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26.5.2002 | Von:
Tobias J. Knoblich

Das Prinzip Soziokultur - Geschichte und Perspektiven

II. Soziokultur und Neue Kulturpolitik

Aus kulturpolitischer Sicht verbirgt sich hinter dem Begriff Soziokultur zunächst ein Reformanspruch, der Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre formuliert wurde und sich gegen die bis dahin eher restaurative Kulturpolitik des Nachkriegsdeutschlands West wandte. Den Begriff selbst brachten Hermann Glaser und Karl Heinz Stahl in die deutsche Debatte ein [4] . Es ging ihnen darum, die Gesellschaft durch Kultur zu demokratisieren und mit einem Kulturverständnis zu brechen, das die Welt des Geistes adelte und zur eigentlichen Kultur erhob, zu einem bürgerlich-idealistischen Reich, das sich von den Niederungen bloßer Zivilisation abwandte. Herbert Marcuse bezeichnete diese Kultur, in der dem Leben das Gute, Wahre und Schöne enthoben sei, bekanntlich als affirmativ - also bejahend. Mit ihr werde "ein Reich scheinbarer Einheit und scheinbarer Freiheit aufgebaut", worin die antagonistischen Daseinsverhältnisse eingespannt und befriedet werden sollten. Die Kultur bejahe und verdecke die neuen gesellschaftlichen Lebensbedingungen [5] . Kritik ist aber nur möglich, wenn mit diesem eigentlich aus der deutschen Klassik herrührenden Muster für das Bildungsbürgertum gebrochen wird, nach dem die "Niederungen" der Politik für Dichter und Künstler nicht von Bedeutung zu sein hätten [6] . Mit Kultur demokratisieren hieß folglich - und dazu diente die Vorsilbe "Sozio" -, sie ganzheitlich zu fassen, sie mit dem Leben zu versöhnen, Chancengleichheit zu verwirklichen und Mitbestimmung zu ermöglichen; hieß weg von einer elitären Hegemonialkultur des schönen Scheins, hin zu pluralisierten Formen ästhetischer Praxis mit einer "Kultur für alle" und "von allen" [7] . Programmatisch hieß dies die Überwindung tradierter Trennungen, etwa der von kulturellem und öffentlichem Raum, von Publikum und Künstler oder hoch professionalisierter Kunst und selbst organisiertem künstlerischem Schaffen. Jener Entwurf partizipativer Soziokultur bricht folglich mit dem Mentalitätsmuster, das die autonome bürgerliche Kultur trug, mit dem "unpolitischen Kulturmenschen". Kommunikation, ein Schlagwort dieser Stunde, müsse die Einseitigkeit aufbrechen, in der man neutral blieb.

Glaser und Stahl ging es im Zuge der Vollendung des Projekts Aufklärung um die "Wiederherstellung der Politik" (von Hentig), die sie an die "Wiederherstellung des Ästhetischen" knüpften [8] . Ästhetisches Lernen, gezielter Umgang mit Informationen, Kritikfähigkeit, die Vermittlung von Ethik und Ästhetik - dies sind Themen, deren umfassende Bewältigung zum Rückgewinn eines "Behagens in der Kultur" führen könne, wenn "die Mitbestimmung des Individuums durch Mitbestimmung in und an der Gemeinschaft . . . in den Spielräumen der Kultur" [9] eingeübt werde. Insofern ist für sie Soziokultur "der Versuch, vorrangig, neben anderen Aspekten, Kunst als Kommunikationsmedium zu begreifen . . ., die plurale Gesellschaft auf der kommunikativen Ebene zusammenzubringen" [10] . Damit überwinden sie einen "engen", abgeschotteten Kulturbegriff zugunsten einer Revitalisierung der Kunst als Medium lebendiger Auseinandersetzung. Mehr noch, Kunst wird nicht nur für den gesellschaftlichen Raum zurückgewonnen, sondern Kultur selbst infolge des Bedeutungszuwachses "weit" gefasst, nicht mehr auf Kunst eingeengt. Es geht nicht mehr nur um das kanonische Erbe, denn auch die Orte und Formen des eigenen Lebens und Handelns sind jetzt Gegenstand von Kultur.

Auf der räumlichen Ebene trifft sich diese Kritik mit jener am Städtebau nach 1945. Nicht erst die Erklärung des Deutschen Städtetages von 1973 zeigte, dass Bildung und Kultur als Elemente der Stadtentwicklung zu begreifen sind [11] , sondern schon eindringliche Appelle aus den sechziger Jahren wie etwa Alexander Mitscherlichs Streitschrift "Die Unwirtlichkeit der Städte" [12] verwiesen auf die Zersiedelung und typisierten Neubauten, die Entmischung von Wohnen und Arbeiten, die Identitätslosigkeit der Zentren, die einst Herzen der Stadt waren, fehlende Spielplätze oder Stätten der Begegnung und die daraus resultierenden sozialen Folgen. Die Wiederaneignung des Raumes, die sich auch mit der Forderung nach einer Neuordnung der Besitzverhältnisse an Grund und Boden verband, ist ein soziokulturelles Thema. Schon Mitscherlich forderte "städtische Begegnungsorte", in denen sich die Meinungsverschiedenheiten mit politischen Folgen kundgeben könnten [13] . Glaser und Stahl sprechen von "Orte[n] des Informationszugriffs, des Kommunikationsprozesses und eingreifenden Handelns" [14] , die möglichst ubiquitär (überall verbreitet) zu schaffen seien.

Fußnoten

4.
Vgl. Hermann Glaser/Karl Heinz Stahl, Die Wiedergewinnung des Ästhetischen. Perspektiven und Modelle einer neuen Soziokultur, München 1974 (erweiterte Neuauflage unter dem Titel "Bürgerrecht Kultur", Frankfurt am Main u. a. 1983). Zur Herkunft des Begriffs aus der europäischen Diskussion vgl. Norbert Sievers/Bernd Wagner, Soziokultur und Kulturpolitik, in: dies. (Hrsg.), Bestandsaufnahme Soziokultur. Beiträge-Analysen-Konzepte, Schriftenreihe des BMI, Stuttgart u. a. 1992, S. 12 (Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Essay von Bernd Wagner in dieser Ausgabe), und Hubert Kirchgäßner, Texte zur soziokulturellen Animation, Remscheid 1983. Eine Übersicht zur Neuen Kulturpolitik bietet Thomas Röbke (Hrsg.), Zwanzig Jahre Neue Kulturpolitik. Erklärungen und Dokumente 1972-1992, Hagen 1993.
5.
Herbert Marcuse, Über den affirmativen Charakter der Kultur, in: Kultur und Gesellschaft, Bd. 1, Frankfurt am Main 1965, S. 64
6.
Vgl. Georg Bollenbeck, Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters, München 1994, oder auch als essayistisches Beispiel Peter Merseburger, Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht, München 2000, S. 96, S. 111.
7.
Ein wichtiger Vertreter, auf den diese Formeln zurückgehen, die an Comenius' "Bildung für alle" erinnern, ist Hilmar Hoffmann. Vgl. etwa: Kultur für alle. Perspektiven und Modelle (1979), aktualisierte und erweiterte Auflage, Frankfurt am Main 1981. Die praktischen Forderungen für die Kulturpolitik fasst der folgende Band zusammen, in dem wichtige Vertreter dieser Diskussion, etwa Dieter Sauberzweig, Hermann Glaser, Olaf Schwencke und Dieter Baacke, vertreten sind: Hilmar Hoffmann (Hrsg.), Perspektiven der kommunalen Kulturpolitik. Beschreibungen und Entwürfe, Frankfurt am Main 1974.
8.
Vgl. H. Glaser/K. H. Stahl (Anm. 4), S. 145.
9.
Ebd., S. 141.
10.
Ebd., S. 25 f.
11.
Vgl. Deutscher Städtetag, Bildung und Kultur als Element der Stadtentwicklung, Köln 1973.
12.
Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit der Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt am Main 19696.
13.
Vgl. ebd., S. 83.
14.
H. Glaser/K. H. Stahl (Anm. 4), S. 141.