APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Stefan Wolle

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968

V. Die SED und der Bazillus der Revolte

Geradezu hysterisch reagierte die DDR-Obrigkeit auf unkontrollierte Begegnungen junger Leute, speziell von Studenten aus Ost und West. So berichtet das MfS im April 1966, wie sich aus einer Zufallsbekanntschaft ein regelmäßiger Diskussionszirkel von Assistenten der Freien Universität und der Humboldt-Universität entwickelte [18] . Besondere Sorge bereitete es dem MfS, dass viele DDR-Teilnehmer des Gesprächskreises SED-Mitglieder waren. Der Verfasser des Berichts betont deswegen noch einmal ausdrücklich: "Es muss eingeschätzt werden, dass es sich hier keinesfalls um das Vorhaben handelt, durch eine gute Diskussion Westberliner Personen positiv zu beeinflussen, sondern um private Gespräche, bei denen man die Möglichkeit ausnutzen will, sich über den Westen zu informieren. . . . Da die beteiligten Westberliner offensichtlich die Linie verfolgen, durch provokatorische Fragen unsere Personen ideologisch negativ zu beeinflussen und die von uns Beteiligten konzeptionslos an diesen Treffen teilnehmen, besteht die Gefahr der Schaffung einer ideologisch negativen Basis für weitere Diskussionen in der Humboldt-Universität." [19]

Eine ungewöhnlich detaillierte Analyse der Bezirksverwaltung des MfS beschäftigte sich im Januar 1967 mit der "politisch-ideologischen Zersetzung und der ungenügenden gesellschaftspolitischen Erziehung an der Humboldt-Universität" [20] . Die Einschätzungen tragen teilweise einen alarmierenden Charakter. Auf persönliche Weisung von Mielke wurde die Weiterleitung des Berichtes an die Parteiführung gestoppt. Wie es in einem beigefügten Zettel heißt, würde darüber nach der Kreisdelegiertenkonferenz der SED entschieden werden. Offenbar griff der Bericht zu tief in die Obliegenheiten der Staatspartei ein. Er diagnostizierte bei einem Teil der Studenten eine "dekadente moralisch-ethische Einstellung". Dies signalisierte in der Sprache der Stasi den Einfluss der neuen antiautoritären Lebenskultur des Westens. Äußerlich bezog sich diese Rubrizierung auf lange Haare, die grünen Parkas und verwaschenen Jeans der amerikanischen Hippies.

Fußnoten

18.
MfS, Verwaltung Groß-Berlin, A 1141/1, Stadtarchiv Berlin, Bericht 15/66 vom 23. 4. 1966 über Treffen von Personen der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin mit Studenten der Freien Universität von Westberlin, 3 Bl.
19.
Ebd., Bl. 3.
20.
MfS, Verwaltung Groß-Berlin, A 1141/3, Stadtarchiv Berlin, Information 57/67 vom 19. 1. 1967 über Erscheinungen der politisch-ideologischen Zersetzung und der ungenügenden gesellschaftspolitischen Erziehung an der Humboldt-Universität Berlin, 29 Bl.