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26.5.2002 | Von:
Stefan Wolle

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968

III. Der Jugend gehört die Zukunft

Immerhin waren Kritik und neue Ideen gefragt. Das System brauchte die Mitarbeit oder wenigstens die Loyalität eines größeren Teils der Bevölkerung, und es bot Karrierechancen, Sinnerfüllung, materielle Vorzüge und soziale Sicherheit. 1963 erließ die Partei ein "Jugendkommuniqué", ein Jahre später folgte ein "Jugendgesetz", das den politischen Anspruch in Paragraphen fassen sollte [2] .

Die SED-Führung wollte sich nicht allein auf die agitatorische Wirkung solcher Proklamationen verlassen. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) erließ 1966 eine umfangreiche Dienstanweisung "Zur politisch-operativen Bekämpfung der politisch-ideologischen Diversion und Untergrundtätigkeit unter jugendlichen Personenkreisen in der DDR" [3] . Diese von Mielke unterzeichnete Dienstanweisung wurde bis 1969 immer wieder durch weitere Befehle und Weisungen ergänzt [4] . Es war ohne Zweifel ein Grundsatzdokument, das die offiziellen Dokumente der Jugendpolitik ergänzte. Denn die Entwicklung der jungen Generation bereitete der SED-Führung großes Kopfzerbrechen. "Der Gegner", heißt es in einer umfassenden Analyse der MfS-Bezirksverwaltung Berlin, "unternimmt verstärkte Anstrengungen . . ., mittels einer breiten Skala von Möglichkeiten der politisch-ideologischen Diversion Einfluss auf die Jugendlichen in der Hauptstadt der DDR zu gewinnen." [5]

Ein besonders trübes Bild zeichnete der Stasi-Bericht von der Berliner Humboldt-Universität: "Unter den Studenten der Humboldt-Universität hat sich das Wirken Havemanns und die ungenügende Einflussnahme der Parteiorganisation gegen seine schädlichen Theorien teilweise nachteilig auf die Bewusstseinsbildung ausgewirkt. . . . Es ist aber bekannt, dass viele Studenten mit ihrer wahren Meinung zurückhalten. Während sie in den Seminaren eine richtige Position beziehen, vertreten sie in den Gesprächen untereinander eine andere, vielfach entgegengesetzte Meinung." [6]

Der Bazillus der Aufsässigkeit machte sich unter den DDR-Studenten breit. Die habituellen Gesten und Symbole des Protestes kamen tatsächlich aus dem Westen. Anette Simon meint in ihrem Versuch, das Generationsgefühl in Ost und West zu vergleichen: "Die Achtundsechziger der DDR sind genau wie ihre Schwestern und Brüder im Westen geprägt von der Musik dieser Zeit und dem Lebensgefühl, das sie transportierte. Auch die antiautoritären Gedanken und Haltungen schwappten in jeder Weise über die Grenze." [7]

Fußnoten

2.
Gesetz über die Teilnahme der Jugend der Deutschen Demokratischen Republik am Kampf um den umfassenden Aufbau des Sozialismus und die allseitige Förderung ihrer Initiative bei der Leitung der Volkswirtschaft und des Staates, in Beruf und Schule, bei Kultur und Sport vom 4.5.1964, in: Staatliche Dokumente zur sozialistischen Jugendpolitik in der Deutschen Demokratischen Republik (Auswahl), Berlin (DDR) 1971, S. 15 ff.
3.
MfS, ZAN, Dienstanweisung 4/66 vom 15.5.1966, 26 Bl.
4.
Vgl. MfS, ZAN, Befehl 11/66 vom 15.5.1966; 1. Durchführungsbestimmung zum Befehl 11/66 zur Verhinderung der Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch Verbreitung dekadenter Einflüsse unter jugendlichen Personenkreisen, insbesondere in Vorbereitung auf den 20. Jahrestag der DDR vom 8.8.1969, 5 Bl.
5.
MfS, Verwaltung Groß-Berlin, A 1142/5, Stadtarchiv Berlin, Bericht 7/65 vom 30. 4. 1965 über einige negative Erscheinungen und Vorkommnisse in der Hauptstadt der DDR, die auf Einflüsse der politisch-ideologischen Diversion des Gegners zurückzuführen sind, 29 Bl.
6.
Ebd., Bl. 22.
7.
Anette Simon/Jan Faktor, Fremd im eigenen Land?, Gießen 2000, S. 9.