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26.5.2002 | Von:
Joachim H. Spangenberg
Sylvia Lorek

Sozio-ökonomische Aspekte nachhaltigkeits-
orientierten Konsumwandels

IV. Konsumwandel als Beitrag zu einer integrierten nachhaltigen Entwicklung

Möglichkeiten eines nachhaltigkeitsorientierten Konsumwandels werden häufig diskutiert, ohne die parallelen Veränderungen in anderen Lebenssphären - insbesondere im Produktionsbereich - ins Auge zu fassen. Eine derartige Sichtweise, welche die größeren Zusammenhänge nicht ausreichend berücksichtigt, kann jedoch nicht überzeugen - Konsumnormen bilden sich nicht nur in Haushalten, sondern sie stellen gesellschaftliche Phänomene dar. Erstmalig für Deutschland hat die Studie "Arbeit und Ökologie" in einem transdisziplinären Forschungsprojekt Szenarien nachhaltiger Entwicklung entworfen und auf dieser Basis Handlungsfelder ermittelt, die sowohl aus sozial- wie wirtschafts- und umweltwissenschaftlicher Sicht von besonderer Bedeutung sind [15] . Der private Konsum ist eines dieser Handlungsfelder.

Die ökonomisch wirksamen Maßnahmen und die Ergebnisse ihrer Umsetzung wurden durch eine Modellierung mit dem ökonometrischen Modell Panta Rhei [16] veranschaulicht: Die in den Szenarien entwickelten Politikansätze wurden zu Strategiebündeln zusammengefasst, die - bei unterschiedlicher Ausgestaltung im Einzelnen - sowohl aus ökologischer wie aus ökonomischer und arbeitswissenschaftlich-soziologischer Sicht strategische Handlungsfelder darstellen. Diese Priorisierung beruht also auf einem wesentlich weiteren Kriterienraster als die des ökologischen Konsums; es entspricht weitgehend der eingangs ausgeführten Definition nachhaltiger Entwicklung.

Fünf solcher strategischen Handlungsfelder konnten identifiziert werden. Zu jedem dieser Felder gehören eine Anzahl von Schlüsselstrategien, die für eine umfassende sozial-ökologische Reform unverzichtbar sind, bei denen jedoch erhebliche Freiheitsgrade in der konkreten politischen Ausgestaltung bestehen. Die zentralen Handlungsfelder sind

- die ökologische Gestaltung des Strukturwandels durch fiskalische Instrumente und Information;

- die soziale Gestaltung des Strukturwandels durch Stärkung der sozialen Sicherheit (soziale Grundsicherung), Abbau von Geschlechterdiskriminierungen, Qualifikationsmaßnahmen und eine Aufwertung der Nichterwerbsarbeit;

- Innovationsförderung durch Bildung, Forschung und Entwicklung, inner- und außerbetriebliche Partizipation, lernende Organisationen;

- Verkürzte Arbeitszeiten, die nicht nur Teilzeitstellen (auch für Männer) bietet, sondern auch eine Verkürzung der Regelarbeitszeit in Verbindung mit besseren Wahlmöglichkeiten und besserer Verbindbarkeit von Erwerbs- und Nichterwerbsarbeiten;

- Konsumwandel, der vor allem durch eine die ökologischen und sozialen Folgekosten mit ausdrückende Preisgestaltung sowie durch Kennzeichnung und Angebot von Alternativen zustande kommt.

Für eine derartige integrierte Nachhaltigkeitsstrategie reicht es nicht, sich auf ein Politikfeld (sei es Konsum oder ein anderes) oder sich auf einen eingeschränkten Instrumentensatz (z.B. Ökosteuern) allein zu verlassen. Statt dessen ist ein politischer und methodischer Pluralismus notwendig (aber auch möglich und lohnend), der die differenzierten Gruppen der Gesellschaft in geeigneter Weise anspricht.

Um Fortschritte im Sinne eines nachhaltigen Konsums zu erreichen, müssen die spezifischen Probleme der verschiedenen Adressatengruppen gezielt angegangen werden:

1. Für die "Handlungsbereiten" ist es notwendig, das gut erreichbare Angebot ökologisch (und soweit darstellbar sozial) optimierter Güter und Dienstleistungen zu ökonomisch adäquaten Preisen auszubauen, z.B. aktuell Lebensmittel aus ökologischem Landbau.

2. Für die "Zweifelnden" sind vor allem verlässliche Informationen wichtig, die als Grundlage für Konsumentscheidungen dienen können, wie z.B. durch standardisierte, nachhaltigkeitsbezogene und unabhängig kontrollierte Kennzeichnungen. Ein anderes Beispiel ist die Konsumentenberatung, die auf die Möglichkeit des Ersatzes von Gütern durch Dienstleistungen hinweist.

3. Die "Zögernden" können nicht rein argumentativ gewonnen werden (auch wenn Verbraucherbildung eine wichtige Rolle spielt). Hier müssen die Ergebnisse einer entsprechend ausgestalteten ökologischen Finanzreform dafür sorgen, dass sich das ökologisch Sinnvolle auch ökonomisch günstig darstellt.

Sind diese drei Bedingungen erfüllt, so kann schon kurz- bis mittelfristig mit einer stärkeren Ökologisierung des Konsums gerechnet werden.

Eine weitere Voraussetzung eines solchen Konsumwandels ist nicht nur das Vorhandensein von Informationen, sondern auch der Zugang zu ihnen (hier sind die Möglichkeiten der neuen Medien noch längst nicht ausgeschöpft) sowie die Zeit, sie zu verarbeiten und umzusetzen. Entspannung und Muße statt Freizeitstress sind Voraussetzung nicht nur für mehr Lebensqualität, sondern auch für nachhaltigen Konsum.

Fußnoten

15.
Vgl. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung u. a. (Anm. 10); Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.), Wege in eine nachhaltige Zukunft. Ergebnisse aus dem Verbundprojekt Arbeit und Ökologie, Düsseldorf 2000.
16.
Vgl. Bernd Meyer / Andreas Bockermann / Gerd Ewerhard / Carsten Lutz, Marktkonforme Umweltpolitik, Heidelberg 1999.