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26.5.2002 | Von:
Joachim H. Spangenberg
Sylvia Lorek

Sozio-ökonomische Aspekte nachhaltigkeits-
orientierten Konsumwandels

III. Ökologischer Konsum - Was können Haushalte tun?

Nahezu alles, was Menschen in ihrem Alltagsablauf an Gütern oder Dienstleistungen kaufen, hat Auswirkungen auf die Umwelt. Diese Auswirkungen beginnen bei der Herstellung von Produkten, fallen während des Gebrauchs an und wirken mitunter noch lange Zeit, nachdem ein Produkt seinen Nutzen verloren hat. Wie aber ist die Umweltrelevanz des Konsums zu fassen, jenseits von Einzelbeispielen? Welche Umweltfolgen sind den Konsumenten zuzurechnen, welche den übrigen wirtschaftlichen Akteuren?

Die volkswirtschaftliche Statistik folgt dem Postulat, dass die Herstellung von Produkten und Dienstleistungen der Befriedigung der Endnachfrage in einer Volkswirtschaft dient. Dieser wird zugerechnet, was von der Volkswirtschaft an Ressourcen verbraucht und an Schadstoffen freigesetzt wird. Lediglich der Export lässt sich nicht auf die inländische Bevölkerung umrechnen. Die Wirtschaft taucht in dieser Sichtweise nicht als eigenständiger Verursacher auf. Als Konsequenz werden in dieser spezifischen Form der Input-Output-Analyse weit über 80 Prozent des gesamten Umweltverbrauchs den privaten Haushalten zugerechnet. Dabei handelt es sich jedoch um ein statistisches Maß, das nichts über die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten des Akteurs Haushalte aussagt und dies auch nicht reklamiert. Da aber gerade die möglichen Handlungspotentiale Gegenstand des öffentlichen Interesses sind, können Zahlen von 80 Prozent und mehr zu politisch relevanten Missverständnissen führen und bedürfen der Relativierung durch eine akteursbezogene Betrachtung.

Alternativ zum volkswirtschaftlichen wird häufig ein hauswirtschaftlicher Referenzrahmen genutzt, der das Alltagsverhalten privater Haushalte in den Vordergrund der Betrachtungen stellt und in etwa das Feld der Haushaltsumweltberatung widerspiegelt. Für einen solchen Bemessungsrahmen spricht das Interesse der Haushalte an erfahrbaren und möglichst direkt im Haushalt quantitativ erfassbaren Größen von Umweltverbrauch, die ihnen eine konkrete Handlungsorientierung geben können. Zu dem bewusst wahrnehmbaren Umwelteinfluss, den Haushalte über ihren Energie-, Strom- und Wasserverbrauch in ihrem Haushalt nehmen können, kommt der finanzielle Vorteil, den eine Verbrauchsreduktion in diesen Bereichen mit sich bringt: Die wirtschaftlich attraktiven Einsparmöglichkeiten sind in der Regel ökologisch sinnvoll, wenn auch mangels der Erfassung indirekter Effekte die Umweltentlastung nicht quantifizierbar ist. Im Vergleich zum volkswirtschaftlichen bietet der hauswirtschaftliche Erfassungsrahmen also eher handlungsorientierende Hinweise, ohne dass diese jedoch quantitativ unterlegt sind und so Prioritäten begründen könnten.

Weder der volks- noch der hauswirtschaftliche Rahmen sind in der Lage, ökologische Handlungsprioritäten für den Akteur Haushalte quantitativ darzustellen. Notwendig ist statt dessen eine Methodik, deren Nutzung es den Haushalten ermöglicht, ihren hauswirtschaftlichen Handlungsspielraum zur Reduzierung des volkswirtschaftlichen Umweltverbrauchs optimal auszuschöpfen.

Umweltverbrauch setzt sich für jedes Konsumgut aus verschiedensten Nutzungen und Beeinflussungen der Umwelt durch den Menschen zusammen. Da die ökologischen Probleme vielfältig sind, und da Problemsubstanzen unterschiedliche Wirkungen haben können, da ferner die unterschiedlichen umweltbelastenden Substanzen miteinander interagieren können, ist eine vollständige Beschreibung extrem aufwändig. Alle diese Belastungen zu einem Belastungsindex zu aggregieren ist zwar möglich [6] , bedarf aber der Definition von Gewichtungsfaktoren, die als Relevanzkriterien wertgebunden sind und nur aufgrund subjektiver Einschätzung, nicht aber auf Basis wissenschaftlicher Tatsachen definiert werden können. Angaben über Flächenverbrauch im Wohnungsbau und Schwermetallbelastung im Abwasser haben kein gemeinsames Maß und lassen sich deshalb nicht aggregieren. Ökonomen haben als gemeinsames Maß die geldliche Bewertung vorgeschlagen, messen damit aber eher die politisch durchaus relevante gesellschaftliche Reaktion auf ökologische Sachverhalte denn diese selbst.

Ökologisierung des Konsums bezieht sich auf die objektive Belastung der Umwelt, integriert über alle Belastungskategorien. Geht man davon aus, dass auch zukünftig die Nutzung gesundheits- und umweltschädlicher Einzelstoffe kurzfristig rechtlich geregelt werden muss, so ist die Verringerung der Grundbelastung die Langfristaufgabe nachhaltigen Konsums. Um potentielle Schäden der Umwelt - und damit auch Belastungen des Menschen - möglichst gering zu halten, bietet es sich an, bereits durch die Verringerung des Umweltverbrauchs auf der Input-Seite die Gesamtbelastungen, und so auch die Gefährdungen auf der Output-Seite, zu verringern. Dementsprechend wird zur Bewertung und Messung von Umweltbelastung zunehmend der Ressourcenverbrauch herangezogen [7] .

Jede menschliche Aktivität benötigt Materialien zu ihrer Konkretisierung, Energie zu ihrer Durchführung sowie einen Ort, an dem sie stattfinden kann, als so genannte Schlüsselressourcen. Dabei ist unübersehbar, dass eine spezifische Belastung der Umwelt sich nicht notwendigerweise proportional zum Ressourcenverbrauch - ausgedrückt als Energie- und Materialverbrauch sowie Flächennutzungsintensität - entwickelt. Trotzdem gilt, dass Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch gleichsinnig erfolgt, d.h., ein höherer Energieverbrauch, mehr Flächenbelastung oder größere Stoffströme führen zu höheren Umweltschäden. Diese lassen sich durch Ressourcenverbrauchserfassung nicht messen, wohl aber in ihrer Dynamik charakterisieren [8] . Im Umkehrschluss heißt das, dass eine systematische Reduktion des Ressourcenverbrauchs sich auf eine Vielzahl von konkreten Umweltproblemen entlastend auswirken würde [9] .

Für die Erfassung der Umweltwirkungen des Konsums stellen sich nun zwei Hauptfragen:

1. Welche Lebensbereiche haben in der gesamtgesellschaftlichen Betrachtung einen signifikanten Anteil am Umweltverbrauch?

2. Welches sind die Lebensbereiche (Bedarfsfelder), in denen die Haushalte überhaupt einen nennenswerten Einfluss auf den Umweltverbrauch haben?

Der mögliche Einfluss der Haushalte auf den Umweltverbrauch ist in unterschiedlichen Konsumbereichen verschieden groß, sodass es für eine Analyse des Umweltverbrauchs privater Haushalte geboten erscheint, diese getrennt zu betrachten. Folgende Bedarfsfelder decken dabei den umweltrelevanten Konsum der Haushalte ab [10] :

Bauen und Wohnen, Ernährung, Freizeit, Gesundheit, Bekleidung, Waschen und Reinigen, Hygiene, Bildung, Mobilität sowie gesellschaftliches Zusammenleben.

Die Bereiche Bildung, Gesundheit, Sicherheit im gesellschaftlichen Zusammenleben etc. stellen zwar relevante Konsumbereiche dar, sind aber in der Regel Staatskonsum und nicht Haushaltskonsum. Textilien, Waschen und Reinigen machen zusammen unter zehn Prozent der gesamten Stoff- und drei Prozent der Energieverbräuche aus, Gesundheit (fünf Prozent), Hygiene und Körperpflege (zwei Prozent) liegen noch niedriger - die resultierenden Einsparpotentiale liegen also im Bereich von wenigen Prozenten. In dieser Hinsicht können die letztgenannten Konsumbereiche als ökologisch und politisch weniger zentral betrachtet werden, auch wenn Bereiche wie Kleidung wegen ihres lebensqualitäts- und statusprägenden Charakters eine wichtige symbolische Bedeutung aufweisen. So ist z.B. die unter Umweltfreunden/innen verbreitete Haltung, Mode abzulehnen und auf Second-Hand-Textilien zu setzen, eine durchaus legitime und wichtige Frage von Lebensstilpräferenzen, aber kaum eine ökologisch ausschlaggebende Entscheidung.

Soweit der direkte und indirekte Umweltverbrauch durch die privaten Haushalte beeinflussbar ist [11] , geschieht dies also zu überwiegenden Teilen durch nur drei Konsumbereiche:

1. Bauen und Wohnen, einschließlich Renovieren, Umbauen, Heizen;

2. Mobilität, einschließlich Freizeit und Reisen;

3. Ernährung (einschließlich Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln, ohne Kochen/Kühlen).

Um hauswirtschaftliche Handlungsmöglichkeiten in diesen aus volkswirtschaftlicher Sicht dominanten Bedarfsfeldern aufzuzeigen, sind die quantitativ wichtigsten Verursachungsdynamiken in jedem dieser Felder und darauf bezogen wenige zentrale Handlungsoptionen zu identifizieren. Zugespitzt können diese mittels Indikatoren kommuniziert und die Umsetzungserfolge mit denselben Indikatoren überwacht werden [12] . So wurden für das größte Bedarfsfeld Bauen und Wohnen die in der Übersicht genannten Indikatoren entwickelt, die jeweils ein Handlungsfeld charakterisieren [13] . Damit ist konkretisiert worden, an welchen Handlungsfeldern Haushalte als relevante Akteure teilhaben, jedoch bleibt zu verdeutlichen, in welches Akteursgeflecht sie eingebunden sind. Dies kann auf der Basis von Ad-hoc-Bewertungen in Form von Akteursmatrizen für jedes der drei prioritären Bedarfsfelder spezifiziert werden, wie für das Beispiel Bauen und Wohnen veranschaulicht wird [14] .

Mit Hilfe einer derartigen Darstellung werden die wichtigsten Handlungsfelder ebenso direkt offensichtlich wie die in jede Politikformulierung einzubeziehenden Akteure. So kann eine Indikatoren- und Akteursmatrix zur Integration der Bedingungen nachhaltigen Konsums in eine gesamtgesellschaftliche Transformationsstrategie zu einer dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung genutzt werden.

Fußnoten

6.
Vgl. European Statistical Office, The Environmental Pressure Index Programme, Luxemburg 1999.
7.
Es ist unbestritten, dass Gefahrstoffe auch weiterhin der rechtlichen Regulierung bedürfen, also eher durch staatliches Handeln denn durch das der Haushalte adäquat erfasst werden. Trotzdem trägt eine Reduzierung des Ressourcenverbrauchs auch in diesen Fällen zur Problementschärfung bei, denn eine geringere Quantität eines bedenklichen Stoffes birgt ein geringeres Schadpotential. Im besten Fall kann eine in Folge der Verringerung des Durchsatzes der Wirtschaft ebenfalls verringerte Freisetzungsmenge eines Schadstoffes sogar unter die Wirksamkeitsschwelle fallen.
8.
Zur Methodik vgl. Sylvia Lorek / Joachim H. Spangenberg / Christoph Felten, Prioritäten, Tendenzen und Indikatoren umweltrelevanten Konsumverhaltens / Endbericht des Teilprojekts 3 des Demonstrationsvorhabens zur Fundierung und Evaluierung nachhaltiger Konsummuster und Verhaltensstile, Forschungs- und Entwicklungsvorhaben des Umweltbundesamtes (UBA FE Vorhaben) 209 01 216/03, Wuppertal 1999.
9.
Vgl. Friedrich Schmidt-Bleek / Stefan Bringezu / Friedrich Hinterberger / Christa Liedtke / Joachim H. Spangenberg / Hartmut Stiller / Jolanta M. Welfens, Einführung in die Materialintensitätsanalyse nach dem MIPS-Konzept, Basel u.a 1998. Joachim H. Spangenberg / Aldo Femia / Friedrich Hinterberger / Helmut Schütz, Material Flow-based Indicators in Environmental Reporting, European Environment Agency (EEA), Environmental Issues Series, Nr. 14, Luxemburg 1999; Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung / Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie / Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Arbeit und Ökologie, Projektabschlussbericht, Düsseldorf 2000.
10.
Vgl. BUND/Misereor (Hrsg.), Zukunftsfähiges Deutschland, Basel-Berlin 1996.
11.
Zu Daten für Deutschland vgl. S. Lorek, / J. H. Spangenberg / C. Felten (Anm. 8), Anhänge.
12.
Vgl. ebd.
13.
Vgl. Sylvia Lorek / Joachim H. Spangenberg, Indicators for environmentally sustainable household consumption, in: International Journal of Sustainable Development, 4 (2001) 1, S. 1-23. Vgl. auch die Nachhaltigkeitsindikatoren der britischen Regierung für den Bausektor: KPI = Key Performance Indicators Working Group, KPI Report for The Minister for Construction, Department of the Environment, Transport and the Regions, London 2000.
14.
Quelle: S. Lorek/J. H. Spangenberg/C. Felten (Anm. 8), S. 35.