweisen. Dennoch ist Deutschland natürlich kein Land wie andere Länder. Die Erfahrungen mit Kaiserreich, Versailles und Weimar, aber insbesondere die "braune Vergangenheit" machen es zu einem "schwierigen Vaterland". Jüngeren Datums sind der "real existierende Sozialismus" und die unerwartete Wiedervereinigung zweier sehr unterschiedlicher Landesteile. Vielleicht ist in Deutschland tatsächlich alles etwas anders, und es werden hier die von den Individualisierungstheoretikern betonten universellen Prozesse und ihre Konsequenzen neutralisiert oder sogar in andere Richtungen gelenkt.

    In den letzten Jahrzehnten sind mehrere empirische Studien durchgeführt worden, welche einen Vergleich des Wertewandelprozesses in verschiedenen Ländern ermöglichen. Unterstützen diese Studien die Erwartung ähnlicher Entwicklungen unter unterschiedlichen Umständen? Ist Deutschland die Ausnahme, welche die universellen Ansprüche der individualisierungstheoretischen Wertewandelforscher widerlegt? Gibt es, mit anderen Worten, noch immer Hinweise auf einen deutschen Sonderweg?

    Fußnoten

    1.
    Anspruch auf universelle Gültigkeit bedeutet keine Auswahl deterministischer Interpretationen oder eine Vernachlässigung besonderer Umstände. Erwartet wird, dass ähnliche gesellschaftliche Entwicklungen ähnliche Konsequenzen haben werden.
    2.
    Edzard Janssen, Aspekte des Wertewandels in Deutschland, Japan und Osteuropa, in: ders./Ulrich Möhwald/Hans Dieter Ölschlager (Hrsg.), Gesellschaften im Umbruch? Aspekte des Wertewandels in Deutschland, Japan und Osteuropa, München 1996, S. 258. Vgl. auch die Kurzformel des Individualisierungsprozesses als eine Verschiebung von "Pflicht- und Akzeptanzwerten zu Selbstentfaltungswerten", wie sie Helmut Klages benutzt: Traditionsbruch als Herausforderung: Perspektiven der Wertewandelsgesellschaft, Frankfurt/M. - New York 1993, S. 26.
    3.
    Für kurze Überblicke zu diesen Erklärungen vgl. Joachim Schild, Politische Konfliktlinien, individualistische Werte und politischer Protest: Ein deutsch-französischer Vergleich, Op-