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26.5.2002 | Von:
Stefan Wolle

Die versäumte Revolte: Die DDR und das Jahr 1968

IX. Die Ideale starben langsam

Als in den frühen Morgenstunden des 21. August 1968 die Nachrichtensprecher des DDR-Rundfunks die verlogene Erklärung der Warschauer-Pakt-Staaten über den Einmarsch ihrer Truppen in die CSSR verlasen, empfanden das viele Menschen als einen fürchterlichen Schlag. Die moralische Empörung war ungeheuer groß. Es gab zahlreiche Proteste, individuelle Verweigerungen und hilflose Gesten des Widerstandes [47] . Es begannen "ideologische Klärungsprozesse". Viele junge Leute liefen - verführt von den Ehrlichkeitsphrasen ihrer Jungpionierzeit - ins offene Messer der Staatssicherheit. Die einen zerstörten unwiederbringlich ihre berufliche Laufbahn, andere lernten die Taktik der Anpassung ohne Selbstaufgabe, Dritte wurden zu Zynikern und Karrieristen. Wieder gab es unendlich viele jener bösen seelischen Wunden, die "nicht zugehn wollten unter dem Dreckverband", wie es Wolf Biermann 1976 in einem Lied ausdrückte [48] .

Die Erinnerungen an den Prager Frühling waren in den folgenden 21 Jahren streng tabuisiert. Die wenigen in der DDR erhältlichen Darstellungen der Geschichte der Tschechoslowakei handelten das Jahr 1968 mit einigen hölzernen Floskeln ab. Mit den Möglichkeiten der Information über die internationale Studentenrevolte sah es nicht viel besser aus. Immerhin öffneten einige Romane und Filme winzige Fensterchen und wurden entsprechend intensiv wahrgenommen. Über den Pariser Mai konnte man in dem 1972 in der DDR veröffentlichten Roman "Hinter Glas" von Robert Merle einiges nachlesen. Über die Revolte der Studenten von Berkeley handelte der Film "Blutige Erdbeeren", der auch in der DDR Mitte der siebziger Jahre zum Kultfilm wurde. Die Musik und die Bilder hatten eine suggestive Anziehungskraft. Es ist bis heute erstaunlich, dass es die Kulturbehörden wagten, dem Kinopublikum der DDR solche Kost zu verabreichen. Als es am 7. Oktober 1977 zu den Krawallen auf dem Alexanderplatz kam, setzten sich die Jugendlichen aufs Straßenpflaster, hoben die gespreizten Finger zum Siegeszeichen und sangen "Give peace a chance!"

Die sozialistischen Ideale starben sehr langsam. Die Westachtundsechziger träumten von der Revolution und haben eine gesellschaftliche Reform bewirkt. Die Ostachtundsechziger dagegen wollten den Sozialismus reformieren und haben damit später eine Revolution ausgelöst, die bei aller Gewaltlosigkeit in ihren Folgen an Radikalität der Konsquenzen kaum zu überbieten ist. Wenn die Rebellen der APO heute in hohen Staatsämtern sitzen, zeigt dies vor allem die Lebenskraft einer Gesellschaft, die sich im Widerspruch erneuert.

Im Osten dagegen wurde jeder schöpferische Impuls erstickt. Ein wirklicher Generationswechsel fand nicht statt. Die einen verkamen auf dem langen Marsch durch die Institutionen und änderten nichts als sich selbst. Sie wurden zu Greisen, ehe sie ihre Kindheit beendet hatten. Die anderen verkrochen sich in den windstillen Ecken, die es in der DDR durchaus gab, und versäumten es dabei, erwachsen zu werden. Man hat den demokratischen Aufbruch des Herbstes 1989 die Revolution der Vierzigjährigen genannt. Viele hatten sich den rebellischen Geist der sechziger Jahre bewahrt, jene Mischung aus Aufsässigkeit und Weltverbesserung. Doch als die Massen endlich auf die Straße gingen, wollten sie von den sozialistischen Idealen nichts mehr hören. Die Idee einer herrschaftsfreien und klassenlosen Gesellschaft zerfiel. Die versäumte Revolte von 1968 ließ sich nicht nachholen.

Fußnoten

47.
Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk: "Wer sich nicht in Gefahr begibt . . .". Protestaktionen gegen die Intervention in Prag und die Folgen von 1968 für die DDR-Opposition, in: Klaus-Dietmar Henke/Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hrsg.), Widerstand und Opposition in der DDR, Köln u. a. 1999, S. 257 ff.
48.
Wolf Biermann, Und als wir ans Ufer kamen, in: ders. (Anm. 21), S. 280.