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26.5.2002 | Von:
Edgar Wolfrum

"1968" in der gegenwärtigen deutschen Geschichtspolitik

II. Wissenschaftliche Deutungen

Zwischen eher rechten und eher linken Wissenschaftlern war 1968 schon während der Ereignisse selbst umstritten und blieb es auch. Aber auch Vertreter innerhalb der jeweiligen Lager legten widersprechende Deutungen vor. Für die einen bedeutete 1968 trotz vieler Friktionen eine Emanzipation [5] , andere erkannten nur surreale Verhaltensweisen [6] oder einen im deutschen Kontext geradezu gefährlichen romantischen Rückfall [7] . Im Lichte der neueren Forschung, die intensiv Mitte der neunziger Jahre eingesetzt hat, waren '68 und die Folgen vieles zugleich: politische Protestbewegung, Generationenkonflikt, Kulturrevolution, Renaissance marxistischen Denkens, Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Durchbruch einer liberalen Sexualmoral, Entstehung einer neuen Frauenbewegung, Verharmlosung und Legitimation von Gewalt bis hin zum Terrorismus. Betont werden zudem Trends, die diese Entwicklungen überwölbten, etwa der Kontingenzcharakter einzelner Ereignisse sowie deren Transnationalität und Globalität. Nirgends traten die 68er als dauerhafte Organisation in Erscheinung, "sondern legten vielmehr Wert darauf, für eine Vielzahl von Protestbewegungen offen und anschlussfähig zu sein, je nach den Gelegenheiten, die sich boten" [8] . Bei einem bedeutenden Teil der Forschung hat es sich durchgesetzt, die Ereignisse, für welche die Abbreviatur '68 steht, als Ausdruck einer sozialen Bewegung zu analysieren, womit einzelne Akteure gegenüber strukturellen gesellschaftlichen Entwicklungen nachrangig behandelt werden [9] .

'68 wird heute gemeinhin ein Doppelcharakter bescheinigt: Politisch sei die Bewegung gescheitert, aber soziokulturell habe sie erhebliche Folgewirkungen gehabt - es bleibt allerdings schwierig, deren Ausmaß genau zu bestimmen. Zugleich hat es sich eingebürgert, von den unintendierten heilsamen Effekten für die Stabilität der Bundesrepublik zu sprechen. "Die Wirkungen der Studentenbewegung waren zwiespältig und großenteils ungewollt." [10] So war eine Verwestlichung der Bundesrepublik nicht intendiert, trat aber ein [11] . Auf längere Sicht stiegen die Zustimmungsbereitschaft und die Demokratiezufriedenheit der Bundesbürger, und ihre aktive Beteiligung an der Gesellschaft nahm zu. Was jedoch im Rückblick als Verdienst der 68er erscheinen mochte, war nicht selten vor allem das Ergebnis der Kritik an ihnen oder wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht bereits lange vor 1968 eine fundamentale Liberalisierung von Politik, Kultur und Gesellschaft eingesetzt hätte. Pointiert lässt sich von einer "glücklich gescheiterten Umgründung" der Republik mit paradoxen Folgen sprechen: "Die Thematisierung der Legitimationskrise verschaffte der Zweiten Republik ein höheres Maß an Legitimität." [12] Was bedeutet dies für '68? Kritiker saldieren: Geistig-ideologisch sei das Denken in marxistischen Kategorien ein Rückschritt gewesen; in ihrer politischen Praxis hätten die '68er ziemlich undemokratisch agiert, hätten mithin zur Demokratisierung nichts beigetragen; hingegen hätten sie die Gewaltspirale hin zum Terrorismus in Gang gesetzt; einzig im Abbau von Autoritäten seien die 68er erfolgreich gewesen, aber in der notwendigen Schaffung neuer Werte hätten sie abermals versagt [13] . Vor allem zwei Probleme, die miteinander zusammenhängen, erschweren die Erforschung von 1968: Die vielen ungewollten Ergebnisse öffneten zum einen Lebenslügen und Legenden Tür und Tor. Zum anderen vermischen sich der Erlebnishorizont des Zeitzeugen und der Erklärungshorizont des Wissenschaftlers - oftmals sogar in ein und derselben Person.

Fußnoten

5.
Vgl. Jürgen Habermas, Protestbewegung und Hochschulreform, Frankfurt/M. 1969.
6.
Vgl. Karl Heinz Bohrer, Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror, München 1970.
7.
Vgl. Richard Löwenthal, Der romantische Rückfall, Stuttgart 1970.
8.
Hans Günter Hockerts, ,1968' als weltweite Bewegung, in: Venanz Schubert (Hrsg.), 1968: 30 Jahre danach, St. Otilien 1999, S. 13-34, hier S. 14 f.
9.
Vgl. Ingrid Gilcher-Holtey (Hrsg.), 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Göttingen 1998.
10.
Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, Bd. 2: Vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung, München 2000, S. 252. Vgl. auch Manfred Görtemaker, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999, S. 475 ff., sowie die einzelnen Beiträge in: Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl Christian Lammers (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000.
11.
Vgl. Anselm Doering-Manteuffel, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999; Dan Diner, Verkehrte Welten - Antiamerikanismus in Deutschland, Frankfurt/M. 1993.
12.
Claus Leggewie, Der Mythos des Neuanfangs - Gründungsetappen der Bundesrepublik Deutschland: 1949 - 1968 - 1989, in: Helmut Berding (Hrsg.), Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit, Frankfurt/M. 1996, S. 275-302, hier S. 296.
13.
Vgl. Kurt Sontheimer, So war Deutschland nie. Anmerkungen zur politischen Kultur der Bundesrepublik, München 1999, S. 94 ff.