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26.5.2002 | Von:
Edgar Wolfrum

"1968" in der gegenwärtigen deutschen Geschichtspolitik

IV. Der kritische Zugriff und die Zukunft der Erinnerung

Die euphorische Aufladung von '68, die dem monumentalistischen Zugriff eigen ist, führte zu mannigfachen Täuschungen. So war '68 weder die erste noch die größte Protestbewegung in der Bundesrepublik. An der Großdemonstration im Anschluss an den "Internationalen Vietnam-Kongress" vom 18. Februar 1968 beteiligten sich etwa 12 000 Demonstranten. Weit entfernt lag dies von der Protestbeteiligung der fünfziger Jahre; die Paulskirchen-Bewegung oder die Kampf-dem-Atomtod-Bewegung mobilisierten bis zu zwei Millionen Menschen [50] . Auch gegenüber der Friedensbewegung der achtziger Jahre muss '68, quantitativ betrachtet, verblassen.

In der gesamten politischen Kontroverse kommen Differenzierungen zu kurz. Kann man, um nur ein simples Beispiel zu nennen, mit '68-Argumenten die Terror-Aktionen verteidigen, die Mitte der siebziger Jahre stattfanden [51] ? Außerdem muss daran erinnert werden, dass die Gesellschaftskritik der Protestbewegung sich aus drei ganz unterschiedlichen Quellen speiste: aus dem Neomarxismus, der Sympathie und Loyalität im linken Milieu, in Teilen der Gewerkschaften und Teilen der Sozialdemokratie verbürgte; aus dem Antiautoritarismus und der antiinstitutionellen Autonomie, die Sympathie von Teilen des protestantischen Bildungsbürgertums einbrachte, und aus Formen des Existenzialismus, den kulturkritische Feuilletonisten so schätzten [52] .

Gibt es strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen der Geschichtspolitik in der Ära Kohl und derjenigen der Regierung Schröder? Der neue Bundeskanzler interpretierte bereits in seiner ersten Regierungserklärung vom 10. November 1998 den Wechsel als einen Übergang von einer vergangenheitsfixierten Flakhelfergeneration zur zukunftsorientierten Generation der "Kinder der Bundesrepublik". Helmut Kohl hatte als Bundeskanzler in den achtziger Jahren versucht, die Bundesrepublik nach vierzig Jahren erfolgreicher Demokratie aus dem Schatten der NS-Vergangenheit herauszuführen - nicht, indem die negative Vergangenheit geleugnet, aber indem sie durch die bundesdeutsche Erfolgsgeschichte ausbalanciert wurde [53] . Geschichte sollte vorrangig Bestätigung und Schatz der Nation sein, nicht nur Mahnung und Bürde. Auch die Debatte in den neunziger Jahren über das Holocaust-Mahnmal in Berlin und dessen politische Akzeptanz drückte nicht allein das altbundesrepublikanische "Nie wieder" aus, sondern war auch "das unübersehbare Leumundszeugnis für diejenigen, die durchaus etwas wiederhaben wollten: die deutsche Geschichte, soweit sie über die Jahre zwischen 1933 und 1945 hinausgeht" [54] . Die rot-grüne Regierung ihrerseits zielt offensichtlich darauf ab, die Protestbewegungen der sechziger und siebziger Jahre stärker in die Geschichte der Bundesrepublik einzubauen, und zwar in doppelter Weise: einerseits als ein notwendiges Aufbegehren gegen autoritäre Strukturen des "Adenauer-Staates" und andererseits, mit Blick auf die Karrieren der 68er, als Ausweis einer neuen Integrationskraft der Bundesrepublik seit Willy Brandts Kanzlerschaft [55] .

Im Hinblick auf das Dritte Reich kann man heute von einem Gezeitenwechsel der Erinnerung sprechen, weil nicht mehr das kommunikative und kollektive Gedächtnis, das auf den lebendigen Erinnerungen der Zeitzeugen fußte, bestimmend ist. Die Zeitgeschichte als die Epoche der Mitlebenden verschiebt sich mit der ihr eigenen Logik, und bezüglich des Nationalsozialismus stehen die Deutschen am Übertritt in das kulturelle Gedächtnis, in dem Erinnerungen tradiert werden müssen ohne einen unmittelbaren Erfahrungsbezug der jetzt lebenden Menschen zu dieser Vergangenheit. Beim Erinnerungsort '68 ist dies völlig anders, hier dominiert das kommunikative Gedächtnis der Zeitgenossen. Deshalb ist die heutige Kontroverse nur eine Etappe, und viele weitere Etappen werden folgen - spätestens immer dann, wenn die Forschung neue, umstrittene Ergebnisse liefert, was sie infolge des nun möglichen Zugangs zu den Quellen vermehrt tun wird. Aber erst wenn wir aus dem Schatten der 68er und ihrer damaligen Kritiker heraustreten, uns von deren je eigenen Fragestellungen lösen, von den Obsessionen und von der Nostalgie befreien, wird besser zu beurteilen sein, was 1968 im Kontext der deutschen Geschichte eigentlich gewesen ist. Denn - um mit Nietzsches Ausdruck für eine kritische Geschichtsschreibung zu enden - jede Vergangenheit ist es wert, "peinlich inquiriert" zu werden [56] .

Fußnoten

50.
Vgl. Wolfang Kraushaar, Die Protestchronik 1949-1959. Eine illustrierte Geschichte von Bewegungen, Widerstand und Utopie, 4 Bde., Hamburg 1996.
51.
Vgl. das Gespräch mit Ralf Dahrendorf, Argumente von '68 können Militanz nicht verteidigen, in: Die Welt vom 18. 1. 2001.
52.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Die Prägung der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland durch institutionelle Ordnungen, in: ders., Interessen, Ideen und Institutionen, Opladen 1990, S. 63-84, hier S. 82 f.
53.
Vgl. Charles S. Maier, Die Gegenwart der Vergangenheit. Geschichte und nationale Identität der Deutschen, Frankfurt/M.-New York 1992.
54.
Wolfgang Schuller, Reise zum Mittelpunkt der Diskurse, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. 1. 2000.
55.
Vgl. Heribert Prantl, Zum Beispiel Joschka Fischer, in: Süddeutsche Zeitung vom 15. 1. 2001; Hans-Jochen Vogel, Kann Fischer Minister bleiben? Ich sage Ja, in: Süddeutsche Zeitung vom 13./14. 1. 2001.
56.
F. Nietzsche (Anm. 17), S. 17.