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26.5.2002 | Von:
Joachim H. Spangenberg
Sylvia Lorek

Sozio-ökonomische Aspekte nachhaltigkeits-
orientierten Konsumwandels

II. Nachhaltiger Konsum - Was ist das?

Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltverträglichkeit: Sie beinhaltet neben der aus gutem Grund viel zitierten ökologischen Dimension auch eine soziale (die Sicherung des Zusammenhalts der Gesellschaft im weitesten Sinne), eine ökonomische (die Sicherung der wirtschaftlichen Funktionsfähigkeit als Grundlage der Bedürfnisbefriedigung) sowie eine institutionelle Dimension (nicht nur die Gestaltung der gesellschaftlichen Organisationen, sondern auch die nicht formaler Institutionen wie Gewohnheiten, Wertvorstellungen etc.) [4] . In allen vier Dimensionen lassen sich Oberziele formulieren, die zwar keine detaillierten Handlungsanweisungen bieten können und sollen, wohl aber Richtungsangaben hin zu mehr Nachhaltigkeit. Es handelt sich also um ein normatives Konzept, d. h. eines, in dem von gesellschaftlich zu definierenden Zielen auf die anzuwendenden Maßnahmen geschlossen wird. Mit anderen Worten: Es gibt nicht das Nachhaltigkeitsmodell, aber eine gemeinsame Richtung für viele verschiedene Kulturen und Lebensstile hin zu einer nachhaltigen Entwicklung. Gerade diese Diversität der strategischen Ansätze wie der Umsetzungsformen erfordert einerseits Prioritätensetzungen und andererseits die Fähigkeit, mit Widersprüchen leben zu können - auch das gehört zu nachhaltigen Lebensstilen.

Konsum, hier verstanden als Konsum der Haushalte [5] , ist zunächst dann nachhaltig, wenn er dazu beiträgt, die oben genannten komplexen Ziele umzusetzen, so weit dies in der Macht der Haushalte und ihrer Entscheidungen steht. Nachhaltiger Konsum ist also umweltbewusst, sozialverträglich, wirtschaftlich und partizipativ.

Diese sehr breit gefasste, eher ungewöhnliche Definition von nachhaltigem Konsum mag zunächst verwirren - sie entspricht aber der Nachhaltigkeitsdefinition, wie sie von den Vereinten Nationen verwandt wird. Nachhaltiger Konsum ist ein ständiger Optimierungsprozess, der auf individueller Abwägung beruht und unterschiedliche Präferenzen und Konsummuster beinhaltet.

Für eine derartige Optimierung sind die Konsumentinnen und Konsumenten jedoch auf umfassende, produktbezogene Informationen angewiesen, die ihnen erlauben, ihre nachhaltigkeitsrelevanten Prioritäten in Konsumentscheidungen umzusetzen. Dabei ergeben sich drei Grundsatzprobleme:

1. Die verfügbaren relevanten Informationen sind im Umweltbereich recht ausführlich, für die soziale Dimension sporadisch und darüber hinaus fast nicht vorhanden. Der weitere Schwerpunkt dieses Beitrags liegt demgemäss auf der Umweltrelevanz des Konsums.

2. Konsumentscheidungen werden produktspezifisch getroffen, sodass viele der verfügbaren, aber nicht produkt- oder verhaltensspezifischen Umweltinformationen nicht anwendbar sind. Ökologische Konsumindikatoren können diese Lücke zumindest teilweise schließen.

3. Die Entscheidungskompetenz der Haushalte ist beschränkt. Sie können zwar durch ihre Nachfrage nach umwelt- und sozialverträglich hergestellten Produkten und Dienstleistungen deren Marktposition stärken, sind jedoch immer nur einer von mehreren beteiligten Entscheidungsträgern. Akteursmatrizen für die einzelnen Schlüsselindikatoren verdeutlichen dies.

Fußnoten

4.
Vgl. die Erklärung von Rio und die Agendia 21, in: Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.), Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro - Dokumente, Reihe Umweltpolitik, Bonn 1992.
5.
Während im englischen Sprachraum "consumption" in der Regel den gesamten Verbrauch der Volkswirtschaft bezeichnet/und "household consumption" davon abgegrenzt wird, folgen wir hier dem deutschen (und analog dem skandinavischen) Sprachgebrauch, der unter Konsum den Konsum der Haushalte versteht. Zum internationalen Sprachgebrauch vgl. United Nations Department of Economic and Social Affairs (UNDESA), Measuring Changes in Consumption and Production Patterns. A Set of Indicators, New York 1998.