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26.5.2002 | Von:
Lothar Funk

New Economy und die Politik des Modernen Dritten Weges

II. New Economy als Herausforderung der Politik

Die Transformation der traditionellen Industriegesellschaft in die informations-, wissens- und dienstleistungsbasierte New Economy wird wie in den Vereinigten Staaten auch in Deutschland und Europa mit einem tief greifenden Strukturwandel einhergehen [7] . Nach der These der Neuen Ökonomie bedeutet dies für eine Volkswirtschaft mit flexibler Anpassungsstruktur zumindest im fortgeschrittenen Transformationsprozess ein stärkeres Wachstum der Arbeitsproduktivität und des Wirtschaftswachstums als zuvor - ohne zusätzlichen Inflationsdruck. Trotz der jüngsten Konjunkturprobleme und Zukunftsrisiken - unter anderem wegen partieller Überinvestitionen in Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) - wird die US-Wirtschaftspolitik bei der Deregulierung und der Liberalisierung häufig immer noch als Vorbild für Reformen in Europa und Deutschland erachtet. Der Grund liegt trotz aller verbleibenden Probleme (z. B. Außenhandelsdefizit und niedrige private Ersparnis) in der enormen wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten im letzten Jahrzehnt bei (Produktivitäts-)Wachstum, Beschäftigungsaufbau- und Inflationsabbau.

Will man die Früchte der Neuen Ökonomie auch in Westeuropa in Form eines höheren inflationsstabilen Produktivitäts- und Wirtschaftswachstums ernten [8] , so müssten erstens europäische Unternehmen mehr Anreize erhalten, IKT-Güter zu produzieren. Denn ein Großteil des Produktivitätswachstums in den USA geht auf höhere Zuwächse der Arbeitsproduktivität bei der Herstellung von Hochtechnologiegütern zurück. Es dürften zweitens aber auch produktivitäts- und wachstumssteigernde Unternehmensgründungen in der Euro-Zone nicht im bisherigen Ausmaß behindert werden. Drittens verhindern Regulierungen etwa der Arbeitsmärkte und die Ausgestaltung der Sozialsysteme, dass die IKT-Investitionen effizient im Produktionsprozess eingesetzt werden können. Viertens ist die New Economy durch veränderte Qualifikationsanforderungen gekennzeichnet: "Sie braucht Menschen mit hohem Bildungsniveau, Kreativität und technischer Erfindungsgabe. Und sie braucht Menschen mit kommunikativen Fähigkeiten, insbesondere im Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen." [9] Insgesamt ergibt sich hieraus als Anforderung an eine Wirtschaftspolitik zur bestmöglichen Nutzung des Potenzials einer Neuen Ökonomie die Forderung nach einem innovations- und leistungsfreundlicheren Umfeld: "Flexible Faktormärkte, freier Wettbewerb und klare Leistungsanreize bleiben unverzichtbar. Als besonders humankapital-intensiver Bereich stellt die Neue Ökonomie vor allem neue Anforderungen an Aus- und Weiterbildung und an die Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten." [10]

Fußnoten

7.
Die Triebkäfte bestehen darin, dass erstens bestehende Wertschöpfungsprozesse schneller, besser und billiger werden. Zweitens werden teilweise bestehende Wertschöpfungsstufen wegrationalisiert. Drittens werden über neue Geschäftsmodelle auch neue, bedeutende Wachstumspotenziale erschlossen. Vgl. Roland Berger, Deutschland auf dem Weg in die New Economy, in: Politische Studien, 52 (Januar/Februar 2001) 375, S. 73-79.
8.
Vgl. hierzu Lothar Funk, Bleibt die "Neue Ökonomie" in Deutschland zweitklassig?, in: Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, 86 (2000) 4, S. 34-38.
9.
Patricia Hewitt, New Economy und gesellschaftlicher Wandel, in: Transit - Europäische Revue, (2000) 19, S. 165-174, hier: S. 168.
10.
Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Chancen auf einen höheren Wachstumspfad, Jahresgutachten 2000/2001, Wiesbaden, S. 1.