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26.5.2002 | Von:
Alexander Gallus
Eckhard Jesse

Was sind Dritte Wege?

Eine vergleichende Bestandsaufnahme

III. Dritte Wege - der Versuch eines bewertenden Vergleichs

Diese Vorstellungen von Dritten Wegen sind ausgesprochen heterogen. Zum Teil schließen sie sich geradezu aus. Was für den einen Dritten Weg als Königsweg erscheint, stellt für den anderen einen Irrweg dar. So steht die Konzeption Röpkes von der Sozialen Marktwirtschaft in einem krassen Gegensatz zu der wirtschaftlichen Theorie des Austromarxismus oder des Reformkommunismus. Und die Oppositionellen in der DDR wollten mit ihrem Dritten Weg eigens an einer reformsozialistisch mutierten DDR festhalten, während die Verfechter des Neutralismus ihren Dritten Weg eben gerade in einer Wiedervereinigung Deutschlands sahen, wobei dieses allerdings keinem Bündnissystem angehören sollte (und hier zeigt sich eine Nähe beider Positionen).

Wer dem jeweiligen Dritten Weg den entsprechenden ersten und zweiten Weg gegenüberstellt, kann auf diese Weise die spezifischen Bezugspunkte besser erkennen. Bezeichnenderweise ist viel von einem Dritten, jedoch wenig von einem ersten oder zweiten Weg die Rede. Für die erste Variante - den Dritten Weg von Giddens - gilt, dass sie sich vom Neoliberalismus ebenso abzusetzen sucht wie von der traditionellen Sozialdemokratie. Die zweite, welche die Soziale Marktwirtschaft direkt oder indirekt befürwortet, bezieht gegen den Manchesterliberalismus und die Planwirtschaft Stellung. Die dritte Variante, die auf Sozialismusrevisonen zielt, will sich von der westlichen Demokratie und dem Kommunismus "orthodoxer" Prägung gleichermaßen abheben. Die vierte - die Opposition in der DDR - legte in mancher Hinsicht ebenso Äquidistanz gegenüber den beiden vorgenannten Richtungen an den Tag [64] . Die fünfte Variante sprach sich nicht nur gegen ein geteiltes Deutschland, sondern auch gegen ein vereintes unter westlichen wie unter östlichen Vorzeichen aus. Die sechste, die allerdings mehr als "Politik des mittleren Weges" bekannt ist, richtet sich auf der einen Seite (bei Manfred G. Schmidt) gegen das marktgesteuerte US-amerikanische Modell und das staatszentrierte skandinavische und auf der anderen Seite (bei Gordon Smith) gegen die Allparteienkoalition wie die Bipolarität des Parteiensystems.

Das erste und das sechste Modell bezieht sich auf unterschiedliche Präferenzen im demokratischen Verfassungsstaat. Im Vergleich zu den anderen Dritten Wegen wird hier dem ersten und dem zweiten Weg nicht das Prädikat "demokratisch" abgesprochen. Es leuchtet schwerlich ein, dass diese beiden Modelle, die sich auf die Praxis demokratischer Verfassungsstaaten positiv einlassen, mit dem Terminus des Dritten Weges in Verbindung gebracht werden. Diese Bezeichnung schwächt ihre Seriösität.

Alle wesentlichen politischen Strömungen haben Anteil an den Dritten Wegen. Fast jede Variante fällt in den Grenzbereich von Wirtschaft und Politik. Einige sind stärker wirtschaftlich, andere eher politisch ausgerichtet. Allerdings gibt es auch kulturkritische Topoi, die sich als Unterströmungen bei manchen Vertretern Dritter Wege in Deutschland finden - sei es als Reaktion auf eine forcierte Westbindung, sei es als Folge alter Traditionen, z. B. eines Sonderbewusstseins. Dies gilt etwa für die Anhänger eines von Ost und West unabhängigen Gesamtdeutschland. Allerdings muss unterschieden werden zwischen jenen, die wegen des Wunsches nach einem neutralen Deutschland "nur" die außenpolitische Westorientierung ablehnten, und den Befürwortern einer neuen Gesellschaftsform jenseits von "westlichem Kapitalismus" und "östlichem Kollektivismus" [65] . Deren Ziele erschöpften sich nicht in der außenpolitischen Neutralität.

Was auffällt, ist die vielfach mangelnde Praxisrelevanz der Befürworter eines Dritten Weges. Daher wäre es oftmals treffender, statt von einem Dritten Weg nur von einer Dritten Idee zu sprechen. Betrachtet man die erwähnten sechs Positionen genauer, so sind einige Dritte Wege niemals in die Wirklichkeit umgesetzt worden. Das gilt für die Vorstellungen der DDR-Opposition wie für die der Neutralisten und einige Sozialismusrevisionen (z. B. die Konzeption der Eurokommunisten).

Verfechter von Dritten Wegen neigen dazu, ihre Positionen in ein helles und die der anderen in ein Zwielicht zu rücken. Wer daran interessiert ist, eine neue Konzeption zu legitimieren, gerät in diese Versuchung und kultiviert Unterschiede. So gewinnt die Diskussion über den richtigen Weg der Sozialdemokratie ihre Brisanz wohl auch dadurch, dass zum Teil ein "Popanz" aufgebaut wird. Der Vergleich, den manche Verfechter des Dritten Weges anstellen, ist deshalb so problematisch, weil die Ebenen nicht stimmen. Mitunter wird die eigene (hehre) Theorie mit der (kruden) Wirklichkeit des ersten oder zweiten Weges verglichen, die Theorie gegen die Wirklichkeit ausgespielt. Was war damit gewonnen, dass Theoretiker des Eurokommunismus ihre Prinzipien der Praxis westlicher Demokratien gegenübergestellt haben? Insofern zielen solche Vergleiche - direkt oder indirekt - auf eine Delegitimierung des demokratischen Verfassungsstaates.

Ralf Dahrendorf wunderte sich deshalb darüber, wie wenig die Geschichte der diversen Dritten Wege Giddens und die neuen Reformpolitiker abschreckte. Zu Recht erinnerte er an die Verwendung des Begriffs durch Faschisten oder Strömungen innerhalb des Kommunismus. "In der Regel", resümierte Dahrendorf, "war der Dritte Weg ein antidemokratischer Weg mit korporatistischen oder syndikalistischen Zügen." [66] Es ist übrigens eine Paradoxie, dass gerade gemäßigte Sozialdemokraten nun den ganz anders besetzten Begriff des Dritten Weges verwenden, war dieser doch in der Vergangenheit für viele zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus angesiedelt.

Bei der Bewertung der Dritten Wege muss berücksichtigt werden, ob sie sich in einem demokratischen Umfeld entwickeln können oder ob sie in einer Diktatur entstanden sind. Im letzten Fall gebot es die Klugheit, taktische Konzessionen zu machen und Anleihen bei Prinzipien zu nehmen, auf die sich die Herrschenden auch beriefen. Zudem waren die in einer Diktatur lebenden Verfechter eines Dritten Weges häufig auf die dortige Wirklichkeit fixiert, vermochten sich ein Ende der Diktatur nicht vorzustellen. Allerdings weichen die Vorstellungen Oppositioneller in der DDR der achtziger Jahre deutlich von denen in Polen und der Tschechoslowakei ab, die dem Konzept eines Dritten Weges weit zurückhaltender gegenüberstanden. Viele Repräsentanten eines Dritten Weges wollen nach dem Ende der Diktatur von "ihrem" Dritten Weg wenig oder nichts mehr wissen. So heißt es bei Vera Lengsfeld selbstkritisch: "Die Chance eines dritten Weges hat für die DDR nie bestanden. Weil die Bürgerrechtsbewegung aber an dieser Vision festhielt, entzog das Volk ihr in der ersten freien Volkskammerwahl die Unterstützung." [67]

Ein Teil der Dritte-Weg-Konzeptionen krankt daran, dass ihre Bestandteile nicht miteinander kompatibel sind. Dies gilt etwa für den Reform- und für den Eurokommunismus. Der "orthodoxe" Kommunismus erkannte dies und konnte sich gerade deshalb so lange halten, weil er nicht der Versuchung zu einem gewissen Pluralismus nachgab. Einige Dritte Wege stehen deutlich näher zu dem ersten Weg (hier verstanden im Sinne einer demokratischen Ausrichtung), andere hingegen stärker zu dem eines zweiten (im Sinne einer antidemokratischen Position). Manche sind wegen der Heterogenität der Positionen dazwischen angesiedelt. Das trifft für die DDR-Opposition wie für die Anhänger eines vereinigten und neutralen Deutschlands zu.

Die Verfechter Dritter Wege haben ihre Gegner immer wieder herausgefordert und diese indirekt zu Reformen ermuntert. Auch so gerieten bestimmte Dritte Wege zunehmend in eine Randexistenz. Die von ihnen abgelehnten Konzeptionen hatten allerdings oft nicht die ihr unterstellten Defizite. Es bedarf - umgekehrt - einer Prüfung, ob manche Dritte Wege tatsächlich auf eine neue Politik zielen oder ob nicht bloß alter Wein in neuen Schläuchen präsentiert wird, wie das für die grassierende Debatte um Giddens gilt.

Was die Relevanz der verschiedenen Dritten Wege betrifft, so ist es damit nicht immer gut bestellt. Schließlich war manches Thema - wie die Neutralitätsdiskussion - eher randständig. Aktuell ist die Debatte um die Modernisierung der SPD und die zur Staats- und Regierungstätigkeit in der Bundesrepublik. Die Bestrebungen der DDR-Opposition gehören ebenso der Vergangenheit an wie die Diskussionen um ein einheitliches Deutschland unter neutralen Vorzeichen. In abgeschwächtem Maße gilt dies ebenso für sozialistische Revisionismusversuche, die ins Hintertreffen geraten sind. Hingegen hat sich die Soziale Marktwirtschaft abermals durchgesetzt.

Fußnoten

64.
So war die DDR-Opposition auch eine Form der Sozialismus-Revision, doch schien es sinnvoll, sie ebenso wie die Debatte um die Modernisierung der Sozialdemokratie als eine gesonderte Variante zu dokumentieren, da beide in der einschlägigen Diskussion als eigenständige Phänomene firmieren.
65.
Vgl. A. Gallus, Die Neutralisten (Anm. 51), S. 447-469.
66.
Ralf Dahrendorf, Ein neuer Dritter Weg? Reformpolitik am Ende des 20. Jahrhunderts, Tübingen 1999, S. 22.
67.
Vera Lengsfeld, Der Stalinismus ist eine Entzerrung des Kommunismus zur Kenntlichkeit, in: Eckhard Jesse (Hrsg.), Eine Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz, Berlin 2001², S. 82 f.