30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Martin Sabrow

Die Ohnmacht der Objektivierung Deutsche Historiker und ihre Umbruchserinnerungen nach 1945 und nach 1989

III. Die vergessene Erinnerung in der Bundesrepublik

Jeder noch so flüchtige Blick auf das Verhältnis von Erinnern und Vergessen in der Bundesrepublik fördert ein bekanntes Phänomen zutage: Biographische Nachkriegszeugnisse nichtemigrierter Historiker sparen weithin die Zeit zwischen 1933 und 1945 und vor allem die eigene Beziehung zur nationalsozialistischen Herrschaft aus. Von 1862 bis 1901 bzw. von 1901 bis 1919 reichen die Bände "Erlebtes" und "Erinnerungen" des ,Vernunftrepublikaners' Friedrich Meinecke (1862-1956), der nach dem Zweiten Weltkrieg als über Achtzigjähriger seine 1932 beendete Lehrtätigkeit wieder aufnahm und 1948 erster Rektor der von ihm mitbegründeten Freien Universität Berlin wurde. 1932 brechen Karl Alexander von Müllers Erinnerungen unvollendet ab, aber sie waren nach dem Zeugnis seines Herausgebers von vornherein nur bis zum Jahr 1934 angelegt gewesen. Fritz Schachermeyr (1895-1987) wiederum nutzte in seinem Lebensabriss das Thema seiner Alexander dem Großen gewidmeten Antrittsvorlesung von 1931, um direkt zu seiner nach 1945 entstandenen Biographie Alexanders des Großen überzuleiten und so in kühnem Bogen über die ganze NS-Zeit hinwegzuspringen [23] .

Wo nicht schon die zeitliche Begrenzung der Niederschrift das Verhältnis von Erinnern und Vergessen bestimmte, taten es Autor oder Herausgeber. Nicht immer ist der Schnitt der Schere im Kopf freilich so deutlich zu hören wie bei den noch vor Kriegsende verfassten Lebenserinnerungen des als nationalsozialistischer Parteigänger hervorgetretenen Tübinger Historikers Johannes Haller (1865-1947), die posthum erschienen und den Herausgeber Rainer Wittram zu Texteingriffen veranlassten, die sich im Nachwort etwas verklausuliert so lasen: Es "konnte nur ausnahmsweise vom Grundsatz abgewichen werden, daß stehenbleiben mußte, was sich an Maßstab und Denkhorizont als zeitbedingt zu erkennen gibt" [24] .

Der Schweigekonsens zerbrach allerdings, wenn entweder eine ungebrochen in die postdiktatorische Gegenwart ragende biographische Identität jede Anpassung an den Zeitgeist überflüssig machte oder aber umgekehrt der zeitgenössische Kontext einen so starken Druck auf den Biografen ausübte, dass er der Stellungnahme nicht auszuweichen in der Lage war. Für den einen Fall steht der Verfechter einer rassenbiologischen Volksgeschichte Willy Helbok (1883-1968), dem noch in seinen 1963 erschienenen Erinnerungen Jazz wie selbstverständlich "Niggermusik", Adolf Hitler der "Führer" und der Untergang der Weimarer Republik erlösende Befreiung war [25] . Den anderen Fall verkörpern beispielsweise fachliche Themenstellungen, die den Berichterstatter zu einer Anmerkung in eigener Sache zwangen, um die Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen zu wahren. Als der ungeachtet seines Bekenntnisses zur nationalsozialistischen Machtergreifung und zu den Prinzipien einer "kämpfenden Wissenschaft" 1934 als Jude von seinem Königsberger Lehrstuhl für Neuere Geschichte verbannte und später ins englische Exil getriebene Hans Rothfels (1891-1976) 1965 in einer Vortragsreihe über "Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus" der Universität Tübingen über "Die Geschichtswissenschaft in den dreißiger Jahren" referierte, sah er sich gezwungen, darauf hinzuweisen, dass "ich selbst eine Zeitlang mitbefangen war" [26] . Einzuräumen, was jedermann bekannt war, fühlte sich auch der Bauernkriegsforscher Günther Franz (1902-1992) veranlasst, der infolge seiner Mitgliedschaft in NSDAP und SS nach 1945 zunächst ohne Professur geblieben war, als er 1981 über "Das Geschichtsbild des Nationalsozialismus und die deutsche Geschichtswissenschaft" zu sprechen hatte und vor dem Ende seines kursorischen Überblicks kurz verhielt: "An dieser Stelle ist es notwendig, von mir selbst zu sprechen, denn auch ich war damals Nationalsozialist." [27]

Paul Ricoeurs Kriterium der dokumentarischen Evidenz erweist sich daher bei näherem Zusehen zumindest für den bundesdeutschen Fall als einigermaßen trügerisch. Nicht anders als andere Zeitgenossen richten sich auch Historiker so in ihrer Erinnerung ein, dass sie eine Brücke zwischen Welt und Vita zu schlagen erlaubt und die Distanzierung vom vergangenen Selbst möglichst vermeidet. Dieselbe Homogenisierungskraft zeigt sich auch in der erklärenden Deutungsstruktur, in die bundesdeutsche Nachkriegshistoriker ihre Lebenszeugnisse einbetteten. Als Ausgangspunkt können wieder die Lebenserinnerungen Johannes Hallers dienen, deren Herausgeber Wittram im Nachwort sibyllinisch anmerkte: "Es darf dabei nicht aus den Augen verloren werden, dass Haller die Erinnerungen vor dem Zusammenbruch von 1945 niedergeschrieben hat, ohne die Erfahrungen, die das nächstfolgende Jahrzehnt vermitteln konnte. In der individuellen Mischung von Befangenheit und Unbefangenheit ist doch unverkennbar, dass der Verfasser auf einem anderen Boden stand als das System, das damals der Katastrophe entgegenging." [28]

Nicht weniger markant zeichnet sich die retrospektive Überschreibungsarbeit am individuellen Gedächtnis in autobiographischen Stellungnahmen ab, die nach dem Umbruch auf die Zeit vor 1945 zurückblickten. Als Gerhard Ritter in der ersten Nummer der neu gegründeten Zeitschrift Die Gegenwart im Dezember 1945 sich zu der Frage äußerte, wie man als Historiker in der NS-Zeit überhaupt eine unabhängige Meinung in Wort und Schrift hätte äußern können, führte er als Beispiel seine Vortragsreise in die Türkei von 1943 an. Er deutete sie rückblickend als einen von den Männern des 20. Juli ermöglichten Widerstandsakt, an dessen Spitze das Reichswissenschaftsministerium selbst stand [29] . Dass Ritters zeitgleiche Veröffentlichungen allerdings neben einer subversiven auch eine herrschaftsaffirmative Lesart zulassen, ist in der Forschung seit Jahrzehnten herausgearbeitet worden und ebenso die Ambiguität im Wirken eines Historikers, der damals eben auch in den Orient gereist war, um in Absprache mit Botschafter von Papen die neutrale Türkei gegen das Werben Englands bei der Stange zu halten. Sein Türkei-Vortrag galt unter dem Titel "Die geschichtliche Eigenart des deutschen Staatsdenkens" [30] der "Auseinandersetzung mit dem Angelsachsentum", wie Ritter schrieb [31] , und war in seinem Bemühen, dem Bild eines militaristischen und eroberungssüchtigen Deutschland entgegenzutreten, ebenso doppelsinnig auslegbar wie Ritters im selben Zusammenhang entstandene Denkschrift "Die geistige Abwehr britischer Geschichtsfälschungen", die Ribbentrop so gut gefiel, dass er Ritter zur Mitarbeit an einem amtlichen Europa-Buch auffordern ließ [32] .

Folgerichtig inszenieren Lebensrückblicke westdeutscher Zunftgenossen auf die Zeit vor 1945 ihr Leben eher episodenhaft als stringent - und umso mehr, je stärker sie in die aus dem Rückblick fremd gewordenen Verhältnisse eingebunden waren. Ein seine unveränderte Regimedistanz betonender Autobiograph wie Gerd Tellenbach, der anders als die meisten seiner Fachkollegen ausführlich auf die NS-Zeit einging, gliederte seine Lebenserinnerungen vergleichsweise stärker in gewohnten Zeitzusammenhängen wie "Zeitgeschichtliche Jugenderinnerungen", "Hitlers Aufstieg" und "Im Dritten Reich", während die Erinnerungen Karl Alexander von Müllers hinter dem äußeren Gerüst von 1919-1923, 1924-1927 und 1928-1932 weit ausholende Vor- und Rückblenden an Orientierungsmarken wie "Im Beruf", "Familie und neue Freunde", "Druckerschwärze und Reden" hefteten. Immer wieder mit Formeln wie "Eine Szene kommt mir in den Sinn" [33] aneinander gereiht, stellen sie den Autor nicht als Handelnden vor, sondern als fast zufälliges Beobachtungsmedium. Doch so deutlich auch sich hierin gezielte Auslassungsstrategien manifestieren, trifft das Urteil, demzufolge "Biographien, in Deutschland . . . vor allem als Lückentexte der Erinnerung" erscheinen [34] , das Genre deutscher Historiker-Erinnerungen nach 1945 nur eingeschränkt. Der vor 1933 deutschnational eingestellte Siegfried Kaehler beispielsweise, der auch nach 1945 an einer preußischen Staatsidee festhielt, scheute sich gleichwohl auch in der Restaurationsblüte von 1951 nicht auszusprechen, was die allgemeine Öffentlichkeit erst Jahrzehnte später zu akzeptieren lernte - dass nämlich "die Untaten der so genannten Einsatzgruppen als Wehrmachtsangehörige" eine Schändung des "deutschen Namens auf unabsehbare Zeit" darstellten und auch die schlimmste alliierte Besatzungswillkür als Teil "einer unabwendbaren Vergeltung für fürchterliche Dinge" anzuerkennen sei, "die sich von den Pyrenäen bis zum Kaukasus in den Jahren 1940-1945 zugetragen haben" [35] .

Fußnoten

23.
Vgl. Fritz Schachermeyr, Ein Leben zwischen Wissenschaft und Kunst, Wien u. a. 1984, S. 174. Weitere Beispiele bei Karen Schönwälder, Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt/M.-New York 1992, bes. S. 12 f.
24.
Rainer Wittram, Nachwort, in: Johannes Haller, Lebenserinnerungen. Gesehenes, Gehörtes, Gedachtes, Stuttgart 1960, S. 277-279, hier S. 277. Zu Wittrams "sprechenden" Auslassungen vgl. N. Berg (Anm. 2), S. 187.
25.
Adolf Helbok, Erinnerungen. Ein lebenslanges Ringen um volksnahe Geschichtsforschung, Innsbruck 1963, S. 93 ff.
26.
Hans Rothfels, Die Geschichte in den dreißiger Jahren, in: Deutsches Geistesleben und Nationalismus. Eine Vortragsreihe der Universität Tübingen, hrsg. von Andreas Flitner, Tübingen 1965, S. 90-107, hier S. 95.
27.
Günther Franz, Das Geschichtsbild des Nationalsozialismus und die deutsche Geschichtswissenschaft, in: Geschichte und Geschichtsbewußtsein. 19 Vorträge, hrsg. von Oswald Hauser, Göttingen-Zürich 1981, S. 91-111, hier S. 106. Was der Leser allerdings im weiteren über Franz' fachliche Stellung zum Dritten Reich erfährt, beschränkt sich auf wenige Sätze zur Abwehr des Verdachts, der politische Nationalsozialist sei auch ein nationalsozialistischer Historiker gewesen: "Mein Buch ,Der deutsche Bauernkrieg' ist 1933 erschienen, aber bereits 1932 in Druck gegangen . . . 1943 habe ich in der Festschrift für Karl Alexander von Müller einen Aufsatz ,Geschichte und Rasse' veröffentlicht, der am Beispiel der deutschen Geschichte im Zeitalter der Glaubenskämpfe nachweist, dass für diesen Zeitraum mit dem Rassebegriff eigentlich nichts anzufangen ist . . . Diese Auseinandersetzung mit dem Rassebegriff war für mich eine Art Selbstbehauptung der Wissenschaft, aber, das möchte ich, um einen falschen Eindruck zu vermeiden, auch sagen, keine Sache des Widerstandes." Ebd., S. 106 f.
28.
R. Wittram (Anm. 24), S. 278.
29.
"Noch weiter traute sich das Ministerium heraus, als 1943 eine Einladung aus der Türkei zu akademischen Vorträgen an mich gelangte; ich wurde vom Reichsministerium geradezu gedrängt, ihr zu folgen, und mir wurde bereitwillig Reisekostenersatz angeboten. Wer hinter diesen Dingen steckte, habe ich nie erfahren; sehr wahrscheinlich ist mir aber, dass die mir befreundeten Legationsräte im Auswärtigen Amt von Haeften und Trott zu Solz, die beide nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 als ,Hochverräter' gehängt worden sind, ihre Hand im Spiel hatten; sie haben mir auch die Möglichkeit verschafft, mit dem Kurierflugzeug nach Stambul zurück zu reisen. Sie betrachteten mich als repräsentativen Vertreter jenes Teils der deutschen Geistigkeit, der im geheimen den Kampf gegen den Ungeist der Nazis führte." Gerhard Ritter, Der Professor im "Dritten Reich", in: Die Gegenwart, 4. 12. 1945, S. 23-26, hier S. 23.
30.
Ungedr. Ms., BArch Koblenz, NL. Ritter, 470. Der Vortrag ging in Ritters 1948 publiziertes Buch "Europa und die deutsche Frage" ein.
31.
Gerhard Ritter an Otto Heinrich von der Gablentz, 25. 5. 1944, in: Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker (Anm. 10), S. 382.
32.
Ebd., Anm. 2. Auch die NSDAP-Ortsgruppenleiter, bei denen Ritter sich nach Ankunft in Ankara und Istanbul vorstellte, kannten ihn natürlich als den Historiker, der seine jüngste Arbeit über "Machtstaat und Utopie" von 1940 selbst als Frucht einer erregenden Gegenwart verstanden wissen wollte, wie er im Vorwort vorausschickte: "Im übrigen brauche ich nicht erst noch zu sagen, wie sehr die Schau dieser Dinge durch das Miterleben ungeheuer erregender Zeitereignisse mitbestimmt wurde. Diese Schrift ist nicht zufällig mitten im Kriege und dicht hinter der Front unseres Westwalles entstanden. Den verantwortungsbewusßten Ernst und die strenge Sachlichkeit ihrer Forschung hat das, wie ich hoffe, nicht beeinträchtigt, sondern eher noch gesteigert." Gerhard Ritter, Machtstaat und Utopie. Vom Streit um die Dämonie der Macht seit Machiavelli und Morus, München-Berlin 1940, S. 4.
33.
K. A. von Müller (Anm. 19), S. 108.
34.
Wolfram Fischer-Rosenthal, Schweigen - Rechtfertigen - Umschreiben. Biographische Arbeit im Umgang mit deutschen Vergangenheiten, in: ders./Peter Alheit (Hrsg.), Biographien in Deutschland. Soziologische Rekonstruktionen gelebter Gesellschaftsgeschichte, Opladen 1995, S. 43-86, hier S. 79.
35.
Siegfried A. Kaehler an Frances Magnus von Hausen, 7. 3. 1951, in: S. Kaehler (Anm. 7), S. 376 f.