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26.5.2002 | Von:
Tobias J. Knoblich

Das Prinzip Soziokultur - Geschichte und Perspektiven

III. Soziokultur als räumliche Praxis

Diese Orte wurden in der Tat geschaffen, und sie sind wohl auch das Herzstück dessen, was heute als Soziokultur verstanden wird. Es würde aber zu kurz greifen, diese in der Folge als soziokulturelle Zentren zusammengefassten Einrichtungen ausschließlich auf die politischen Initiativen zurückzuführen, die mit dem Terminus Neue Kulturpolitik bezeichnet werden. Bereits vorher formten sich aus widerständigen Milieus und gegenkulturellen Strömungen Zentren, die für diesen Einrichtungstyp stehen können. Joachim Schulze betont in seiner Untersuchung von 1993, die sich mit Entstehungsgeschichten, Einflussmöglichkeiten und Wirkungen soziokultureller Einrichtungen auf die Stadtentwicklung auseinandersetzt, dass die Wurzeln selbstverwalteter Zentren in den "linken" Bewegungen der letzten 25 (nunmehr über 30) Jahre lägen und zumindest in Teilbereichen auf die Gegenentwürfe der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauenbewegung, Ökologiebewegung, Friedensbewegung) zurückgingen [15] . Die Entstehung der Zentren selbst sei ein Indikator für die Elaboriertheit, also den Entwicklungsgrad, des örtlichen Bewegungsmilieus, wichtig seien aber neben der Erweiterungsabsicht kultureller Angebote unter anderem auch die Existenz geeigneter Bauten, die genutzt werden können, die Suche nach parteiunabhängigen Partizipationsmöglichkeiten im kommunalpolitischen Bereich oder auch das Interesse an der Schaffung neuer Arbeitsplätze [16] . Die Zentren selbst ermöglichen eine gewisse Stabilität und Kontinuität in der Auseinandersetzung mit Positionen und deren Vertretung im städtischen Raum; sie schaffen Treffpunkte und konkurrierende Entwürfe zu bestehenden Einrichtungen, verräumlichen schließlich ihr kritisches Potential.

Der Hintergrund der "Karriere" soziokultureller Einrichtungen ist sicher sowohl in der kulturellen Praxis freier Initiativen, Gruppen und Bewegungsmilieus zu suchen als auch in den Bemühungen reformorientierter Kulturpolitiker. Der kulturpolitische Einfluss auf die Bewertung von Soziokultur zeigt sich am eindrucksvollsten wohl an der Beantwortung der Großen Anfrage an die Bundesregierung von 1990, die mit dem weihevollen Satz anhebt: "Die Soziokultur ist in den letzten Jahren zu einer festen Größe im kulturellen Leben der Bundesrepublik Deutschland geworden." [17]

Was sind nun aber genau "soziokulturelle Einrichtungen"? Nach Udo Husmann und Thomas Steinert ist eine inhaltliche Eingrenzung kaum möglich. Die Autoren wählen zur Bewertung in einem ersten Schritt jene Einrichtungen, die in der 1979 als eingetragener Verein gegründeten "Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren" respektive den Landesarbeitsgemeinschaften organisiert sind. Weiterhin gehen sie von einer Reihe gemeinsamer Merkmale aus, wie sie in der Satzung der Bundesvereinigung festgehalten werden, etwa Basis- und Nutzerorientierung, Praktizierung von Formen sozialer Arbeit sowie demokratischer Kultur, Integration verschiedener Altersgruppen, sozialer Schichten und Nationalitäten, Offenheit und Transparenz, nichtkommerzielle Ausrichtung etc. [18] Joachim Schulze definiert ein soziokulturelles Zentrum als "eine selbstverwaltete, von (Bürger-) Initiativen aus den ,Neuen Sozialen Bewegungen' durchgesetzte, aufgebaute und getragene Einrichtung, die eine in der Perspektive politisch begründete und ausgerichtete Kultur- und Sozialarbeit mit hohen Anteilen an Eigenaktivität der Nutzer(innen) entweder selbst leistet oder durch eine entsprechende Infrastruktur ermöglicht. Dabei bietet sie eine (bewusste) Alternative zu profitorientierten oder partei- beziehungsweise verbandskontrollierten Institutionen und zu kommunalen Einrichtungen." [19]

Ein wichtiger Akzent soziokultureller Arbeit besteht dabei in der Postition, dass "sozio-" nicht mit sozial identisch sei. Wenngleich auch Sozialarbeit und insbesondere Gemeinwesenarbeit eine gewichtige Rolle spielen und Vertreter dieses Bereichs zu Recht auf die mangelnde Stichhaltigkeit des oft behaupteten Gegensatzes zwischen Sozialarbeit und (Sozio-)Kulturarbeit in soziokulturellen Zentren verweisen [20] , liegt die Befürchtung wohl darin begründet, dass Sozialarbeit gemeinhin von konkreten Problemfällen her wirkt und der Begriff Soziokultur auf eine allgemeine Rückgewinnung des öffentlichen Raumes und seine Gestaltung (Autonomie, Selbstorganisation) verweist, also keinen "Reparaturcharakter" im Sinne eines Engagements für Benachteiligte verkörpert. Dessen ungeachtet ist die verbreitete Forderung nach einer gemeinsamen Quartierspolitik, in der Kultur- und Sozialpolitik zusammengedacht werden, sehr zu begrüßen, denn es geht schließlich um die Gestaltung einer Lebenspraxis "von unten", in der sowohl Lebensstile, kulturelle Praxen und sozialräumliche Gestaltungen als auch die Aktivierung von etwa für die Gemeinwesenarbeit typischen Gruppen (z. B. Jugendliche, Ausländer) eine Rolle spielen. So hat wohl die Denkformel Soziokultur in vergleichbarem Maße Einfluss auf Sozialarbeit wie diese auf die Soziokultur. Dennoch sind soziokulturelle Zentren nicht mit sozial-kulturellen Einrichtungen bzw. Nachbarschaftsheimen zu verwechseln.

Fußnoten

15.
Vgl. Joachim Schulze, Soziokulturelle Zentren - Stadter-neuerung von unten, Essen 1993, S. 18, auch S. 125 ff. Vgl. auch Jörg Stüdemann, Soziokulturelle Zentren im Umfeld der Neuen Sozialen Bewegungen. Die bundesdeutsche Situation, in: Olaf Schwencke u. a. (Hrsg.), Kulturelle Modernisierung in Europa. Regionale Identitäten und soziokulturelle Konzepte, Hagen 1993, S. 220 ff.
16.
Vgl. J. Schulze (Anm. 15), S. 133 ff.
17.
Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der SPD vom 25. 4. 1990, Drs. 11/6971, S. 1. Hier findet sich auch eine Darstellung der Grundzüge von Soziokultur, wie sie insbesondere für die Kulturpolitik der Neuen Bundesländer in den frühen 90er Jahren angewandt wurden, etwa im Strukturförderprogramm Soziokultur des Freistaates Sachsen.
18.
Vgl. Udo Husmann/Thomas Steinert, Soziokulturelle Zentren. Rahmenbedingungen und Grundfunktionen, Berufsfeld und Qualifikationsvoraussetzungen, Hagen 1993, S. 27 f.
19.
J. Schulze (Anm. 15), S. 232.
20.
Vgl. etwa Joachim Schulze, Gemeinwesenorientierung der Soziokultur. Beiträge zur (Wieder-) Herstellung von Autonomie der Lebenspraxis in einer "Sozialen Stadt", in: LAG Soziokultur Sachsen/Sächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Soziokultur in Sachsen. Ein gesellschaftliches Experimentierfeld, Dresden 1998, S. 41.