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26.5.2002 | Von:
Edgar Wolfrum

"1968" in der gegenwärtigen deutschen Geschichtspolitik

"1968" wird derzeit zum Dreh- und Angelpunkt des geschichtspolitischen Kampfes um das Selbstverständnis der BRD. Die Frage, welche Deutungsmuster sich in der Öffentlichkeit durchsetzen, ist von großer Wichtigkeit.

I. Zwischen Mythos und Kulturkampf

Auch demokratische Gesellschaften besitzen ihre Mythen, wenn man darunter Erzählungen versteht, die Zusammenhalt stiften und über gesellschaftliche Teilgruppen hinweg eine Art fraglose Geltung im kollektiven Gedächtnis erlangen. Einer dieser Mythen der alten Bundesrepublik Deutschland betrifft das Jahr 1968. Diese Jahreszahl als Chiffre für die Studentenbewegung hat sich erst gegen Ende der achtziger Jahre durchgesetzt, zuvor existierten andere Benennungen. Mit dem populär gewordenen Begriff der "68er" ist nicht zuletzt eine Analogie zu den demokratischen Revolutionären von 1848, den "48ern", hergestellt worden. Der Mythos 1968 erlaubt es, die Geschichte der alten Bundesrepublik plausibel in zwei fast exakt gleich lange Phasen einzuteilen: Zwischen 1949 und 1989 lag 1968. Das Datum fungiert als eine Art Scharnier oder als eine Art Klimascheide zwischen zwei Epochen, die sich über weite Phasen auch parteipolitisch trennen ließen. Die Erzählung über 1968 lautet: Hier ist es zu einer zweiten Gründung, zu einer zivilen Nachgründung der bundesdeutschen Demokratie gekommen; war die Bundesrepublik zuvor lediglich eine formale Demokratie - manche meinten, ein angepasstes, ja sogar restauratives Land -, so war jetzt ein Zugewinn an Partizipation hinzugetreten. In den Unruhen bestand die Demokratie ihre Feuertaufe, und es gab einen Schub hin zu einer langfristigen Verwestlichung. Eine andere Auslegung der Ereignisse von 1968 hebt auf die Lebensstile und kulturellen Umgangsformen ab. Diese Version hat den Vorteil, dass nahezu alle - Befürworter wie auch Kritiker - sich in diesem Mythos auf die eine oder andere Weise wiederfinden können. So oder so: Die Legende einer zweiten "Stunde null" umrankt diese Jahreszahl.

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  • Zu den Jubiläen des Datums gab es regelmäßig Publikationsschübe [1] . Zeitzeugen meldeten sich als Erste zu Wort. Die Beteiligten fühlten (und fühlen) sich als Erbverwalter und rückten ihre eigenen Deutungen in den Vordergrund [2] . Natürlich war das Ereignis hart "umkämpft", '68 hatte tiefe Gräben aufgerissen. Dennoch: Zum 20. Jahrestag 1988, ein Jahr vor dem Ende der "alten" Bundesrepublik, rief das Datum alles in allem eher positive Konnotationen hervor. Die Bundesrepublik schien im sicheren Hafen der Demokratie angekommen, und man konnte sich versöhnliche Rückblicke leisten. Aber beim nächsten Jubiläum fünf Jahre später hatte sich alles verändert; nun wurde von einem "Kulturkampf gegen die Kulturrevolutionäre" gesprochen, der durch das Ende der kommunistischen Systeme und durch die Wiedervereinigung Deutschlands angeheizt worden war [3] .

    Seither rissen die kritischen Stimmen nicht mehr ab. Eine Folge des Epochenwandels von 1989/90 war, dass "linke" Strömungen und Zielsetzungen zum Teil dramatisch abgewertet wurden. Außerdem traten die Erblasten von 1968 in den Vordergrund, etwa die Autoritätsschwäche innerhalb der Gesellschaft und der Werteverfall. Als Folge von '68, so vermerkten zahlreiche Kritiker, ziehe die Gesellschaft keine klaren Grenzen und setze keine Maßstäbe mehr - so ließen sich Randale und Gewaltexzesse von Jugendlichen bis hin zu rechtsradikalen Ausschreitungen erklären. Heute, über dreißig Jahre nach 1968, scheint die deutsche Gesellschaft vor einer dritten "Vergangenheitsbewältigung" zu stehen. Deutschland mit seiner gebrochenen Geschichte habe die Vergangenheitsbewältigung zu einer "Staatsdoktrin" erhoben, meinte die Neue Zürcher Zeitung [4] . Nach den Tätern und Mitläufern des Nationalsozialismus und den in das SED-Regime und die Stasi verstrickten Ostdeutschen sind nun die 68er die dritte Gruppe, über deren Vergangenheit gestritten wird. '68 wird dabei zum Dreh- und Angelpunkt des politischen Kampfes um das Selbstverständnis der Republik. Mit dem Machtkampf um Vergangenheitsbilder soll gegenwärtiges und zukünftiges politisches Handeln legitimiert werden. Die Deutungshoheit über das Gestern verspricht die Macht für morgen, und deshalb war die Position des Siegers der Geschichte immer schon heftig umkämpft.

    Die (Re-)Konstruktion der Vergangenheit war nie ein Monopol der Geschichtswissenschaft, und sie ist es, wie sich zeigen wird, auch im Fall 1968 nicht. Daneben existieren populäre, pädagogische, triviale und vor allem politische Zugriffe, die im Folgenden im Mittelpunkt stehen. Aber ein kurzer Blick auf die Tendenzen und Ergebnisse der heutigen historischen und sozialwissenschaftlichen Forschung ist vorab notwendig, um die Facetten der politischen Zugriffe besser zu verstehen. Denn gänzlich abseits der wissenschaftlichen Erkenntnisse können sich auch die politischen Aneignungen nicht bewegen, wollen sie Plausibilität beanspruchen.

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Wolfgang Kraushaar, Der Zeitzeuge als Feind des Historikers. Ein Literaturbericht zur 68er-Bewegung, in: ders., 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000, S. 253-347.
    2.
    Vgl. Michael "Bommi" Baumann, Wie alles anfing, München 1975; Daniel Cohn-Bendit, Der große Basar, München 1975; Angela Davis, Mein Herz wollte Freiheit. Eine Autobiographie, München-Wien 1975; Gretchen Dutschke, Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben - Rudi Dutschke, Köln 1996; Dieter Kunzelmann, Leisten Sie keinen Widerstand! Bilder aus meinem Leben, Berlin 1998; Astrid Proll (Hrsg.), Hans und Grete - Die RAF 67-77, Göttingen 1998.
    3.
    Gunter Hofmann, Kulturkampf gegen die Kulturrevolutionäre, in: Die Zeit vom 1. 1. 1993.
    4.
    Vgl. Der deutsche Außenminister Fischer als Zeuge vor Gericht, in: Neue Zürcher Zeitung vom 17. 1. 2001.