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26.5.2002 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

Die Ereignisse um die Studentenproteste des Jahres 1968 werfen ihre Schatten noch immer bis in die Gegenwart. Für die einen ist es ein magisches Jahr, für andere die Vorgeschichte zum Terrorismus.

Einleitung

Die Ereignisse um die Studentenproteste des Jahres 1968 werfen ihre Schatten noch immer bis in die Gegenwart. Für die einen ist es ein magisches Jahr, quasi der Beginn einer demokratischen Neugründung der Bundesrepublik nach der als restaurativ empfundenen Adenauer-Zeit, für andere die Abirrung vom erfolgreichen Weg eben dieser Ära, ja die Vorgeschichte zum Terrorismus. Beiden Einschätzungen haftet etwas Mythologisches an. Die jüngste Bundestagsdebatte um die Vergangenheit einiger Protagonisten der damaligen Zeit hat dies überdeutlich gemacht. Sie schwankte zwischen Verklärung und Denunziation, zwischen Normalisierung und Unversöhnlichkeit. Von einer einheitlichen Bewertung ist man noch weit entfernt. Mag die 68er-Bewegung mit ihren politischen Ideen, die zum Teil besser im Reich der Utopie aufgehoben gewesen wären, auch gescheitert sein, einige soziokulturelle Veränderungen, die sie in Gang gesetzt hat, können als revolutionär bezeichnet werden.

Trotz des Fortwirkens einiger Vorstellungen aus dieser Zeit ist "1968" Geschichte, wie Claus Leggewie in seinem Essay meint. Die heutige Rezeption müsse sowohl den in Gang gesetzten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungsprozess als auch den kulturellen Bruch, den 1968 darstellt und der zumal für die Jüngeren ein Akt der Befreiung war, berücksichtigen. Obgleich sich Geschichte nicht wiederholt, fragt der Autor, ob nicht in den heutigen Protesten der Globalisierungsgegner bereits wiederum der Nukleus für ein neues Projekt eines "anderen Lebens" liegt.

Dass das Klima für Veränderungen in den sechziger Jahren bereits gegeben war, ist eine These von Axel Schildt. Er beschreibt die gesellschaftlichen Tendenzen in den frühen sechziger Jahren und fragt nach der Wahrnehmung und den Motiven, die zu dem oppositionellen Aufbegehren geführt haben. Der Autor benennt auch einige Gründe für das Entstehen einer "Neuen Linken".

Die ideengeschichtliche und theoretische Fundierung der 68er-Bewegung beschreibt Wolfgang Kraushaar. Sie war für viele Beteiligten von großer Wichtigkeit, dessen ungeachtet mag der Autor nicht von "68er-Ideen" oder gar von einer "68er-Theorie" sprechen. Im Beitrag wird auch die Inkubationszeit der Bewegung von 1961 bis 1967 dargestellt. Spiritus Rector war in dieser Zeit u. a. Jürgen Habermas. Die sich anschließende Phase der Bewegung von 1967 bis 1969 war zugleich durch eine Fundamentalkritik der Außerparlamentarischen Opposition (APO) geprägt. Auf der politischen Ebene ist nach Meinung des Autors die antiautoritäre Bewegung völlig gescheitert. Ihr Zerfall habe für einen gewissen Zeitraum zur Dominanz leninistischer und maoistischer Gruppierungen geführt, die in dogmatischen Denkmodellen erstarrten und sich später auflösten.

Mit der Deutungshoheit der Ereignisse von 1968 in der gegenwärtigen Geschichtsdebatte setzt sich Edgar Wolfrum auseinander. Dabei greift er nicht nur auf historische Deutungsmuster zurück, sondern zieht auch politische, pädagogische und populäre hinzu. Allgemeinhin werde den Ereignissen von 1968 ein Doppelcharakter bescheinigt, die die Erforschung dieser Zeit erschwerten.

Für die Gesellschaft der DDR war das Jahr 1968 gleich im doppelten Sinne problematisch. Einerseits klopfte der "Bazillus der Revolte" vom Westen an die "Tür" der DDR, andererseits weckte der "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" in der Tschechoslowakei unter Jugendlichen große Hoffnungen, wie Stefan Wolle schreibt. Das DDR-Regime erstickte aber jeden schöpferischen Impuls und erwies sich letztendlich als reformunfähig.