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26.5.2002 | Von:
Ulrich Grober

Die Idee der Nachhaltigkeit als zivilisatorischer Entwurf

"Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden"

Goethe hat uns ein wunderbares Sinnbild für Nachhaltigkeit geschenkt: "Gebackenes Brot (ist) schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, und die Saatfrüche sollen nicht vermahlen werden." [4] Die Formel "sustainable development" ist zwar neu, aber die Substanz dieses Denkens ist uralt und global verbreitet - ein Weltkulturerbe. Die Bäuerinnen der Sahel-Zone, die den Lederbeutel mit dem Saatgut für das nächste Jahr verstecken und noch mit letzter Kraft vor hungrigen Mäulern schützen, befolgen diese Erfahrung ebenso wie die Walfänger von Kamtschatka, denen die Einhaltung der Schonzeiten eine Überlebensregel war und ist. Die 5000-jährigen Terrassen-Kulturen Chinas dokumentieren dieses Denken ebenso wie das Gebot der Genesis, die Erde zu bebauen und zu bewahren.

Die Idee, die Erfahrung ist alt, der Begriff der Nachhaltigkeit relativ jung. Der kursächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der ihn 1713 prägte, reagierte damit auf die Ressourcenkrise seiner Zeit, den Holzmangel. Beeinflusst hatten ihn die Traditionen pfleglicher Waldnutzung im heimatlichen Erzgebirge, einem Silicon Valley des barocken Europa. Inspiriert aber war er von seiner mehrjährigen grand tour durch die Zentren der europäischen Frühaufklärung. Er war in Frankreich, als gerade Colbert die Idee von "bon usage de la nature" in seine merkantilistische Wirtschaftspolitik einfließen ließ; in England, wo John Evelyn, Mitbegründer der Royal Society, das Pflanzen von Bäumen zu einer nationalen Leidenschaft machte, und in den Niederlanden, wo Baruch Spinoza, der holländisch-jüdische Philosoph und Linsenschleifer, die Identität von Natur und Gott behauptete und daraus den Respekt vor der Natur ableitete [5] . Alle diese Ideen kann man getrost zur "Seele Europas" (ein Ausdruck von Romano Prodi) rechnen.

Novalis, Dichter der blauen Blume und montanindustrieller Jung-Manager, schrieb zwei Generationen nach Carlowitz 1798 in seinem "Blüthenstaub"-Fragment: "Allen Geschlechtern gehört die Erde; jeder hat Anspruch auf alles. Die Frühen dürfen diesem Primogeniturzufalle keinen Vorzug verdanken." [6] Das klingt beinahe wie Sätze aus dem Brundtland-Bericht der UNO. Vielleicht sogar klarer, weniger diplomatisch, radikaler?

Fußnoten

4.
Vgl. den "Lehrbrief" in Buch 7, Kapitel 9 von "Wilhelm Meisters Lehrjahre".
5.
Vgl. Ulrich Grober, Der Erfinder der Nachhaltigkeit, in: Die Zeit, Nr. 48 vom 25. 11. 1999.
6.
Novalis, Schriften, Zweiter Band, hrsg. von Paul Kluckhohn und Richard Samuel, Darmstadt 1965, S. 417.