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3D-Illustration von Gehirnzellen

2.2.2018 | Von:
Christoph Kehl

Entgrenzungen zwischen Mensch und Maschine, oder: Können Roboter zu guter Pflege beitragen?

Anwendungsfeld Pflege

Die beschriebenen Entwicklungen werfen stattdessen Fragen auf, die zwar vordergründig wenig aufsehenerregend erscheinen, tatsächlich aber von großer normativer Brisanz sind: Wie lässt sich die zunehmend enge Interaktion zwischen Menschen und autonomen Maschinen nicht nur sicher, sondern auch moralisch verantwortungsvoll gestalten? Wer ist haftbar zu machen, wenn doch etwas schiefgeht? Und gibt es ethische Grenzen der Technisierung – und wenn ja, wo liegen sie?

Einer der gesellschaftlichen Bereiche, in denen derartige Fragen derzeit besonders virulent werden, ist die Altenpflege, die sich im Zuge des demografischen Wandels vor enorme Herausforderungen gestellt sieht: Seit Jahren steigt die Zahl der Pflegebedürftigen, während es immer schwieriger wird, Pflegefachkräfte in ausreichender Zahl zu rekrutieren. Schon heute zeichnet sich eine massive Versorgungslücke ab, die den Ruf nach technischer und insbesondere robotischer Unterstützung lauter werden lässt – innovative Assistenztechnologien für die Pflege werden von der Politik entsprechend seit Jahren gefördert, und dies nicht nur in Japan, das hier als besonders fortschrittlich gilt, sondern auch in Deutschland. Gleichzeitig liegt auf der Hand, dass es sich bei der Pflege um einen außerordentlich sensiblen Bereich handelt. Zunehmende maschinelle Autonomie und die fragile Verfassung der Pflegebedürftigen stehen hier in einem spannungsreichen Verhältnis, weshalb der perspektivische Einsatz autonomer Pflegetechnologien ethisch hochumstritten ist und auch in der Bevölkerung auf viele Vorbehalte trifft. Die Altenpflege ist damit ein Feld, in dem sich die Ambivalenzen der Mensch-Maschine-Entgrenzung in paradigmatischer Weise zuspitzen.

Da sich die Rolle der Neurotechnologie hauptsächlich auf den therapeutischen Bereich beschränkt, stellt die Servicerobotik für die Altenpflege die treibende Kraft der Entgrenzungsdynamik dar. Ihr wird großes Potenzial zugeschrieben, Pflegekräfte entlasten sowie Pflegebedürftige im Alltag unterstützen zu können – entsprechende Anwendungen befinden sich bereits seit vielen Jahren in Entwicklung und Erprobung.[10] Die sich bietenden Unterstützungsmöglichkeiten sind äußerst vielfältig und lassen sich gemäß ihren Anwendungszwecken grob folgenden Kategorien zuordnen:

Assistenzroboter zur physischen Alltagsunterstützung kommen der eigentlichen Bestimmung der Servicerobotik – der "Erweiterung menschlicher Handlungsfähigkeit"[11] – am nächsten. Sie sollen entweder im häuslichen Umfeld eingesetzt werden, um älteren und pflegebedürftigen Menschen zur Hand zu gehen (z.B. Holen und Bringen von Gegenständen), oder der Unterstützung pflegerischer Routinetätigkeiten im Pflegeheim dienen (z.B. als Hebehilfen oder für logistische Aufgaben).

Bei sozialen Robotern steht hingegen nicht die physische, sondern die sozial-emotionale Unterstützung im Vordergrund. Zu unterscheiden ist hier zwischen Geräten, die selbst mit Menschen sozial interagieren und kommunizieren (z.B. als Unterhaltungs- oder Zuwendungsroboter), und solchen, deren Hauptzweck darin besteht, zwischenmenschliche Kontakte zu vermitteln und damit die soziale Teilhabe zu fördern (z.B. als Kommunikationsassistent oder Telepräsenzroboter). Ein bereits relativ etabliertes Anwendungsfeld der sozial-interaktiven Robotik stellt die Demenztherapie dar, wo vermehrt tierähnliche Roboter wie die Robbe Paro unterstützend zum Einsatz kommen.[12]

Robotischen Mobilitätshilfen schließlich kommt in der Altenpflege aufgrund der verbreitet auftretenden Bewegungseinschränkungen eine wichtige praktische Bedeutung zu. Die Geräte werden entweder als Exoskelette direkt am Körper getragen oder stellen "intelligente", beispielsweise um Navigationsfunktionen ergänzte Erweiterungen einfacher Fortbewegungshilfen dar (Rollatoren, Rollstühle). Insbesondere Exoskelette bieten breite Anwendungsmöglichkeiten, da sie sowohl als alltägliche Mobilitätshilfe für ältere Menschen und Pflegebedürftige als auch zur Entlastung von Pflegekräften bei körperlich anstrengenden Aufgaben eingesetzt werden können.[13]

Die Königsdisziplin der Pflegerobotik ist der multifunktionale Roboterassistent, der anspruchsvolle Navigations- und Manipulationsfertigkeiten mit kommunikativen und sozial-affektiven Kompetenzen kombiniert und damit prinzipiell einen vollwertigen Alltagsgefährten darstellt. Dieses Leitbild war für das Entwicklungsgeschehen lange Zeit prägend[14] und bestimmt bis heute die öffentliche Wahrnehmung der Pflegerobotik. Mit dem Care-O-bot 4 des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) hat kürzlich die Inkarnation einer solchen Companion-Vision, von den Entwicklerinnen und Entwicklern als "vielseitiger Gentleman" angepriesen,[15] nach fast 20-jähriger Entwicklungszeit Marktreife erlangt. Ursprünglich zur Unterstützung körperlich beeinträchtigter Menschen im häuslichen Umfeld gedacht, zielt die derzeit anvisierte Kommerzialisierung des Systems allerdings primär auf andere Anwendungsfelder wie beispielsweise die Kundenführung im Einzelhandel. Für einen sicheren Einsatz als Haushalts- und Pflegeassistent sind die Manipulationsfähigkeiten bei Weitem noch nicht ausgereift.

Der Care-O-bot steht damit symptomatisch für den Stand der Pflegerobotik. Trotz langjähriger Entwicklungsbemühungen und unzähliger Prototypen hat es bislang nur eine Handvoll Systeme in die praktische Anwendung geschafft – allesamt Spezialanwendungen (neben der Robbe Paro gehören dazu einige Esshilfen sowie vereinzelte Exoskelette und Telepräsenzroboter), die über keine Greifarme und nur über begrenzte Autonomie verfügen und damit deutlich vom Leitbild des multifunktionalen Alltagsassistenten abweichen. Dafür verantwortlich sind unter anderem die hohen technischen Hürden, die es zu überwinden gilt. Hinzu kommt ein schwieriges Marktumfeld: Da die Pflegebranche unter hohem wirtschaftlichen Druck steht und nur wenige Dienstleister über ausreichendes Investitionspotenzial verfügen, ist unklar, ob sich die hohen Entwicklungskosten amortisieren lassen.[16] Viele Entwicklungsprojekte sind deshalb von öffentlicher Förderung abhängig.

Während der robotische Alltagsassistent in den vergangenen Jahren etwas an Attraktivität verloren hat, stehen zunehmend spezialisierte Automatisierungslösungen für die stationäre Pflege im Fokus der Entwicklerinnen und Entwickler – ein Beispiel ist etwa der "intelligente" Pflegewagen des Fraunhofer IPA, der dereinst in der Lage sein soll, autonom zum Einsatzort zu navigieren, den Verbrauch zu dokumentieren und Pflegeutensilien selbstständig nachzufüllen.[17] Die neue Schwerpunktsetzung erfolgte nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus, denn Systeme für den Einsatz in Pflegeheimen versprechen eine höhere Auslastung und damit eine verbesserte Kosten-Nutzen-Bilanz als Anwendungen für Privathaushalte. Insgesamt sind die zukünftigen Marktaussichten für die Pflegerobotik derzeit allerdings nur schwer absehbar. Sie hängen zum einen davon ab, wie sich die sozioökonomischen Rahmenbedingungen für die Pflegebranche im Zuge des demografischen Wandels entwickeln werden (Pflege- und Fachkräftebedarf, Personalkosten, staatliche Pflegeleistungen und weiteres). Zum anderen wird es jedoch auch entscheidend darauf ankommen, ob es gelingt, Systeme zu entwickeln, welche die hohen Anforderungen an den pflegerischen Nutzen sowie die Technikakzeptanz zu erfüllen vermögen.

Fußnoten

10.
Vgl. Birgit Graf/Torsten Heyer/Barbara Klein, Servicerobotik für den demografischen Wandel. Mögliche Einsatzfelder und Entwicklungsstand, in: Bundesgesundheitsblatt 56/2013, S. 1145–1152.
11.
Michael Decker, Robotik, in: Armin Grunwald (Hrsg.), Handbuch Technikethik, Stuttgart 2013, S. 356.
12.
Vgl. Barbara Klein, Zwischen Natur und Technik – Künstliche Tiere. Können künstliche Tiere zur Lebensqualität in der Altenhilfe beitragen?, in: Meret Fehlmann/Margot Michel/Rebecca Niederhauser (Hrsg.), Tierisch! Das Tier und die Wissenschaft. Ein Streifzug durch die Disziplinen, Zürich 2016, S. 33–42.
13.
Mobilitätshilfen sind bislang die einzigen Roboterlösungen für den Pflegebereich, die sich einigermaßen sinnvoll mit neurotechnologischen Schnittstellen kombinieren lassen. Das Exoskelett HAL ist vermutlich das weltweit erste kommerziell verfügbare Produkt, das Muskelsignale zur Bewegungssteuerung nutzt.
14.
Vgl. Bettina-Johanna Krings et al., ITA-Monitoring "Serviceroboter in Pflegearrangements", Pre-Print: 4.12.2012, Karlsruhe 2012, S. 41.
15.
Fraunhofer IPA, Roboter als vielseitiger Gentleman, Pressemitteilung, 15.1.2015.
16.
Vgl. Martin Hägele/Nikolaus Blümlein/Oliver Kleine, Wirtschaftlichkeitsanalysen neuartiger Servicerobotik-Anwendungen und ihre Bedeutung für die Robotik-Entwicklung. Eine Analyse der Fraunhofer-Institute IPA und ISI im Auftrag des BMBF, München 2011, S. 86ff.
17.
Vgl. Birgit Graf/Ralf S. King, Pflegewagen werden intelligent, in: Pflegezeitschrift 3/2016, S. 373ff.
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