3D-Illustration von Gehirnzellen

2.2.2018 | Von:
Ingo Irsigler
Dominik Orth

Zwischen Menschwerdung und Weltherrschaft: Künstliche Intelligenz im Film

Mission: Menschwerdung

Filmische Erzählungen, die menschlich individualisierte, mit humanen Eigenschaften ausgestattete Roboter oder künstliche Wesen ins Zentrum stellen, verfügen in der Regel über drei charakteristische Handlungselemente.

Erschaffungszweck
Gemeinsam ist den Filmen erstens, dass sie den jeweils spezifischen "Erschaffungszweck" menschenähnlicher Robotersysteme zu Beginn der Handlung klar benennen. Prinzipiell werden diese Systeme kreiert, um Menschen zu dienen; in den einzelnen Filmen erfolgt ihre Erschaffung aus ganz unterschiedlichen Motiven: Caleb, der Erbauer von Ava aus "Ex Machina", erschafft beispielsweise Roboter, um sich diese als Sexsklavinnen zu halten. Die Künstliche Intelligenz dient hier insbesondere der Befriedigung von Trieben. Die sogenannten Replikanten in "Blade Runner" gelten hingegen als Arbeitssklaven. Sie dienen nicht nur individuellen, sondern vielmehr sozialen Zwecken, da sie fremde Welten erschließen, auf denen Menschen zukünftig leben sollen. Der Roboterjunge David aus Spielbergs "A.I." wiederum wird aus zwei Gründen erschaffen. Erstens versucht sein "Erzeuger" auf diese Weise, den Verlust seines Sohnes zu kompensieren: Der Roboterjunge wird dem offensichtlich verstorbenen realen Jungen des Entwicklers Allen Hobby nachgebildet. Zweitens dient David potenziell kommerziellen Zwecken, um es kinderlosen Paaren oder Paaren mit kranken Kindern zu ermöglichen, ein gesundes – wenn auch "künstliches" – Kind zu haben. Die Motive für die Entwicklung und technische Umsetzung menschenähnlicher Roboter sind in den KI-Filmen demnach vielfältig: Sie sind persönlicher (mitunter egoistischer), in anderen Fällen sozialer oder ökonomischer Natur.

Versteht man die Filme als fiktionale Möglichkeitsräume, die technologische Entwicklungen – vor der Möglichkeit der tatsächlichen Realisierung – reflektieren, so ergeben sich aus diesen Erschaffungsmotiven moralische und ethische Fragen, die die Filme mit Blick auf die Wirklichkeit hochtechnologisierter Gesellschaften zwangsläufig stellen: Ist es moralisch gerechtfertigt, dass künstliche Wesen mit eigenem Bewusstsein als Sex- oder Arbeitssklaven "gezüchtet" werden, wie in "Ex Machina" oder "Blade Runner"? Wie ist es ethisch zu bewerten, dass Kinder durch Künstliche Intelligenzen ersetzt werden?

Erkennen der Nicht-Menschlichkeit
Neben dem Erschaffungszweck ist die Konfrontation der Künstlichen Intelligenzen mit ihrer Nicht-Menschlichkeit ein zweites zentrales Handlungselement von Filmen mit einer "Körper-KI". Diese Konfrontation ist wiederum entscheidend für die Handlung oder, genauer gesagt, für die Motivation des Handelns der "Figuren" der jeweiligen Filme: Prinzipiell resultiert aus der Erkenntnis ihrer menschlichen Unvollkommenheit der Plan einer Vermenschlichung. Das Ziel der Menschwerdung ist also eng mit dem Bewusstsein über die nicht-menschlichen Eigenschaften verknüpft. Das Erkennen der eigenen Künstlichkeit und der daraus resultierende Plan der Vermenschlichung stehen demnach in einem engen narrativen Zusammenhang. Die Umsetzung des Plans variiert indes, wobei zwei Handlungsoptionen unterschieden werden können: Die eine Handlungsoption besteht darin, dass die Künstlichen Intelligenzen Gewalt anwenden, um ihre Ziele zu erreichen, die andere Variante schildert eine friedliche Mission der Menschwerdung. Damit einhergeht ein unterschiedlicher kritisch-reflexiver Umgang mit dem Thema der Künstlichen Intelligenz.

Den Replikanten um Roy Batty in "Blade Runner" etwa wird ihre frühe "Sterblichkeit" bewusst, denn sie haben nur einen "Lebenszyklus" von vier Jahren. Das Ziel der Menschwerdung ist folglich eine Verlängerung der Lebenszeit. Ava aus "Ex Machina" wiederum ist sich bewusst, dass ihr Äußeres aufgrund der anthropomorphen Gestalt zunächst zwar menschenähnlich erscheint, jedoch durch die großflächige Durchsichtigkeit ihres Körpers ihren technologischen Ursprung verrät. Sie erkennt, dass der Aspekt ihrer offensichtlichen Nicht-Menschlichkeit dabei stören könnte, ihr Ziel zu erreichen, den Programmierer Nathan zu bezirzen, damit dieser ihr behilflich ist, aus dem Gefängnis ihres Erbauers Caleb zu entkommen. Die Replikanten in "Blade Runner" und auch Ava aus "Ex Machina" wenden Gewalt an, um dem Ziel einer weiteren Vermenschlichung näherzukommen. Roy Batty und seine Weggefährten hinterlassen bei dem Versuch, die ihnen eingebaute kurze Lebensspanne von vier Jahren zu verlängern, eine Spur des Todes. Ebenso wie Ava nehmen sie dabei die Tötung ihres "Schöpfers" in Kauf: Eldon Tyrell, der die Existenz der Replikanten verantwortet, stirbt ebenso wie Caleb, der Erbauer von Ava, durch die Hand seiner Geschöpfe. Diese Gewalt als Mittel zur Umsetzung des Plans der Menschwerdung impliziert eine Warnung, Wesen mit Künstlicher Intelligenz zu erschaffen. Durch die Ausbildung einer eigenen Intelligenz besteht die Gefahr – so vermitteln es diese Filme in ihrer fiktionalen Auslotung potenzieller Folgen der Entwicklung künstlicher Individuen –, dass die zu bestimmten Zwecken erschaffenen Wesen sich von diesem Zweck emanzipieren. Die Filme beschreiben damit einen Kontrollverlust des Menschen über ihre nun eigenständig agierenden intelligenten "Kunstgeschöpfe". Die Gewalt richtet sich, so prognostizieren diese Filme, gegen diejenigen, die für die Situation der Künstlichen Intelligenzen verantwortlich zeichnen.

Herausforderungen ganz anderer Art werden durch Filme thematisiert, in denen die Mission Menschwerdung mit friedlichen Mitteln erfolgt. Das Roboterkind David aus "A.I. – Artificial Intelligence" steht beispielsweise für die friedliche Variante. Er dient den Eltern des schwer erkrankten Martin als Kinderersatz. David wird durch Martins plötzliche Genesung damit konfrontiert, dass er nicht "echt" ist. Aufgrund seiner Programmierung glaubt er zwar, dass Martins Mutter Monica auch seine Mutter ist. Durch die Rückkehr von Martin in den Schoß der Familie und die damit einhergehende Bevorzugung des menschlichen Kindes muss er jedoch erkennen, dass ihm Entscheidendes fehlt, um wirklich geliebt zu werden: echte Menschlichkeit. Er nimmt daraufhin die Geschichte von Pinocchio, der durch die blaue Fee in dem Kinderbuch von Carlo Collodi zu einem "richtigen" Jungen wird, zum Vorbild. Er begibt sich in dem Glauben, dass sie wirklich existiere, auf die Suche nach der Fee, damit sie auch ihm seinen Wunsch erfüllen kann, ein "echtes" menschliches Kind zu werden, damit er von seiner "Mutter" geliebt werden kann. Die Handlung des Films betont demnach das Problem der Verantwortung gegenüber künstlich erschaffenen, intelligenten Wesen mit eigenem Bewusstsein. Daneben werden ebenfalls Formen der Ausgrenzung von "Andersartigen" thematisiert. (David wird von Monica weniger geliebt, weil er "anders" ist, und Martins Freunde erkennen ihn nicht als gleichwertig an, bedrohen David deswegen sogar.) Damit wird letztlich auch die Frage nach den Möglichkeiten einer Integration von Individuen mit KI in die Gesellschaft gestellt: Welche Rechte haben künstliche Wesen mit menschenartigem Bewusstsein? Insbesondere die unmenschlich anmutende Massakrierung künstlicher Individuen durch Menschen auf einem im Film dargestellten Fest namens "Flesh Fair" verweist auf Fragen, mit denen sich eine Gesellschaft womöglich konfrontiert sieht, wenn sie die Entwicklung von individuellen Künstlichen Intelligenzen forciert.

Versuch der Menschwerdung
Schließlich stellt drittens der Ausgang der Mission Menschwerdung ein weiteres typisches filmübergreifendes Handlungselement dar. Die mit der Umsetzung des Plans – friedlich oder durch Gewalt – einhergehenden Implikationen werden je nach Scheitern oder Gelingen des Ziels abgeschwächt oder verstärkt. Der Roboterjunge David etwa, dem es trotz seiner friedlichen Bemühungen nicht möglich ist, zu Monicas Lebzeiten seine sich selbst auferlegte Mission zu erfüllen, wird durch dieses Scheitern zu einer tragischen Figur. Sein menschliches Bedürfnis, geliebt zu werden, und die gleichzeitigen Akzeptanzprobleme als nicht-menschliches und somit "anderes" Wesen, unterstreichen die aufgeworfenen Fragen nach einem verantwortungsvollen Umgang der Gesellschaft mit künstlichen Individuen mit menschenähnlichem Bewusstsein. Das Scheitern des Replikanten Roy Batty wiederum schwächt einerseits das implizierte Bedrohungspotenzial von autark agierenden, körpergebundenen artifiziellen Wesen, denn trotz Gewaltanwendung sorgt die integrierte Kontrolle der Lebensdauer dafür, die von Künstlichen Intelligenzen ausgehenden Bedrohungen einzudämmen. Andererseits wirft seine geradezu "menschliche" Geste der Rettung seines Feindes und Replikantenjägers Deckard am Ende des Films die philosophische Frage auf, woran sich Menschlichkeit überhaupt messen lässt: an der Lebensdauer oder an humanen Verhaltensweisen? Die von Ava ausgehende Bedrohung wiederum bleibt bestehen. Sowohl durch ihr manipulatives Verhalten als auch durch ihre im Film dargestellte zunehmende äußerliche Annäherung an menschliche Erscheinungsbilder (Verdeckung des Elektronengehirns durch eine Perücke, Kleidung, die ihre durchsichtigen Körperteile kaschiert) gelingt es ihr annähernd, ihr Ziel zu erreichen. Um selbstständig agieren zu können, wendet sie Gewalt an. Da sich die "menschliche Maschine" erfolgreich gegen ihren Schöpfer wendet, bleibt ihr Gewalt- und Bedrohungspotenzial bestehen.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Ingo Irsigler, Dominik Orth für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.