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2.2.2018 | Von:
Christoph Kehl

Entgrenzungen zwischen Mensch und Maschine, oder: Können Roboter zu guter Pflege beitragen?

Was ist gute Pflege – und was können Roboter dazu beitragen?

Vergleicht man die gesellschaftliche Debatte zu Automatisierungsbestrebungen in der Pflege mit solchen, die zu ähnlichen Entwicklungen in anderen Dienstleistungskontexten geführt werden, so fällt ein Unterschied auf: Während bei den meisten Branchen die Diskussion um die Zukunft der Arbeit primär unter ökonomischen Vorzeichen geführt wird, vor allem im Hinblick auf mögliche negative Beschäftigungseffekte,[18] stehen bei der Pflege normative Fragen zur zukünftigen Ausgestaltung des professionellen Pflegehandelns klar im Vordergrund. Dies hat zwei Gründe: Zum einen scheint die Personaldecke in vielen Pflegeheimen bereits so ausgedünnt, dass die verbliebenen Rationalisierungspotenziale wohl kaum noch maßgeblich ins Gewicht fallen.[19] Zum anderen – wichtiger noch – handelt es sich bei der Pflege um eine personenbezogene, fürsorgliche Dienstleistung, in welcher der zwischenmenschlichen Interaktion eine grundlegende Bedeutung zukommt. Kaum jemand wird bestreiten wollen, dass Empathie, menschliche Zuwendung und körperliche Nähe zentrale Aspekte guter Pflege sind, was sich auch daran ablesen lässt, dass Vorstellungen einer vollautomatisierten, vollständig dehumanisierten Pflege gemeinhin als Schreckensvisionen gelten und unisono abgelehnt werden.[20] Dass derartige Dystopien im ethischen und öffentlichen Diskurs dennoch so prominent vertreten sind, verweist einerseits darauf, dass Automatisierungsbestrebungen im Pflegebereich normative Fragen neuer Dimension aufwerfen. Andererseits werden daran aber auch zentrale Defizite der entsprechenden Debatten deutlich. Da diese hauptsächlich um spekulative Szenarien kreisen, findet eine differenzierte inhaltliche Auseinandersetzung mit den Potenzialen und Grenzen der Robotik in der Pflege kaum statt.

Sicher ist: Einen Roboter zu schaffen, der Pflegeaufgaben am Menschen vollautonom übernehmen und somit eine menschliche Pflegekraft zu ersetzen vermag, ist weder ein technisch realistisches (zumindest nach jetzigem Stand) noch ein erklärtes Ziel. Mit den derzeit in Entwicklung befindlichen Lösungen wird vielmehr angestrebt, Pflegeprozesse technisch so zu assistieren, dass mehr Zeit für die eigentliche Pflege und zwischenmenschliche Begegnungen bleibt – sei es durch Entlastung des Pflegepersonals oder durch die Befähigung pflegebedürftiger Menschen zu sozialer Teilhabe. Die eigentliche Frage lautet dann also, ob und inwiefern sich diese Zielsetzungen in die Tat umsetzen lassen. Dies lässt sich wiederum nicht anhand spekulativer Szenarien, sondern nur mit einem genauen Blick auf die konkreten Nutzungszusammenhänge beantworten, schließlich zeigen die vorliegenden Erfahrungen, dass die Einführung neuer Technologien vielfältige Auswirkungen auf die Pflegearbeit haben kann. Relativ gut untersucht sind die derzeit laufenden Bestrebungen, elektronische Pflegedokumentations- und -managementsysteme einzuführen – ebenfalls einhergehend mit dem Versprechen, dadurch Zeitersparnisse und Arbeitserleichterungen zu erzielen. Studien zu den pflegerischen Implikationen des elektronischen Dokumentationswesens legen nahe,[21] dass die standardisierenden Effekte derartiger Systeme auch das Beziehungshandeln nicht unberührt lassen, es gewissermaßen einer "Maschinenlogik"[22] unterordnen. Deutlich wird daran, dass zweck- und empfindungsbezogene Bereiche professioneller Pflegearbeit nicht klar voneinander zu trennen, vielmehr eng aufeinander bezogen sind – ein Punkt, der auch aus pflegewissenschaftlicher Sicht betont wird.[23] Gute Pflege lässt sich demnach nicht auf standardisierte Problemlösungsverfahren reduzieren, sondern basiert wesentlich auf "körperlicher und emotionaler Arbeit", ohne die der "Zugang zum Anderen" verwehrt bleibt.[24]

Vor diesem Hintergrund sind Befürchtungen nicht von der Hand zu weisen, dass ein forcierter Robotereinsatz dazu führen könnte, dass Pflegearbeit zunehmend einem mechanistischen Verständnis unterworfen wird, das heißt auf zweckbezogene Anteile verengt und die empfindungsbezogenen Aspekte entsprechend marginalisiert werden – vor allem, wenn sich dadurch betriebswirtschaftlich einsparen lässt. Dies gilt umso mehr, als sich ein einseitiges Verständnis der Pflege als zweckrationales Problemlösungshandeln in übergreifende und bereits länger anhaltende Standardisierungs- wie auch Ökonomisierungsbestrebungen einordnet (z.B. zur Organisation der Versorgungsprozesse, zur Qualitätssicherung oder zur Abbildung und Abrechnung des Leistungsgeschehens), die nicht nur die Pflege, sondern das Gesundheitswesen insgesamt zunehmend betriebswirtschaftlichen Handlungslogiken unterwerfen.[25]

Was folgt daraus? Zumindest dreierlei. Erstens: Der Nutzen der autonomen Robotik für die Pflege lässt sich nicht isoliert an einzelnen, geeigneten respektive weniger geeigneten Aufgaben festmachen, da auch von der Automatisierung von Einzelprozessen tiefgreifende Implikationen für die gesamte Pflegepraxis zu erwarten sind. Um neue Robotiklösungen optimal in die Pflegearbeit einzupassen, müssen Arbeitsprozesse normiert, Qualitätsstandards definiert und auch das Arbeitsumfeld robotergerecht gestaltet werden. Zweitens: Bei der Frage, ob sich eine Robotikanwendung für die Pflege fruchtbar machen lässt, gilt es deren Auswirkungen auf die personengebundenen Kernprozesse genau im Blick zu behalten. Werden neue Freiräume für Beziehungshandeln geschaffen oder bestehende minimiert? Drittens: Darüber hinaus gibt es kein Patentrezept, wie sich die Potenziale der Robotik für die Pflege nutzbar machen lassen. Letztlich handelt es sich dabei um eine anspruchsvolle Gestaltungsaufgabe, die sowohl die Einzeltechnologien (Design, Funktionalität) als auch deren soziotechnische Einbettung einzubeziehen hat. Die Diskrepanz zwischen postuliertem Lösungspotenzial und tatsächlich erreichtem Nutzen robotischer Pflegeanwendungen ist nach Meinung verschiedener Expertinnen und Experten nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass den Bedürfnissen und Problemlagen der Pflegebedürftigen bislang zu wenig Beachtung geschenkt wurde und die resultierenden Anwendungen somit keinen wirklichen pflegerischen Mehrwert bieten.[26] Ausgangs- und Orientierungspunkt bei der Entwicklung neuer Technologien sollte deshalb nicht die technische Machbarkeit sein, sondern die tatsächlichen Unterstützungsbedarfe potenzieller Nutzerinnen und Nutzer sowie anderweitig Betroffener, die es partizipativ in den Entwicklungsprozess einzubeziehen gilt.[27]

Fazit

Gradmesser für die gesellschaftliche Relevanz aktueller Entwicklungen in der KI ist weniger der erreichte Grad an Künstlicher Intelligenz, die eher als abstrakter Oberbegriff für sehr unterschiedliche Verhaltensmerkmale "intelligenter" Systeme firmiert, sondern deren Fähigkeit, zunehmend autonom, das heißt unabhängig von menschlicher Steuerung, zu agieren (und das möglichst in komplexen Umgebungen). Insbesondere das Maschinelle Lernen ist dafür eine wichtige Voraussetzung; benötigt werden aber auch – zumindest bei Systemen, die sich in der analogen Welt bewegen – Wahrnehmungs-, Planungs- sowie Manipulationsfertigkeiten, die bislang erst unzureichend entwickelt und systemisch integriert sind. Die Relevanz dieser entgrenzenden Entwicklungen steht dennoch außer Frage. Wie das Beispiel Pflege zeigt, wirft die perspektivische Einbettung sich verselbstständigender Maschinen in menschliche Lebens- und Handlungskontexte viele normative Fragen auf und ist mit großen moralischen Unsicherheiten verbunden. Es scheint also unbedingt geboten, sich frühzeitig mit dieser Entwicklung zu befassen. Dass derzeit noch weitgehend unklar ist, ob, wann und in welcher konkreten Form die Robotik in den pflegerischen Alltag Einzug halten wird, steht dem nicht entgegen, sondern verweist im Gegenteil auf die Möglichkeit einer vorausschauenden Gestaltung dieser Technisierungsprozesse.

Ein zentrales Element dabei ist die Technikgestaltung im engeren Sinne, und zwar primär orientiert an den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen. Ebenso wichtig ist aber, die sozialen und diskursiven Treiber der Entwicklung nicht außer Acht zu lassen, wie gerade die Pflege deutlich macht. Zwar konnten im Bereich Robotik in den vergangenen Jahren zweifelsohne etliche Fortschritte erzielt werden; die hohen und teils überzogenen Erwartungen an das Lösungspotenzial robotischer Pflegesysteme vermögen diese jedoch nicht wirklich plausibel zu machen. Hinter den fortschreitenden Bestrebungen, Aspekte der Pflegearbeit zu technisieren, stehen vielmehr starke gesellschaftliche Interessen. Dazu gehören beispielsweise die seit Längerem laufenden Bemühungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten fast vollumfänglich informell geleistete Pflegearbeit zu professionalisieren und evidenzbasiert auszurichten, nicht zuletzt aus Kostengründen. Der demografische Wandel mit seinen enormen Herausforderungen verstärkt derartige Tendenzen und lässt Hightech-Lösungen wie die Robotik mit ihrem Versprechen auf eine effizientere Ausgestaltung der Pflegearbeit für viele als fast schon unausweichlich erscheinen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen nicht nur Forschung und Entwicklung, auch die gesellschaftliche Debatte zur Robotik in der Pflege allzu einseitig auf technische Machbarkeitsvisionen fixiert und zu wenig damit beschäftigt, was überhaupt wünschenswerte Entwicklungen sind. Ob Roboter zu guter Pflege beitragen können, ist letztlich weniger eine Frage des technischen Fortschritts als eine der sinnvollen Innovation von Arbeitsprozessen sowie institutioneller Rahmenbedingungen. Die Gestaltung guter Pflege ist deshalb in grundlegender Weise als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu sehen. Wie könnte also ein verantwortungsvoller Umgang mit den neuen technischen Möglichkeiten aussehen? Im TAB-Projekt "Robotik und assistive Neurotechnologien in der Pflege"[28] wurden dazu politische Handlungsmöglichkeiten herausgearbeitet, die hier nicht vertieft werden können. Nur so viel: Neben der Anpassung rechtlicher Rahmensetzungen (in den Bereichen Sicherheit, Datenschutz und Haftung) sowie der Förderung bedarfsorientierter Technikentwicklung erscheint als vordringliche Aufgabe, eine breite, auch öffentliche Debatte darüber anzustoßen, welche Rolle die Robotik in Pflegekontexten zukünftig spielen soll – und zwar auf Basis einer möglichst realistischen Einschätzung der Potenziale und Grenzen eines pflegerischen Robotereinsatzes.

Fußnoten

18.
Für Furore und anhaltenden Diskussionsbedarf sorgte insbesondere die Studie von Carl B. Frey/Michael A. Osborne, The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerization?, Oxford 2013.
19.
Vgl. Volker Hielscher/Lukas Nock/Sabine Kirchen-Peters, Technikeinsatz in der Altenpflege. Potenziale und Probleme in empirischer Perspektive, Baden-Baden 2015, S. 153.
20.
Vgl. Robert Sparrow/Linda Sparrow, In the Hands of Machines? The Future of Aged Care, in: Minds & Machines 16/2006, S. 141–161.
21.
Vgl. z.B. Hans-Peter de Ruiter/Joan Liaschenko/Jan Angus, Problems with the Electronic Health Record, in: Nursing Philosophy 17/2016, S. 49–58.
22.
Manfred Hülsken-Giesler, Der Zugang zum Anderen. Zur theoretischen Rekonstruktion von Professionalisierungsstrategien pflegerischen Handelns im Spannungsfeld von Mimesis und Maschinenlogik, Osnabrück 2008.
23.
Vgl. ebd.
24.
Ebd., S. 26
25.
Vgl. Alexandra Manzei, Neue betriebswirtschaftliche Steuerungsformen im Krankenhaus: wie durch die Digitalisierung der Medizin ökonomische Sachzwänge in der Pflegepraxis entstehen, in: Pflege und Gesellschaft 14/2009, S. 38–53.
26.
Vgl. Krings et al. (Anm. 14).
27.
Vgl. Diego Compagna/Stefan Derpmann, Verfahren partizipativer Technikentwicklung, Working Papers kultur- und techniksoziologische Studien 4/2009.
28.
Der entsprechende TAB-Arbeitsbericht Nr. 177 ist derzeit in Vorbereitung.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christoph Kehl für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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