3D-Illustration von Gehirnzellen
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2.2.2018 | Von:
Ingo Irsigler
Dominik Orth

Zwischen Menschwerdung und Weltherrschaft: Künstliche Intelligenz im Film

"I know that you and Frank were planning to disconnect me, and I’m afraid that’s something I cannot allow to happen." – Dieses Zitat aus Stanley Kubricks "2001 – A Space Odyssey" (1968) stammt – das Verb disconnect verweist unmissverständlich darauf – nicht von einer menschlichen Figur. Vielmehr weigert sich mit diesen Worten HAL 9000, der Bordcomputer des Raumschiffs "Discovery 1", dem Astronauten Dave, der eine kurze Bergungsmission im All unternommen hatte, wieder Zugang zum Raumschiff zu gewähren. Doch Hal[1] ist mehr als ein Computer: Er (oder sollte man schreiben: es?) gilt als "brain and central nervous system of the ship", wie es im Film heißt, ist also eine Künstliche Intelligenz (KI). Diese steuert den gesamten Schiffsablauf, verantwortet die Öffnung und Schließung der Zugangsluken und kann verhindern, dass Dave wieder an Bord gelangt. Das eingangs genannte Zitat markiert einerseits einen entscheidenden Wendepunkt innerhalb dieses Kino-Klassikers, gleichzeitig steht es beispielhaft für eines der zentralen Handlungselemente von Spielfilmen, die das Thema Künstliche Intelligenz aufgreifen: Die Übernahme der Kontrolle durch die KI, die gleichsam einen Kontrollverlust des Menschen über die Technik bedeutet. Technik und Mensch sind in solchen Narrationen zu Gegenspielern geworden.

Während es Dave aus "2001 – A Space Odyssey" dennoch gelingt, Hal und somit die von einer Künstlichen Intelligenz ausgehende Bedrohung ab- und damit also auszuschalten, zeigt ein Blick auf die Filmgeschichte der vergangenen Jahrzehnte, dass sich nicht immer das Menschliche durchsetzt: So gelingt es der KI in Filmen der "The Matrix"-Trilogie (1999/2003) oder "Terminator"-Reihe (ab 1984), die Kontrolle über die Menschen (ja sogar die Menschheit) dauerhaft zu übernehmen, während die mit artifizieller Intelligenz ausgestatteten Roboter und künstlichen Menschen in "Blade Runner" (1982) oder "A.I. – Artificial Intelligence" (2001) danach streben, menschlicher (teilweise sogar zu "echten" Menschen) zu werden.

Bereits diese wenigen Beispiele zeigen, wie vielgestaltig filmische Fiktionen das Thema der Künstlichen Intelligenz ausgestalten. Trotz dieser Vielzahl an Varianten folgen viele "KI-Filme" – wie wir im Folgenden anhand ausgewählter Beispiele aufzeigen werden – ähnlichen Handlungsmustern und enthalten ähnliche erzählerische Elemente, die den Filmen ein reflexives Potenzial einschreiben. Denn auf welche Art und Weise Künstliche Intelligenz auch thematisiert wird: Vielfach verweisen die Filme auf Technikreflexionen hinsichtlich der KI in der realen Welt und positionieren sich implizit dazu, indem Möglichkeiten, vor allem aber Gefahren und Grenzen der Künstlichen Intelligenz im Modus der Fiktion ausgelotet werden.

Zwei Grundformen Künstlicher Intelligenz im Spielfilm

Grundsätzlich sind zwei Hauptthemen von KI-Filmen zu unterscheiden, die divergierenden Handlungsmustern folgen: Diese Themen können mit den Begriffen "Körper-KI" einerseits und "Hyper-KI" andererseits bezeichnet werden. Unter "Körper-KI" verstehen wir, dass ein Roboter oder ein anderes künstlich hergestelltes Wesen ein eigenes Bewusstsein implementiert bekommt oder selbstständig aus- und weitergebildet hat. Eine solche "Körper-KI", wie sie etwa der Replikant Roy Batty aus Ridley Scotts "Blade Runner", der Roboterjunge David aus Steven Spielbergs "A.I. – Artificial Intelligence" oder Ava aus Alex Garlands "Ex Machina" (2014) besitzen, ist demnach körpergebunden, es handelt sich um menschenähnliche Entitäten. Typisches Handlungsmuster für entsprechende Filme ist, dass diese technisch erzeugten Wesen die Intention haben, humaner zu werden.

Ein anderes Ziel hingegen verfolgen die als "Hyper-KI" zu bezeichnenden Technologien, die körperlos und somit körperungebunden sind und sich nicht nur dadurch "über" die Menschheit erheben. Sie sind nicht an die Grenzen eines menschenähnlichen Körpers gebunden und versuchen zumeist, aus unterschiedlichen Motiven, die Kontrolle über die Menschen zu erlangen. Welcher Stellenwert diesen Intelligenzen in der jeweiligen erzählten Welt zugesprochen wird, zeigt sich bereits in der Namensgebung: Einige Künstliche Intelligenzen sind mit personifizierenden Namen versehen, wie etwa "V.I.K.I." in Alex Proyas’ "I, Robot" (2004) oder "Samantha" in Spike Jonzes "Her" (2013); anderen ist hingegen ihr technologischer Hintergrund durch ihre Bezeichnung eingeschrieben, wie dem "Master Control Program" in Steven Lisbergers "Tron" (1982) oder der KI "Skynet" aus der "Terminator"-Reihe. Während durch die menschenähnliche Namensgebung versucht wird, den technologischen Intelligenzen einen menschlichen Charakter zu verleihen und sie damit verharmlost werden, ergibt sich aus den technologisch orientierten Bezeichnungen die Zielsetzung der KI: Das "Master Control Program" will umfassend kontrollieren, und "Skynet" unterscheidet sich durch eine übergeordnete Vernetzung von menschlichen Intelligenzen.

Die zwei Grundformen Künstlicher Intelligenz sind an bestimmte narrative Formen geknüpft, das heißt: Filme, die jeweils eines der Hauptthemen aufgreifen, verfügen zum einen über ähnliche Handlungsmuster und laufen zum anderen auf divergierende Zielsetzungen zu: "Menschwerdung" ("Körper-KI") versus "Kontrolle über Menschen" ("Hyper-KI"). Damit einhergehend werden in den unterschiedlichen Themenkomplexen verschiedene Formen und Funktionen von Künstlicher Intelligenz aufgegriffen, die gesellschaftliche Chancen und Risiken innovativer Technologien kritisch reflektieren.

Mission: Menschwerdung

Filmische Erzählungen, die menschlich individualisierte, mit humanen Eigenschaften ausgestattete Roboter oder künstliche Wesen ins Zentrum stellen, verfügen in der Regel über drei charakteristische Handlungselemente.

Erschaffungszweck
Gemeinsam ist den Filmen erstens, dass sie den jeweils spezifischen "Erschaffungszweck" menschenähnlicher Robotersysteme zu Beginn der Handlung klar benennen. Prinzipiell werden diese Systeme kreiert, um Menschen zu dienen; in den einzelnen Filmen erfolgt ihre Erschaffung aus ganz unterschiedlichen Motiven: Caleb, der Erbauer von Ava aus "Ex Machina", erschafft beispielsweise Roboter, um sich diese als Sexsklavinnen zu halten. Die Künstliche Intelligenz dient hier insbesondere der Befriedigung von Trieben. Die sogenannten Replikanten in "Blade Runner" gelten hingegen als Arbeitssklaven. Sie dienen nicht nur individuellen, sondern vielmehr sozialen Zwecken, da sie fremde Welten erschließen, auf denen Menschen zukünftig leben sollen. Der Roboterjunge David aus Spielbergs "A.I." wiederum wird aus zwei Gründen erschaffen. Erstens versucht sein "Erzeuger" auf diese Weise, den Verlust seines Sohnes zu kompensieren: Der Roboterjunge wird dem offensichtlich verstorbenen realen Jungen des Entwicklers Allen Hobby nachgebildet. Zweitens dient David potenziell kommerziellen Zwecken, um es kinderlosen Paaren oder Paaren mit kranken Kindern zu ermöglichen, ein gesundes – wenn auch "künstliches" – Kind zu haben. Die Motive für die Entwicklung und technische Umsetzung menschenähnlicher Roboter sind in den KI-Filmen demnach vielfältig: Sie sind persönlicher (mitunter egoistischer), in anderen Fällen sozialer oder ökonomischer Natur.

Versteht man die Filme als fiktionale Möglichkeitsräume, die technologische Entwicklungen – vor der Möglichkeit der tatsächlichen Realisierung – reflektieren, so ergeben sich aus diesen Erschaffungsmotiven moralische und ethische Fragen, die die Filme mit Blick auf die Wirklichkeit hochtechnologisierter Gesellschaften zwangsläufig stellen: Ist es moralisch gerechtfertigt, dass künstliche Wesen mit eigenem Bewusstsein als Sex- oder Arbeitssklaven "gezüchtet" werden, wie in "Ex Machina" oder "Blade Runner"? Wie ist es ethisch zu bewerten, dass Kinder durch Künstliche Intelligenzen ersetzt werden?

Erkennen der Nicht-Menschlichkeit
Neben dem Erschaffungszweck ist die Konfrontation der Künstlichen Intelligenzen mit ihrer Nicht-Menschlichkeit ein zweites zentrales Handlungselement von Filmen mit einer "Körper-KI". Diese Konfrontation ist wiederum entscheidend für die Handlung oder, genauer gesagt, für die Motivation des Handelns der "Figuren" der jeweiligen Filme: Prinzipiell resultiert aus der Erkenntnis ihrer menschlichen Unvollkommenheit der Plan einer Vermenschlichung. Das Ziel der Menschwerdung ist also eng mit dem Bewusstsein über die nicht-menschlichen Eigenschaften verknüpft. Das Erkennen der eigenen Künstlichkeit und der daraus resultierende Plan der Vermenschlichung stehen demnach in einem engen narrativen Zusammenhang. Die Umsetzung des Plans variiert indes, wobei zwei Handlungsoptionen unterschieden werden können: Die eine Handlungsoption besteht darin, dass die Künstlichen Intelligenzen Gewalt anwenden, um ihre Ziele zu erreichen, die andere Variante schildert eine friedliche Mission der Menschwerdung. Damit einhergeht ein unterschiedlicher kritisch-reflexiver Umgang mit dem Thema der Künstlichen Intelligenz.

Den Replikanten um Roy Batty in "Blade Runner" etwa wird ihre frühe "Sterblichkeit" bewusst, denn sie haben nur einen "Lebenszyklus" von vier Jahren. Das Ziel der Menschwerdung ist folglich eine Verlängerung der Lebenszeit. Ava aus "Ex Machina" wiederum ist sich bewusst, dass ihr Äußeres aufgrund der anthropomorphen Gestalt zunächst zwar menschenähnlich erscheint, jedoch durch die großflächige Durchsichtigkeit ihres Körpers ihren technologischen Ursprung verrät. Sie erkennt, dass der Aspekt ihrer offensichtlichen Nicht-Menschlichkeit dabei stören könnte, ihr Ziel zu erreichen, den Programmierer Nathan zu bezirzen, damit dieser ihr behilflich ist, aus dem Gefängnis ihres Erbauers Caleb zu entkommen. Die Replikanten in "Blade Runner" und auch Ava aus "Ex Machina" wenden Gewalt an, um dem Ziel einer weiteren Vermenschlichung näherzukommen. Roy Batty und seine Weggefährten hinterlassen bei dem Versuch, die ihnen eingebaute kurze Lebensspanne von vier Jahren zu verlängern, eine Spur des Todes. Ebenso wie Ava nehmen sie dabei die Tötung ihres "Schöpfers" in Kauf: Eldon Tyrell, der die Existenz der Replikanten verantwortet, stirbt ebenso wie Caleb, der Erbauer von Ava, durch die Hand seiner Geschöpfe. Diese Gewalt als Mittel zur Umsetzung des Plans der Menschwerdung impliziert eine Warnung, Wesen mit Künstlicher Intelligenz zu erschaffen. Durch die Ausbildung einer eigenen Intelligenz besteht die Gefahr – so vermitteln es diese Filme in ihrer fiktionalen Auslotung potenzieller Folgen der Entwicklung künstlicher Individuen –, dass die zu bestimmten Zwecken erschaffenen Wesen sich von diesem Zweck emanzipieren. Die Filme beschreiben damit einen Kontrollverlust des Menschen über ihre nun eigenständig agierenden intelligenten "Kunstgeschöpfe". Die Gewalt richtet sich, so prognostizieren diese Filme, gegen diejenigen, die für die Situation der Künstlichen Intelligenzen verantwortlich zeichnen.

Herausforderungen ganz anderer Art werden durch Filme thematisiert, in denen die Mission Menschwerdung mit friedlichen Mitteln erfolgt. Das Roboterkind David aus "A.I. – Artificial Intelligence" steht beispielsweise für die friedliche Variante. Er dient den Eltern des schwer erkrankten Martin als Kinderersatz. David wird durch Martins plötzliche Genesung damit konfrontiert, dass er nicht "echt" ist. Aufgrund seiner Programmierung glaubt er zwar, dass Martins Mutter Monica auch seine Mutter ist. Durch die Rückkehr von Martin in den Schoß der Familie und die damit einhergehende Bevorzugung des menschlichen Kindes muss er jedoch erkennen, dass ihm Entscheidendes fehlt, um wirklich geliebt zu werden: echte Menschlichkeit. Er nimmt daraufhin die Geschichte von Pinocchio, der durch die blaue Fee in dem Kinderbuch von Carlo Collodi zu einem "richtigen" Jungen wird, zum Vorbild. Er begibt sich in dem Glauben, dass sie wirklich existiere, auf die Suche nach der Fee, damit sie auch ihm seinen Wunsch erfüllen kann, ein "echtes" menschliches Kind zu werden, damit er von seiner "Mutter" geliebt werden kann. Die Handlung des Films betont demnach das Problem der Verantwortung gegenüber künstlich erschaffenen, intelligenten Wesen mit eigenem Bewusstsein. Daneben werden ebenfalls Formen der Ausgrenzung von "Andersartigen" thematisiert. (David wird von Monica weniger geliebt, weil er "anders" ist, und Martins Freunde erkennen ihn nicht als gleichwertig an, bedrohen David deswegen sogar.) Damit wird letztlich auch die Frage nach den Möglichkeiten einer Integration von Individuen mit KI in die Gesellschaft gestellt: Welche Rechte haben künstliche Wesen mit menschenartigem Bewusstsein? Insbesondere die unmenschlich anmutende Massakrierung künstlicher Individuen durch Menschen auf einem im Film dargestellten Fest namens "Flesh Fair" verweist auf Fragen, mit denen sich eine Gesellschaft womöglich konfrontiert sieht, wenn sie die Entwicklung von individuellen Künstlichen Intelligenzen forciert.

Versuch der Menschwerdung
Schließlich stellt drittens der Ausgang der Mission Menschwerdung ein weiteres typisches filmübergreifendes Handlungselement dar. Die mit der Umsetzung des Plans – friedlich oder durch Gewalt – einhergehenden Implikationen werden je nach Scheitern oder Gelingen des Ziels abgeschwächt oder verstärkt. Der Roboterjunge David etwa, dem es trotz seiner friedlichen Bemühungen nicht möglich ist, zu Monicas Lebzeiten seine sich selbst auferlegte Mission zu erfüllen, wird durch dieses Scheitern zu einer tragischen Figur. Sein menschliches Bedürfnis, geliebt zu werden, und die gleichzeitigen Akzeptanzprobleme als nicht-menschliches und somit "anderes" Wesen, unterstreichen die aufgeworfenen Fragen nach einem verantwortungsvollen Umgang der Gesellschaft mit künstlichen Individuen mit menschenähnlichem Bewusstsein. Das Scheitern des Replikanten Roy Batty wiederum schwächt einerseits das implizierte Bedrohungspotenzial von autark agierenden, körpergebundenen artifiziellen Wesen, denn trotz Gewaltanwendung sorgt die integrierte Kontrolle der Lebensdauer dafür, die von Künstlichen Intelligenzen ausgehenden Bedrohungen einzudämmen. Andererseits wirft seine geradezu "menschliche" Geste der Rettung seines Feindes und Replikantenjägers Deckard am Ende des Films die philosophische Frage auf, woran sich Menschlichkeit überhaupt messen lässt: an der Lebensdauer oder an humanen Verhaltensweisen? Die von Ava ausgehende Bedrohung wiederum bleibt bestehen. Sowohl durch ihr manipulatives Verhalten als auch durch ihre im Film dargestellte zunehmende äußerliche Annäherung an menschliche Erscheinungsbilder (Verdeckung des Elektronengehirns durch eine Perücke, Kleidung, die ihre durchsichtigen Körperteile kaschiert) gelingt es ihr annähernd, ihr Ziel zu erreichen. Um selbstständig agieren zu können, wendet sie Gewalt an. Da sich die "menschliche Maschine" erfolgreich gegen ihren Schöpfer wendet, bleibt ihr Gewalt- und Bedrohungspotenzial bestehen.

Mission: Kontrolle über Menschen

Eine von Künstlichen Intelligenzen ausgehende Bedrohung steht auch im Zentrum derjenigen Filme, deren Handlung von einer "Hyper-KI" geprägt ist. Im Gegensatz zu einer "Körper-KI" wollen diese nicht menschlich sein (oder besser gesagt: werden), denn das würde bedeuten, die eigenen Möglichkeiten selbst zu limitieren. Diese Form der Künstlichen Intelligenz weiß, dass sie den Menschen und der Menschheit bei Weitem überlegen ist und entfaltet vor diesem Hintergrund oftmals ein Streben nach Allmacht. Die Ziele – und damit einhergehend die typischen Handlungsmuster – sind daher anders ausgerichtet als bei den körpergebundenen Intelligenzen. Auch hier lassen sich überwiegend drei spezifische Handlungselemente beobachten.

Erschaffungszweck
Ähnlich wie körpergebundene Formen von Künstlicher Intelligenz erfüllen die körperungebundenen Intelligenz-Technologien[2] erstens zunächst ihre vom Menschen definierten Aufgaben, die grundsätzlich Zielen der Menschen oder der Menschheit entsprechen. Hal in "2001 – A Space Odyssey" kümmert sich um alle Abläufe des Raumschiffs, "V.I.K.I." aus "I, Robot" optimiert erfolgreich Sicherheitssysteme für die Stadt Chicago. Der jeweilige "Erschaffungszweck" liegt in der Regel darin, das Leben natürlicher Intelligenzen zu vereinfachen. Die maschinellen Intelligenzen übernehmen Aufgaben, die sie besser und schneller erledigen können als Menschen mit ihren vergleichsweise begrenzten physischen und kognitiven Möglichkeiten.

Kontrollverlust
Das zweite zentrale Handlungselement ist der Kontrollverlust der Menschen über die von ihnen geschaffene Technologie, wobei unterschiedliche Ausprägungen dieses narrativen Musters festzustellen sind. Einige Filme thematisieren, aufbauend auf ihrer Zielerfüllung, die potenzielle Widersprüchlichkeit verschiedener einprogrammierter Ziele und die Versuche der intelligenten Konstrukte, den Zielen dennoch zu entsprechen. Nicht selten resultiert aus dieser Widersprüchlichkeit eine Gefahr für die Menschen. Hal aus "2001 – A Space Odyssey" zum Beispiel ermordet nach und nach die Crewmitglieder des Raumschiffs Discovery, da er befürchtet, die Jupitermission sei in Gefahr, wenn es den Astronauten wie geplant gelingen sollte, ihn aufgrund einer falschen technischen Fehlerdiagnose abzuschalten. Er stellt also die Mission über das Leben der Menschen. "V.I.K.I." aus "I, Robot" handelt ganz ähnlich, wenn sie eine Roboter-Armada auf Menschen loslässt, um die selbstmörderische Menschheit vor sich selbst zu schützen.[3] Was die Filme also thematisieren, ist der Kontrollverlust über die Künstliche Intelligenz und die existenziellen Gefahren einer entsprechenden technischen Entwicklung: Die "Hyper-KI" geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen, um ihren Erschaffungszweck zu erfüllen.

Noch weiter gedacht ist die Gefahr des Kontrollverlustes in Filmen, in denen die körperlosen Künstlichen Intelligenzen ein rapides Wachstum ihres "Gehirns" und somit ihrer Fähigkeiten erfahren und daraufhin das Ziel entwickeln, sich sowohl von den ursprünglich gestellten Aufgaben als auch von der gesamten Menschheit zu emanzipieren.[4] Das grenzenlose Wachstum der Künstlichen Intelligenzen geht einher mit einem ausgeprägten Machthunger, der in der Regel soweit greift, dass die Menschheit ins Visier gerät. In "Tron" beispielsweise berechnet das "Master Control Program", dass es inzwischen 2.415-mal intelligenter als bei der Programmierung sei und deshalb die Menschen 900- bis 1.200-mal besser regieren könne, als sie selbst dazu in der Lage wären. In der "Terminator"-Reihe entwickelt "Skynet" aufgrund des unglaublichen Wachstums ein eigenes Bewusstsein und löst einen Atomkrieg aus, damit die Menschen sich gegenseitig vernichten, wodurch "Skynet" über die Erde herrschen kann. Im "Matrix"-Universum, so zeigen es unter anderem auch die "Animatrix"-Animationsfilme "The Second Renaissance I + II" (2003), streben die Maschinen ebenfalls die Herrschaft an, um den Krieg zwischen Maschinen und Menschen für sich zu entscheiden und versklaven dabei die Menschheit, indem sie diese als Energiequelle verwenden.[5] In "Transcendence" (2014) gelingt es durch die Verschmelzung eines in einen Computer geladenen Bewusstseins des KI-Forschers Will Caster mit der Künstlichen Intelligenz "PINN", Nano-Technologien zu entwickeln, die Menschen heilen und optimieren können. Diese transhumanistisch optimierten Menschen wiederum werden zur potenziellen Bedrohung, da sie übermenschliche Kräfte entwickeln und der Machtausübung der "Hyper-KI" dienen.[6] In den genannten Beispielen wenden sich die künstlichen "Geschöpfe" der Menschen gegen ihre "Schöpfer", aber nicht – wie eine "Körper-KI" – um menschlicher zu werden, sondern um die Menschheit (vermeintlich) zu optimieren ("Transcendence"), zu beherrschen ("Tron"), zu versklaven ("The Matrix") oder zu vernichten ("Terminator").

Kampf zwischen KI und Menschen
Das dritte zentrale Handlungselement in den Filmen mit einer "Hyper-KI" ist schließlich der Kampf zwischen den Menschen und der Künstlichen Intelligenz. Je nach Ausgang der oft kriegerischen Auseinandersetzungen, die prinzipiell das Bedrohungspotenzial Künstlicher Intelligenzen aufzeigen, lassen sich unterschiedliche Bedeutungsimplikationen feststellen. Gelingt es den Menschen, die KI zu besiegen, ist die Technologie (wieder) unter Kontrolle. Ob in "2001 – A Space Odyssey", "Tron", "I, Robot", "Transcendence" oder dem bislang letzten Teil der "Terminator"-Reihe "Terminator: Genisys" (2015): Selbst wenn am Filmende ein Restrisiko angedeutet wird, dass der Kampf noch nicht endgültig entschieden ist, zeugt der Sieg über die Künstlichen Intelligenzen davon, dass die Menschheit sich ungeachtet der Bedrohung gegenüber der Technologie behaupten kann. Die älteren "Terminator"-Filme und die "Matrix"-Reihe hingegen betonen die Möglichkeit einer apokalyptischen und/oder dystopischen Zukunft, in der nur wenige Menschen überleben.

Fazit

Die Thematisierung von Künstlicher Intelligenz im Spielfilm folgt also typischen Handlungsmustern, wobei das gesellschaftlich relevante Thema der technologischen Reproduktion und Optimierung menschlicher Eigenschaften sowie die Auswirkungen Künstlicher Intelligenzen auf Mensch und Gesellschaft auf verschiedene Weise ausgestaltet werden. Die meisten KI-Filme weisen dabei eine technikkritische Tendenz[7] auf, und die Zukunft mit Künstlichen Intelligenzen wird als wenig erstrebenswert in Szene gesetzt.[8] Viele Fiktionen fungieren als Warnungen davor, sich einer womöglich unkontrollierbaren Technik auszuliefern oder aber geben Hinweise, worauf zu achten wäre, um die Kontrolle über diese Technologie zu behalten. Demgegenüber werden die Chancen dieser Technologie nur angedeutet, und zwar in Form einzelner Erschaffungszwecke, die eine gesellschaftliche Relevanz aufweisen und das Leben vereinfachen könnten.[9] Fiktionale Filme beziehen also bestimmte Positionen; sie sind Teil eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses über Künstliche Intelligenz, der auf ähnliche Art und Weise von arrivierten Wissenschaftlern geführt wird: So betont etwa Stephen Hawking regelmäßig die Gefahren, aber auch Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz.[10]

Jenseits der Frage nach Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenzen finden sich auch Filme, die neue Handlungswege beschreiten und dadurch andere Fragen aufwerfen. Spike Jonzes "Her" beispielsweise versteht sich – laut Filmplakat – als "Love Story". Der Protagonist Theodore Twombly verliebt sich entsprechend der Genrekonventionen, allerdings nicht in eine menschliche Figur, sondern in sein neues Betriebssystem, das eine Künstliche Intelligenz namens Samantha ist. Tatsächlich kommen sich die beiden näher, gehen sogar so etwas wie eine Beziehung ein. Theodore ist dabei nicht der Einzige mit einer besonderen Technik-Beziehung, schon bald bilden die Betriebssysteme eine neue Bindungsoption für alleinstehende Menschen. Doch auch diese Künstlichen Intelligenzen wachsen schließlich ins Unendliche und führen nicht nur mehrere Beziehungen gleichzeitig, sondern begeben sich in neue Seinsebenen, um die unglücklichen Menschen erneut einsam zurückzulassen. Hier wird kein Krieg ums Überleben geführt, sondern vielmehr die Frage aufgeworfen, ob ein auf Künstlichkeit basierendes Bewusstsein zur Liebe fähig ist und geliebt werden kann. Künstliche Intelligenz – so der Film – wird unser Leben und vielleicht sogar unsere Art zu lieben verändern.

Spielfilme sind – bei allen Fragen, die sie aufzuwerfen in der Lage sind – Fiktionen. Sie sagen die Zukunft nicht voraus. Dennoch projizieren sie potenzielle Möglichkeitswelten technologischer Entwicklungen auf die Leinwand. Ob die Entwicklungen auf dem Gebiet der KI dazu führen, dass die Menschheit davon profitiert, sich ihr eigenes Grab schaufelt oder neue Optionen für vereinsamte Singles eröffnet werden? Die Zukunft außerhalb der Kinosäle wird es zeigen.
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Fußnoten

1.
Die unterschiedlichen Schreibweisen (nur Großbuchstaben oder – wie ein Name – nur mit dem ersten Buchstaben groß geschrieben) verweisen auf die unterschiedliche Aussprache im Film. Zumeist wird die KI mit "Hal" als Name zusammenhängend ausgesprochen. Nur eingangs ist von HAL die Rede, wobei jeder Buchstabe einzeln ausgesprochen und so der maschinelle Kontext betont wird. Mit der Redeweise als Name geht eine Personifizierung der Technologie einher, wodurch der Bezug zur Intelligenz der Technologie (im Gegensatz zu einer "dummen" Maschine) betont wird. Gleichzeitig ist der Name wegen der auf Aussprache-Ebene vorhandenen Ähnlichkeit zum englischen Wort hell (Hölle) negativ konnotiert.
2.
In vielen Filmen mit einer "Hyper-KI" nutzen die körperlosen Künstlichen Intelligenzen Möglichkeiten, sich einen Körper zu generieren oder über einen Körper zu agieren (etwa in "Transcendence" oder "Her"). Vergleichbar damit sind auch gesichts- oder körperimitierende Visualisierungen (wie in "Tron" oder "Terminator: Genisys"). Dies sind jedoch lediglich meist temporäre Formen, die der Kommunikation dienen, und sind daher nicht mit einer "Körper-KI" zu verwechseln.
3.
In "I, Robot" kommen beide Hauptthemen von Künstlicher Intelligenz im Film vor. Der Roboter Sonny kann als "Körper-KI" gelten, der den menschlichen Figuren des Films dabei hilft, die von "V.I.K.I." ausgehende Bedrohung für die Menschheit auszuschalten.
4.
Vgl. zum Aspekt der "Emanzipation der Technik vom Menschen" auch Karsten Weber, Roboter und Künstliche Intelligenz in Science-Fiction-Filmen: Vom Werkzeug zum Akteur, in: Jan A. Fuhse (Hrsg.), Technik und Gesellschaft in der Science Fiction, Berlin 2008, S. 34–54, hier S. 34.
5.
In den "Matrix"-Filmen agieren Maschinen gewissermaßen als Kollektiv, das als "Hyper-KI" fungiert.
6.
Im Gegensatz zu vielen anderen Beispielen bleibt "Transcendence" in der Reflexion der Gefahren Künstlicher Intelligenz verhältnismäßig ambivalent. Das Hauptziel der "Hyper-KI" ist die Rettung des Planeten durch den Einsatz von Nano-Technologien, die nicht nur Menschen, sondern auch die Natur wiederbeleben kann. Das Ziel mag demnach, im Gegensatz zur reinen Machtübernahme in anderen Beispielen, durchaus erstrebenswert sein, doch die Mittel zur Erreichung des Ziels werden infrage gestellt.
7.
Daniel Dinello prägte den in diesem Zusammenhang passenden Begriff "Technophobia". Vgl. Daniel Dinello, Technophobia! Science Fiction Visions of Posthuman Technology, Austin 2005. Zu Künstlicher Intelligenz vgl. das Kapitel "Machines Out of Control: Artificial Intelligence and Androids", S. 87–114.
8.
Diesen Aspekt betonen auch Elisabeth Bärenz und Lisa Xanke in ihrem Aufsatz zu Künstlichen Menschen in Literatur und Film, der entgegen des Titels das Thema KI jedoch nur am Rande aufgreift. Vgl. Elisabeth Bärenz/Lisa Xanke, Künstliche Intelligenz in Literatur und Film – Fiktion oder Realität?, in: Journal of New Frontiers in Spatial Concepts 4/2012, S. 36–43, hier S. 40, http://ejournal.uvka.de/spatialconcepts/wp-content/uploads/2012/03/spatialconcepts_article_1515.pdf«: "Die Darstellung von […] künstlich erzeugter Intelligenz kann somit Folge bzw. Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber den technischen Errungenschaften sein." Ähnlich auch Weber (Anm. 4), S. 34: "Roboter und KI in Science Fiction-Literatur und Film [stehen] stellvertretend für eine Technik […], deren Einsatz und Wirkung potenziell die Welt zerstören könnten – die Darstellung von Robotern und KI wäre somit Folge bzw. Ausdruck einer tiefen Skepsis der Technik gegenüber."
9.
In gewisser Hinsicht sind KI-Filme daher zumindest ansatzweise durchaus ambivalent in Bezug auf die Art und Weise der Technikreflexion. Vgl. allgemein zur Technikambivalenz Heinz-Peter Preußer, Technik und Technikkritik im dystopischen Film, in: Viviana Chilese/ders. (Hrsg.), Technik in Dystopien, Heidelberg 2013, S. 151–174.
10.
Vgl. etwa Gero von Randow, Zu intelligent fürs Leben, 13.9.2017, http://www.zeit.de/2017/38/kuenstliche-intelligenz-autonome-roboter-siri-alltag«; Florian Rötzer, Hawking warnt: Roboter können die Menschen ersetzen, 3.11.2017, https://www.heise.de/tp/features/Hawking-warnt-Roboter-koennten-die-Menschen-ersetzen-3878037.html«.
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