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26.5.2002 | Von:
Martin Sabrow

Die Ohnmacht der Objektivierung Deutsche Historiker und ihre Umbruchserinnerungen nach 1945 und nach 1989

IV. Beherrschte und selbstbeherrschte Erinnerung in der DDR

Ein fundamental anderes Bild der Vergangenheit zeichneten Fachkollegen, die ihre zeithistorischen Erinnerungen als Kommunisten in Ostdeutschland zu Papier brachten. Der normative Geschlossenheitsanspruch der DDR-Geschichtswissenschaft mochte keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Lebens- und Parteigeschichte gestatten und schuf so den Typus einer gleichsam kollektivierten Erinnerung, die den Doppelanspruch einer Übereinstimmung von historischer Objektivität und gelebter Authentizität erhob. Diese Konstellation schuf in der DDR-Historiographie eine eigene Gattung, das "Erinnerungs-Archiv" der SED-Vergangenheitsverwaltung, das persönliche Zeugnisse aus der Kampfzeit der Arbeiterbewegung als Vorbereitung für eine geplante Gesamtdarstellung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung sammelte [36] .

Dieses "Erinnerungs-Archiv" fungierte als institutionalisiertes Parteigedächtnis, das seinen authentischen Erlebnisgehalt wahrte und doch frei war von "subjektvistischen Entstellungen". Interne Richtlinien legten fest, dass es bei der Aufnahme von Erinnerungen als geschichtliches Quellenmaterial auf eine "Schilderung der Ereignisse an(komme), wie sie dem Teilnehmer im Gedächtnis haften geblieben sind, und nicht, wie sie den vorhandenen Dokumenten entnommen wurden" [37] . Auch sollten die Befragten nach einem orientierenden Vorgespräch ihre Erinnerungen unbedingt selbst zu Papier bringen, um die Authentizität des Festgehaltenen nicht zu gefährden. Auf der anderen Seite wurden die nach ihrer Nähe zu "führenden Genossen" in der Weimarer und in der NS-Zeit ausgewählten Zeitzeugen sorgfältig überprüft, bevor sie ihre Aussagen nach einem detailliert ausgearbeiteten Fragenkatalog abgeben konnten, der zuvor vom Sektorleiter des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (IML) bestätigt werden musste. Die so gesammelten Lebenszeugnisse wurden anschließend vom parteiideologisch geschulten Kräften nach den Kategorien "allgemein zugängliches, vertrauliches oder gesperrtes Material" klassifiziert, was besonders dann zum Tragen kam, "wenn das Material voller Fehler ist und deshalb Verwirrung stiften kann" [38] .

In dieser ,Reinigungsprozedur' treten die Formungskräfte einer beherrschten Erinnerung zutage. Eine besondere Verantwortung kam in der Arbeit am ,sozialistischen Gedächtnis' den sozusagen selbstbeherrschten Erinnerungen zu, in denen die Rollen des beteiligten Zeitzeugen und des fachlich geschulten Historikers - und manchmal auch des verantwortlichen Politikers - zusammenflossen. Dennoch waren selbst die Homogenisierungszwänge eines gleichsam kollektivierten Gedächtnisses nicht stark genug, um unterschiedliche Deutungen desselben Geschehens zu verhindern. In den Beratungen zur Schaffung einer ,sozialistischen Meistererzählung' in Gestalt der achtbändigen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, an denen neben Ulbricht selbst auch weitere Zeitgeschichtszeugen teilnahmen, wurden immer wieder individuelle Erfahrungen mobilisiert, um widersprechende Einschätzungen zu Protokoll zu geben, wie dies etwa ein zu den Beratungen hinzugegezogener Altkommunist demonstrierte, als er mit der Autorität eines Mitbegründers des Spartakusbundes die Rolle der Arbeiter-jugend in der Novemberrevolution stärker gewürdigt wissen wollte: "Ihr könnt beschließen was Ihr wollt, aber diese Darstellung, die 1958 durch die Presse ging, ist durch die Partei und durch die Wirklichkeit autorisiert." [39]

Nur in der Person Ulbrichts freilich kamen eigene Erfahrung und historische Erkenntnis so weit zur Deckung, dass die Einlassungen des Parteichefs als Vorsitzender des Autorenkollektivs gleichsam einen weiteren Erinnerungstypus konstituierten, nämlich den der beherrschenden Erinnerung, die korrigierend in den historischen Ablauf selbst eingriff. Ein Beispiel bietet hier die Arbeit des Pariser Volksfrontausschusses, in dem Heinrich Mann die demokratische Dichtung repräsentierte und Ulbricht die Moskauer Linie der KPD. Der im Juni 1936 konstituierte Ausschuss verabschiedete im Dezember desselben Jahres einen gemeinsamen Aufruf an das deutsche Volk zur politischen Neugestaltung nach dem Sturz Hitlers, der in die Beratungen des Autorenkollektivs folgendermaßen Eingang fand: "Auf der Seite 197", so eröffnete Ulbricht seine Kritik, "ist das berühmte Dokument vom 21. Dezember. Was die Unterschriften betrifft, so beginnen sie mit den Kommunisten, dann kommen Sozialdemokraten und dann nach hierarchischer Ordnung die Intelligenz. Ich kann jetzt nicht genau sagen, wie die Reihenfolge der Unterschriften wirklich war." Daraufhin unterbrach der zuständige Bandautor mit einem Verweis auf die Quellen: "Sie waren in derselben Reihenfolge!", was Ulbricht zu der interessanten Replik veranlasste: "Dann haben wir einen Fehler gemacht. Ich würde die Sache anders machen. Ich würde hier sagen: Dieser Aufruf war gemeinschaftlich von Heinrich Mann, Wilhelm Pieck, Rudolf Breitscheid, Walter Ulbricht, Johannes R. Becher, Alfred Meusel vorbereitet worden - damit hier die Kommunisten nicht sozusagen allein stehen." [40] Der endgültige Text versuchte die Balance zwischen realem Geschehen und autoritativer Erinnerung zu halten, indem er erst Becher, Breitscheid und Mann nannte und am Schluss die beiden Kommunisten Pieck und Ulbricht [41] .

Einen interessanten Sonderfall als Grenzgänger zwischen westlichem und östlichem Geschichtsdenken bilden die 1981 in der DDR erschienenen Lebenszeugnisse Eduard Winters. Als "bürgerlicher-demokratischer" Osteuropahistoriker, der sich aus freien Stücken für die sozialistische Geschichtswissenschaft entschieden hatte und von Prag über Wien nach Halle gekommen war, genoss er in der DDR eine gewisse Sonderstellung, ohne sich freilich den herrschenden Blickachsen auf die Vorgeschichte des sozialistischen Teilstaates entziehen zu können. Als er 1981 seine Erinnerungen vorlegte, vermochte er zwar den DDR-Teil seiner Biographie mit Hinweis auf einen - zu DDR-Zeiten nie erschienenen - Fortsetzungsband [42] auszuklammern, nicht aber die Jahre zwischen 1933 und 1945, denen er im Gegenteil nahezu die Hälfte seines Lebensberichtes widmete. In ihm schildert er sein Leben "Unter dem Hakenkreuz" als "Wagnis über dem Abgrund" und nicht abreißende Kette von Schwierigkeiten, die in rückblickender Perspektive auch durch seine Habilitation 1935 und die Berufung auf eine Professur für Geistesgeschichte in Prag 1941 nicht gemildert wurden [43] .

Fußnoten

36.
Zum Folgenden vgl. Beate Viemeisel, Das Erinnerungsarchiv. Lebenszeugnisse als Quellengruppe im Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, in: Martin Sabrow (Hrsg.), Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 117-144.
37.
Zit. nach ebd., S. 122.
38.
Zit. nach ebd., S. 125.
39.
SAPMO BArch, DY 30, IV A 2/2.024/58, Stenografische Niederschrift der Beratung des Autorenkollektivs zur Ausarbeitung der drei dreibändigen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im Hause des ZK der SED, Sitzungssaal des Politbüros, am 12./13. November 1964, Äußerung Fritz Globig, Bl. 98.
40.
SAPMO BArch, DY 30, IV A 2/2.024/59, Stenografische Niederschrift der Beratung der Arbeitsgruppe zur Ausarbeitung der dreibändigen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im Hause des ZK der SED, Sitzungssaal des Politbüros, am 4. 2. 1965, Äußerung Walter Ulbricht, Bl. 65 f.
41.
Vgl. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in acht Bänden, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Berlin (O) 1966, Bd. 5, S. 176.
42.
Er wurde nach dem Untergang der DDR unter dem Titel "Erinnerungen (1945-1976)" von Gerhard Oberkofler herausgegeben (Frankfurt a. M. 1994). Das im Nachlass liegende Manuskript Winters, das den Weg in die Wende infolge des Todes seines Autors nicht hatte mitmachen können, trägt hingegen ungeachtet der Versicherung des Herausgebers, an "dem von Eduard Winter mir anvertrauten Manuskript ... keine Änderungen vorgenommen" zu haben, noch den weit weniger neutralen Titel "Erfüllung in der deutschen demokratischen Republik" (sic!). Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Nl Winter.
43.
"In Prag gab es für mich in der Universität und im Institut nur Chosen. So nannte ich meine speziellen Schwierigkeiten. Es braute sich hier immer wieder etwas gegen mich zusammen . . . Die Gefahr konnte ich damals freilich nur ahnen. Ich hatte das Gefühl, über brüchiges Eis zu schreiten, das in allen Fugen kracht. Jeder weitere Schritt konnte den Untergang bringen." Die Viktimisierung durch Verdrängung konnte Winter in der DDR so weit treiben, dass in seinen Worten selbst die ihn nach 1945 besonders belastende Mitarbeit in der Heydrich-Stiftung als ein Akt staatlicher Verfolgung erschien: "In der ,Reichsstiftung für wissenschaftliche Forschung', die nach dem Tode Heydrichs dessen Namen erhielt, glaubte man mich sicher verwahrt." Eduard Winter, Mein Leben im Dienst des Völkerverständnisses. Nach Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Dokumenten und Erinnerungen, Bd. 1, Berlin 1981, S. 134 f.