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26.5.2002 | Von:
Stefan Wolle

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968

II. Reform und Stagnation

Die Jahre zwischen dem Mauerbau und dem Ende des Prager Frühlings waren in der DDR von einer seltsamen Ambivalenz. Am Anfang stand die wirtschaftliche, politische und moralische Katastrophe. Mit dem Mauerbau vom 13. August 1961 und den ersten Todesopfern an dieser Grenze erreichte das Ansehen des SED-Regimes in Deutschland und der Welt einen neuen Tiefpunkt. Dennoch resultierte gerade aus der offenbaren Brutalität der Mauer bei westlichen Politikern die Erkenntnis, dass die Spaltung Deutschlands nicht durch eine Politik der Konfrontation zu beseitigen, sondern nur durch allmähliche Veränderungen in ihren Folgen zu mildern sei. So wurden die Todesschüsse an der Mauer zum Ausgangspunkt einer Politik der Wandlungen, an deren Ende der Untergang des SED-Systems stehen sollte.

Ein ähnlicher Vorgang vollzog sich im Inneren der DDR. Nur mit Gewalt war es möglich gewesen, die Menschen am Weglaufen aus dem "Arbeiter-und-Bauern-Staat" zu hindern. Die DDR wurde durch den Mauerbau zu jener "geschlossenen Gesellschaft", die sie bis 1989 geblieben ist.

Nach einer Phase verschärfter Repression begann das SED-Regime, seinen Untertanen Angebote zu machen. Im November 1961 erreichte die zweite Welle der Entstalinisierung auch die DDR. In Moskau regierte Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Die Schritte auf dem Weg in den Kommunismus hatte der XXII. Parteitag der KPdSU im Oktober 1961 genau festgelegt. Innerhalb von 20 Jahren wollte man den Kommunismus errichten. "Der Traum, ,100 Jahre zu leben, ohne zu altern', wird Wirklichkeit", erfuhr der erstaunte Leser auch auf der Titelseite des Zentralorgans der SED [1] . All dies sollte bereits 1980 Realität werden.

In der DDR, Ungarn und der Tschechoslowakei gaben die Parteizentralen nun grünes Licht für Studiengruppen von Wirtschaftsfachleuten, die Pläne für umfassende Wirtschaftsreformen auszuarbeiten begannen. Die Betriebe sollten mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung bei der Planung erhalten, die Preise flexibler und realistischer werden, neueste Technik sollte schnell in die Produktion überführt werden. NÖSPEL hieß das Zauberwort. Dahinter verbarg sich das "Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft", welches der VI. Parteitag der SED verabschiedete. Am konsequentesten ging in der CSSR eine Arbeitsgruppe ans Reformwerk. Anfangs hatte diese Gruppe gute Kontakte zu den führenden Wirtschaftsleuten in der DDR. Doch als aus der Wirtschaftsreform eine Reform der Machtstrukturen zu werden drohte, trat der konservative Flügel der Parteiführung auf die Bremse.

Durch das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 wurde die Beat-Musik verboten, Künstler und Schriftsteller an den Pranger gestellt, Filme und Theaterstücke verboten. Dabei ging es in weit größerem Maße, als die Öffentlichkeit damals ahnte, um die Wirtschaftsreformen, die nun nur verlangsamt weitergeführt werden konnten. Dennoch setzte sich die allgemeine Reformhektik fort, die viel durcheinander wirbelte: Eine Hochschulreform und eine Akademiereform rollte über die Institutionen hinweg.

Fußnoten

1.
Neues Deutschland vom 20.10.1961.