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26.5.2002 | Von:
Martin Hoch

Krieg und Politik im 21. Jahrhundert

Im Konfliktspektrum des 21. Jahrhunderts kommt den "kleinen Kriegen" im Vergleich zu den zwischenstaatlichen Kriegen eine wachsende Bedeutung zu. Hierbei handelt es sich um Kriege zwischen Staaten und nichtstaatlichen Akteuren.

I. Einleitung

"Krieg ist die Hölle." [1] So das knappe, aber provokante Resümee von William T. Sherman (1830-1891), einem der erfolgreichsten Generäle der Union im amerikanischen Bürgerkrieg, gegen Ende seiner militärischen Karriere im Jahre 1879. Nur wenige andere Themen vermögen es - wie der Krieg -, in politischen und akademischen Diskussionen Emotionen freizusetzen und Überzeugungen aufeinander prallen zu lassen, stehen sich dabei doch oft gegensätzliche Menschenbilder und Weltsichten gegenüber. Den Ausführungen über die Zukunft des Krieges, die im Mittelpunkt dieses Beitrags steht, seien daher einige Bemerkungen grundsätzlicher Natur vorangestellt.


Krieg ist ein universales Phänomen in der Geschichte und ein zentraler Bestandteil menschlicher Erfahrung: Er ist zu finden bei nahezu allen Völkern und Kulturen, in fast allen Perioden und Erdteilen [2] . Spätestens seit dem Neolithikum ist die Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte des Krieges. Eine Selbstverständlichkeit ist der Krieg deswegen aber nicht: Es ist vielmehr der Frieden, der durch nahezu alle Kulturen und Perioden als konzeptioneller Bezugspunkt menschlichen Handelns, als "Normalzustand" angesehen wird. Der Krieg hingegen wird als Ausnahme empfunden und erfordert, im Gegensatz zum Frieden, aufgrund seines agonalen Charakters fast durchgängig eine besondere Begründung oder Rechtfertigung [3] .

Gleichwohl ist Krieg aber von Menschen durch die Geschichte hindurch als ein Erfolg versprechendes Instrument politischer Interaktion angesehen worden. Offenbar sind Menschen für eine Vielzahl von Motiven bereit, Leben zu nehmen beziehungsweise ihr eigenes Leben zu verlieren. Dieser Sachverhalt rechtfertigt oder verharmlost Krieg in keiner Weise. Er macht aber deutlich, dass das hehre Ziel der vollständigen Eliminierung einer derart widerstandsfähigen sozialen Institution wie des Kriegs sehr schwer zu erreichen ist. Und zwar zu schwierig, als dass man es bereits durch eine bloße Feinabstimmung schon vorhandener oder in der Entwicklung befindlicher Regulationsmechanismen der internationalen Politik oder des Völkerrechts erreichen könnte.

Aller Voraussicht nach wird Krieg - und zwar weitgehend unabhängig von seiner ethischen Stigmatisierung - ein zentraler Bestandteil des politischen Wirkens auch im 21. Jahrhundert sein. Welche Formen er dabei annehmen wird, welche Entwicklungen für die Transformation des Kriegs bestimmend sein werden und welche Konsequenzen sich daraus für die Zukunft des Krieges sowie für das Verhältnis von Krieg und Politik ergeben werden, ist Gegenstand der folgenden Überlegungen.

Fußnoten

1.
Der vorliegende Text ist die überarbeitete Fassung eines Vortrages vor dem Internationalen Clausewitz-Zentrum an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg am 7. Dezember 2000. 1 Zitiert nach Robert Cowley/Geoffrey Parker (Hrsg.), The Reader's Companion to Military History, Boston - New York 1996, S. 424.
2.
Hierzu und zum Folgenden vgl. Martin Hoch, Vater aller Dinge? Zur Bedeutung des Kriegs für das Menschen- und Geschichtsbild, in: Mittelweg 36, 8 (1999) 6, S. 30-48, hier S. 30-32.
3.
Vgl. Lawrence H. Keeley, War Before Civilization. The Myth of the Peaceful Savage, New York - Oxford 1996, S. 143-147; John Keegan, A History of Warfare, London 1993, S. 386 (deutsche Übersetzung: Die Kultur des Krieges, Berlin 1995).